Milliarden-Verwalter in der Kühne-Welt: Thomas Staehelin ist Präsident der reichsten Stiftung der Schweiz
Diskreter Verwalter der Kühne-Milliarden: Thomas Staehelin leitet die reichste Stiftung der Schweiz
Der Basler Anwalt war mit Klaus-Michael Kühne befreundet. Nach dem Tod des Logistikunternehmers besetzt er die Schlüsselposition in dessen Reich. Wie wohlhabende Familien funktionieren, weiss er auch aus persönlicher Erfahrung.
30.08.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Der Anwalt Thomas Staehelin hat auch mit 78 Jahren noch eine volle Arbeitswoche.
Kenneth Nars / CH Media
Ein Profi-Verwaltungsrat wie Thomas Staehelin hat seine Tricks. Er hielt Sitzungen gerne in seinem Sommerwohnsitz am Vierwaldstättersee ab. Wenn dann im Anschluss das ganze Gremium die Badehose anziehe und ins Wasser springe, könne das verkrampfte Diskussionen unglaublich entspannen, sagte er einst.
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Der Basler Anwalt muss es wissen. Zeitweise sass er gleichzeitig in über fünfzig Verwaltungsräten. Das hört sich nach viel an, doch wenn man es auf die aktiven Mandate bei etwas grösseren Firmen beschränkt, waren es zu Spitzenzeiten «nur» jeweils ein halbes Dutzend.
Heute, im Alter von 78, sind es weniger solche Posten. Doch die vermutlich grösste Aufgabe hat der Jurist eben erst angetreten – und Diskussionen dürfte sie ebenfalls mit sich bringen. Staehelin rückt für den am vergangenen Sonntag verstorbenen Klaus-Michael Kühne als Präsident von dessen Stiftung nach und amtet als Willensvollstrecker des deutschen Milliardärs.
Plötzlich die reichste Stiftung
Die Kühne-Stiftung erbt das Vermögen des kinderlosen Logistikunternehmers. Damit dürfte sie auf einen Schlag je nach Schätzung irgendwo zwischen 20 und 35 Milliarden Franken schwer sein und so die mit Abstand reichste ihrer Art in der Schweiz. Zum Vergleich: Bei der Sandoz- und der Bucherer-Stiftung gehen Schätzungen von einem Vermögen von etwa 8 beziehungsweise 4 Milliarden aus.
Staehelin obliegt es nun, zusammen mit dem Stiftungsrat das Geld im Sinne Kühnes einzusetzen. Künftig dürften der Stiftung pro Jahr mehrere hundert Millionen Franken an Dividenden zufliessen.
Wie Kühne tickte und was ihm wichtig war, weiss Staehelin wie kaum ein anderer. Die beiden trafen sich erstmals 1975 in einem Basler Advokaturbüro, wie er sich im Gespräch erinnert. Damals holte sein Mentor und Senior-Partner Leo Fromer den jungen Anwalt zu einer Sitzung mit dem Unternehmer dazu.
Später nahm Staehelin Einsitz im Verwaltungsrat von Kühne + Nagel, in der Beteiligungsgesellschaft Kühne Holding und im Stiftungsrat der Kühne-Stiftung.
Gemeinsam auf der Lenzerheide
Aus der geschäftlichen ist über die Jahrzehnte auch eine freundschaftliche Beziehung geworden. Man teilte die Begeisterung für klassische Musik oder kam auf der Lenzerheide zusammen, wo beide ein Feriendomizil hatten – und Staehelin die lokale Bergbahngesellschaft präsidierte.
Die Bekanntschaft der Familien führte dazu, dass Kühne auch Staehelins Sohn Tobias in den Verwaltungsrat von Kühne + Nagel und in den Stiftungsrat der Kühne-Stiftung holte. Durch diese Mandate im Kühne-Orbit ist auch Staehelin junior mit der Materie vertraut. Tobias Staehelin ist zudem in der Familienfirma mütterlicherseits eingespannt, dem Lifthersteller Schindler.
Denn Thomas Staehelins Frau stammt als geborene Bonnard aus jener Familie, die zusammen mit den Schindlers den Zentralschweizer Industriekonzern kontrolliert. Dort sitzt der junge Staehelin nach verschiedenen Stationen im Management als Vertreter der fünften Generation der Mehrheitsaktionäre im Verwaltungsrat. Der 48-Jährige gilt als potenzieller Kandidat, wenn die Familien dereinst wieder einmal einen Präsidenten bei Schindler stellen sollten.
Kein Druck für Veränderungen
Bis heute ist die Kühne-Stiftung in vier Bereichen tätig: Logistik, Medizin, Klimaschutz und Kultur. 2026 stellte sie für ihre Projekte rund 65 Millionen Franken bereit. Auch wenn ihr künftig viel mehr Mittel zufliessen, sieht Thomas Staehelin keinen Druck, am Gebilde oder an der Ausrichtung sofort etwas zu ändern. «Wir sind gut aufgestellt und müssen nichts überstürzen», sagt er betont gelassen. Wo und wie die Stiftung ihre Tätigkeit vertiefen werde, werde man schrittweise entwickeln, so wie Klaus-Michael Kühne sich das gewünscht habe.
Die Vertretung von Familien oder anderen grossen Aktionären in Verwaltungsräten wie im Fall von Klaus-Michael Kühne ist die Spezialität, auf die sich Thomas Staehelin als Wirtschaftsanwalt konzentriert hat. Dies tut oder tat er oft über viele Jahre hinweg – so etwa bei dem Spezialtextilienhersteller Lantal, dem Vakuumtechnikunternehmen Inficon oder der Scobag, der Privatbank der Roche-Erben, bei der er als Präsident wirkte. Andere Mandate waren der Bodenabfertiger Swissport oder die Hotelkette Radisson.
Dazu kamen standesgemäss Funktionen im Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, der Basler Handelskammer und in gemeinnützigen Organisationen. Nur in der Politik musste er eine Niederlage einstecken, als er als Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei 1995 vergeblich versuchte, von der SP den Basler Ständeratssitz für die Bürgerlichen zurückzuerobern.
Grossvater überlebte «Titanic»-Unglück
Zwar stammt Staehelin aus dem Zweig einer alten Basler Familie, der früher vor allem Theologen und Mediziner hervorgebracht hat – sein Urgrossvater war Pfarrer am Basler Münster. Doch was die Vernetzung in der Schweizer Wirtschaft anbelangt, hatte er dennoch ein Vorbild in der Familie.
Sein Grossvater Max Staehelin-Maeglin – er erlangte eine gewisse Bekanntheit als Überlebender des «Titanic»-Schiffsunglücks – war Präsident des Schweizerischen Bankvereins und des Chemieunternehmens Ciba, aber auch Verwaltungsrat bei Nestlé, Sulzer, BBC, um nur einige zu nennen.
Ursprünglich wollte Thomas Staehelin gar nicht Anwalt werden. Nach seinem Jus-Studium hängte er eine Banklehre an. Es zog ihn ins Finanzzentrum London, wo er 1973 im Devisenraum der Bankverein-Niederlassung war, als gerade das Bretton-Woods-System der fixen Wechselkurse zusammenbrach. Später bot ihm die Investmentbank S. G. Warburg eine Stelle an. Er kehrte dann aber nach Basel zurück, um auf Wunsch seines Vaters doch noch das Anwaltsexamen zu machen.
Bis heute hat er den Entscheid nicht bereut. Das zeigt sich daran, dass er 14 Jahre nach dem Erreichen des offiziellen Pensionsalters noch immer eine richtige Arbeitswoche hat. «Aber nicht mehr 80 oder 90 Stunden wie früher», sagt Staehelin.
Stolz auf den Quantencomputer
In den vergangenen Jahren gehörte dazu immer mehr die Arbeit als Immobilienentwickler. Staehelin und seine Familie investieren über eine halbe Milliarde Franken in den Industriepark Uptown Basel in der Baselbieter Vorortsgemeinde Arlesheim. Sein grosser Stolz ist die Anschaffung des ersten Quantencomputers der Schweiz, den Firmen dort kommerziell nutzen können. Er kommt ins Schwärmen, wenn er erzählt, wie sich auf dem Areal Startups entwickeln sollen.
Doch im Moment muss er die Betreuung der eigenen Investments etwas zurückstecken und dafür sorgen, dass die Kühne-Milliarden nach dem Willen des Stifters kanalisiert werden. Dazu kommt früher oder später auch die Besetzung der eigenen Nachfolge in der Kühne-Welt. Wenn es dann an den Sitzungen schwierig wird, hilft vielleicht ein Sprung in den Vierwaldstättersee – wohin er vor ein paar Jahren auch seinen offiziellen Wohnsitz verlegt hat.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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