Diese Parteien verlieren bei Wählern mit Migrationshintergrund – AfD überrascht

Stand: 04.09.2026, 19:00 Uhr

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Keine Partei konnte ihre grundsätzliche Wählbarkeit steigern. Besonders stark sinken die Werte von SPD, Union und Linken bei Wahlberechtigten mit MENA- und Türkei-Bezug – während die AfD dort von mehr als 80 Prozent klar abgelehnt wird.

Berlin – SPD, CDU/CSU und Die Linke werden von Wahlberechtigten mit Bezug zur MENA-Region oder zur Türkei deutlich seltener als mögliche Wahloption angesehen als noch ein Jahr zuvor. Die zugrunde liegenden Befragungen fanden im Winter 2023/2024 und im Winter 2024/2025 statt.

Bei der Union sank der Anteil potenzieller Wähler in dieser Gruppe von 67 auf 50 Prozent, bei der Linken von 59 auf 45 Prozent und bei der SPD von 71 auf 60 Prozent. Keine der sechs untersuchten Parteien konnte ihre Wählbarkeit im Durchschnitt gegenüber dem Vorjahr steigern. 

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Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) wertete dafür Angaben derselben 2.631 Wahlberechtigten zu beiden Erhebungszeitpunkten aus. Unterschieden wurde zwischen Menschen ohne Migrationshintergrund sowie Wahlberechtigten mit Bezug zu EU-Staaten, zur MENA‑Region und zur Türkei sowie zu Ländern der früheren Sowjetunion.

Beatrix von Storch, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Berlin-Lichtenberg.

Beatrix von Storch, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Berlin-Lichtenberg. © picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

Gemessen wurde ausdrücklich nicht die aktuelle Wahlabsicht wie bei einer Sonntagsfrage. Die Befragten sollten für SPD, CDU/CSU, Grüne, FDP, Linke und AfD auf einer siebenstufigen Skala angeben, wie wahrscheinlich es sei, dass sie die jeweilige Partei jemals wählen würden. Werte von drei bis sieben wertete das DeZIM als grundsätzliche Wählbarkeit. 

Größter Rückgang bei Union in MENA- und Türkei-Gruppe

Besonders deutlich fällt die Veränderung bei Wahlberechtigten mit MENA- oder Türkei-Bezug aus. Der Anteil derjenigen, die CDU oder CSU grundsätzlich in Betracht ziehen, sank um 17 Prozentpunkte auf 50 Prozent. Bei der Linken betrug der Rückgang 14 Prozentpunkte, bei der SPD elf Punkte.

Auch bei der FDP sank die Wählbarkeit in dieser Gruppe von 56 auf 32 Prozent. Das DeZIM ordnet den Rückgang der Liberalen allerdings nicht als migrationsspezifisches Muster ein, weil die FDP auch unter Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund und mit EU-Bezug deutlich verlor. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund fiel ihr Wert beispielsweise von 57 auf 45 Prozent. 

Deutlich stabiler entwickelten sich die Werte insgesamt bei Menschen ohne Migrationshintergrund und bei Wahlberechtigten mit Bezug zu anderen EU-Staaten. Bei Gruppen mit Bezug zur früheren Sowjetunion oder zur MENA-/Türkei-Region nahm die Distanz zum untersuchten Parteienangebot dagegen tendenziell zu.

Friederike Römer, Leiterin der DeZIM-Abteilung Konsens und Konflikt und Mitautorin der Studie, spricht von einem möglichen „Warnsignal“. Ob sich darin eine längerfristige Entfremdung vom bestehenden Parteienangebot zeige, müssten weitere Befragungen klären.

AfD wird am stärksten ausgeschlossen

Die Untersuchung zeigt zugleich große Unterschiede bei der ausdrücklichen Ablehnung einzelner Parteien. Die AfD stößt unter allen Befragten auf die mit Abstand stärkste kategorische Ablehnung.

2025 bewerteten 67 Prozent der Teilnehmer die AfD mit dem niedrigsten möglichen Wert und schlossen sie damit mit Sicherheit aus. Bei Wahlberechtigten mit MENA- oder Türkei-Bezug waren es 81 Prozent. Rechnet man auch die zweithöchste Ablehnungsstufe hinzu, kamen in dieser Herkunftsgruppe 84 Prozent auf eine klare Ablehnung der Partei. 

Bei SPD und CDU/CSU lag die kategorische Ablehnung insgesamt dagegen bei ungefähr 20 Prozent. Für Grüne, FDP und Linke bewegte sie sich zwischen rund 40 und 50 Prozent.

Unter Menschen mit Bezug zur früheren Sowjetunion erreicht die AfD gleichzeitig ihr größtes Potenzial unter den untersuchten Herkunftsgruppen. 2025 konnten sich dort 45 Prozent grundsätzlich vorstellen, die Partei zu wählen. Dennoch lagen SPD mit 51 Prozent und CDU/CSU mit 62 Prozent auch in dieser Gruppe darüber. 

Herkunft erklärt Parteineigung nur teilweise

Die Studie widerspricht zugleich der Vorstellung eines einheitlichen Wahlverhaltens von Menschen mit Migrationsgeschichte. Herkunft ist zwar statistisch mit Parteineigungen verbunden, Geschlecht, Alter und Einkommen erklären Unterschiede jedoch häufig ebenso stark oder stärker.

Bei Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund steigt beispielsweise die Wählbarkeit von CDU/CSU mit dem Einkommen deutlich. Menschen mit einem Haushaltseinkommen von mindestens 5.000 Euro schließen die Union erheblich seltener aus als Befragte mit weniger als 3.000 Euro. Bei Menschen mit Migrationshintergrund fällt dieser Einkommenseffekt deutlich schwächer aus.

Auch beim Geschlecht zeigen sich parteipolitische Unterschiede. Frauen betrachten linke Parteien häufiger als wählbar, Männer eher konservative, rechte und rechtsextreme Parteien. Das Muster findet sich grundsätzlich auch bei Menschen mit Migrationshintergrund.

Beim Alter zeigt sich innerhalb der migrantischen Wahlbevölkerung ein weiteres Muster: Ältere Wahlberechtigte neigen stärker zur SPD und deutlich weniger zur AfD als jüngere Befragte mit Migrationshintergrund. 

Berater sieht Defizit bei Ansprache migrantischer Milieus

Politikberater Jade Madani sieht die Entwicklung nicht allein als migrationspolitisches Phänomen. „Fühlen sich Menschen nicht mehr von Parteien angesprochen, wenden sie sich politisch ab – unabhängig von ihrer Herkunft“, sagte Madani. Es gebe dennoch einen Zusammenhang zwischen parteipolitischer Ansprache und Wählerpotenzial.

Parteien, die sich unterdurchschnittlich um Milieus mit Migrationsgeschichte bemühten, bekämen dies stärker zu spüren. Madani verweist dabei auf die verfassungsrechtliche Rolle der Parteien bei der politischen Willensbildung. „Gerade in einer Einwanderungsgesellschaft gehört eine systematische Einbeziehung von Deutschen mit Migrationsgeschichte dazu – hier haben alle Parteien noch großen Nachholbedarf.“ Zugleich sei das potenzielle Wählerreservoir groß.

Nach Angaben des DeZIM haben derzeit etwa zwölf bis 14 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland einen Migrationshintergrund. Ihr Anteil dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen. Die Autoren betonen zugleich, dass Herkunftsgruppen sehr unterschiedliche Biografien, soziale Lagen und politische Erfahrungen umfassen und deshalb nicht als geschlossene politische Blöcke betrachtet werden können.