Dieser Ort ist akribisch geplant worden – aus einzigartigem Grund
Stand: 27.08.2026, 22:05 Uhr
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Ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern war einst eine Skizze für etwas ganz Großes. Das geplante Mestlin war besonders für ein Haus bekannt – das einen seltsamen Wandel durchlebte.
Wer heute durch Mestlin fährt, sieht ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, rund 40 Kilometer östlich von Schwerin, mit gut 750 Einwohnern und viel Stille. Und dann, mitten im Ort, ein Gebäude, das hier nicht hinzuzugehören scheint: ein neoklassizistisches Kulturhaus mit Säulenvorbau, Theatersaal und Bühne – dimensioniert für eine Großstadt, gebaut aber für ein Dorf.
Mestlin ist kein gewöhnlicher Ort. Es ist das einzige vollständig realisierte sozialistische Musterdorf der DDR – und damit ein steinernes Zeugnis eines politischen Experiments, das scheiterte, bevor es richtig begann.
Verfall und Rettung eines geplanten Ortes: Mestlin war einst ein Musterdorf der DDR
Anfang der 1950er Jahre beschloss die SED-Führung, Mestlin zum Vorzeigeprojekt des Sozialismus auf dem Land zu machen. Das Ziel war klar formuliert: gleiche Lebens- und Arbeitsbedingungen in Stadt und Land schaffen – und der Welt beweisen, dass der Sozialismus auch im Dorf funktioniert.

Auf einer ehemaligen Ackerfläche zwischen dem historischen Dorfkern und einer neu entstandenen Siedlung entstand ab 1952 ein komplett geplantes Ensemble, berichtete einst die Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommerns. Schule, Ambulatorium, Wohnblöcke, Verwaltungsgebäude, Geschäfte, Post, Kindergarten und Krankenhaus – alles innerhalb weniger Jahre hochgezogen. Im Zentrum des neuen Mestlin: der Marx-Engels-Platz, angelegt 1954, mit dem Kulturhaus als dominantem Mittelpunkt. Ursprünglich sollten allein in Mecklenburg-Vorpommern fast 500 Dörfer nach diesem Vorbild entstehen. Am Ende blieb Mestlin das einzige.
Kulturhaus im Dorfzentrum: Ein opulentes Bauwerk war fast größer als der Ort selbst
Das Herzstück des Musterdorfs war das Kulturhaus, errichtet zwischen 1954 und 1957 nach Plänen des Architekten Erich Bentrup. Der Bau vereint sozialistischen Klassizismus – auch Stalin-Barock genannt – mit Elementen der klassischen Bürgertradition. Doch das Projekt war recht groß dimensioniert, heißt es weiter. Denn die geplanten Baukosten beliefen sich zunächst auf 1,2 Millionen Mark. Die tatsächlichen Kosten betrugen dann sogar 3,5 Millionen Mark.
Mit 700 Quadratmetern für Saal und Bühne, dazu Klubgaststätte, Weinstube, Standesamt, Zentralbibliothek und Kino war das Kulturhaus für ein Dorf dieser Größe schlicht zu groß. Dennoch: Bis zur Wende kamen laut dem NDR jährlich mehr als 50.000 Menschen aus Mestlin und Umgebung ins Haus. DDR-Prominenz wie die Band Karat oder Frank Schöbel traten auf, das DDR-Fernsehen berichtete regelmäßig.
Geplantes Mestlin in der DDR wurde zum Sehnsuchtsort – auch wegen der Konsummöglichkeiten
Mestlin entwickelte sich zu einem Sehnsuchtsort in der DDR, denn dort sollte es an nichts mangeln. Allein im Jahr 1960 wurden fast 90 Fernseher, 30 Motorräder und 20 Kühlschränke von der Konsumgenossenschaft verkauft – Zahlen, die anderswo undenkbar gewesen wären.
Die Bevölkerung wuchs zeitweise auf 1.700 Einwohner an, junge Familien zog es wegen der hervorragenden Infrastruktur aus dem Umland nach Mestlin. Das sozialistische Schlaraffenland funktionierte allerdings nur durch ständigen Geldsegen aus Ost-Berlin. Als dieser nach der Wiedervereinigung ausblieb, verließen viele Menschen den Ort – und die Fassaden des Kulturhauses begannen zu bröckeln.
Kulturhaus im Wandel: Erst DDR-Prunk, dann Disco und Schlamm-Catchen, jetzt bedeutendes Denkmal
Nach der Wende erlebte das Kulturhaus einen traurigen Absturz: Ein Investor verwandelte es in eine Diskothek, Wandbilder wurden übermalt, Kronleuchter verschwanden, Schlamm-Catchen hinterließ Spuren auf dem Parkett. Erst 2009 gründete sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin, der einen jahrelangen Sanierungs-Marathon startete. 2011 wurde das Gebäude als national bedeutsames Denkmal anerkannt, 2017 konnte das Kulturhaus wiedereröffnen. Im selben Jahr erhielt der Verein den Deutschen Preis für Denkmalschutz.