«Micky Maus»-Heft: Seit 75 Jahren am Kiosk – aber wie lange noch?
Disney-Magazin feiert Jubiläum «Micky Maus»-Heft: Seit 75 Jahren am Kiosk – aber wie lange noch?
Zwei schwarze Ohren, ein rotes Heft – und eine kleine Unstimmigkeit: Micky Maus feiert 75. Geburtstag, obwohl sie schon in den 1930er-Jahren am Zürcher Kiosk lag. Seither hat das Heft Generationen überdauert. Aber überlebt es auch Generation Tiktok?
30.08.2026, 11:58
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Eigentlich stimmt etwas nicht mit diesem Geburtstag. Das «Micky Maus»-Magazin feiert sein 75-jähriges Bestehen im deutschsprachigen Raum. Doch die Maus lag hier schon viel früher am Kiosk – und zwar in Zürich.
Bereits 1936 brachte der Bollmann-Verlag ein Heftchen heraus. 25 Rappen kostete es, 18 Nummern erschienen. Dann war Schluss. «In der damaligen Zeit war das viel Geld», sagt Comic-Experte Cuno Affolter.
Erst 1951 folgte der Neustart, der heute als Beginn des «Micky Maus»-Magazins gefeiert wird.
Seit 75 Jahren in den Auslagen der Schweizer Kioske: die «Micky Maus»-Hefte. Das Cover von Ausgabe Nummer 1 vom September 1951 schmückten Micky und Goofy – hier zu sehen in einem Reprint von 2011.
Keystone/Clemens Bilan/dapd
Damals traf das Heft auf eine gänzlich andere Welt. Affolter nennt es ein «typisches Nachkriegsprodukt». Erstmals hätten viele Jugendliche über eigenes Geld verfügt, gleichzeitig gab es noch kein Internet, das Fernsehen spielte kaum eine Rolle.
«Micky Maus» war neu, bunt und hatte wenig Konkurrenz.
Tiktok statt Entenhausen
Heute kämpft das Heft mit Tiktok, Games und Streaming um Aufmerksamkeit. Wurden nach dem Mauerfall zeitweise rund eine Million Exemplare verkauft, liegt die Auflage heute bei etwa 50'000. «Die ‹Micky Maus› spielt heute am Kiosk keine grosse Rolle mehr», so Affolter.
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Bild 1 von 3. Im Laufe der Jahre wandelte sich das Heft. Die Figur Micky Maus wanderte ins Logo, verschwand aber zunehmend aus den Cover-Storys. (1988).
Bildquelle: KEYSTONE/Lisa Maire.
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Bild 2 von 3. Seite Jahren lockt das Magazin, das sich zwischenzeitlich «Jugendmagazin» nannte, mit Hochglanz-Covern und vorn angepappten Gimmicks. (2020).
Bildquelle: IMAGO/STPP.
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Bild 3 von 3. Nach 75 mehr oder weniger fetten Jahren ist nun die Jubiläumsausgabe erschienen, die mit dem Slogan «75 Jahre Kichern Forever» vermarktet wird.
Bildquelle: KEYSTONE/DPA/Sebastian Christoph Gollnow.
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Er zweifelt sogar daran, dass das Magazin noch 10 oder 20 Jahre bestehen wird. Das Heft sei heute zudem stark an die beigelegten Gadgets gebunden. Tatsächlich wirbt auch die aktuelle Jubiläumsausgabe mit einem Spielzeug als Extra.
Der heimliche Held heisst Donald
Mit dem Markt veränderte sich auch die inhaltliche Ausrichtung des Hefts. Auf dem Titel steht «Micky Maus», in den Geschichten dominiert längst Donald Duck. Für Cuno Affolter ist das kein Zufall: Micky sei eine «typische leere Figur».
Donald hingegen habe das, was Micky fehle: «Der Typ ist cholerisch, der Typ spinnt ein wenig, hat komische Ideen.» Gerade das mache ihn als Comicfigur interessanter.
Seufz! Donald Duck ist ein Choleriker mit Ecken und Kanten, und fährt auch in «Micky Maus»-Heften regelmässig aus der Haut.
IMAGO / STPP
Dass Micky trotzdem im Titel bleibt, liegt an seiner enormen Wiedererkennbarkeit: zwei schwarze Ohren reichen. «‹Micky Maus› ist eine internationale Marke», sagt Cuno Affolter. Die Figur ist längst mehr als ein Comic: Logo, T-Shirts, Videospiele, Spielzeuge und Symbol der Popkultur.
Lesen statt Wischen
Was also bietet ein «Micky Maus»-Heft Kindern heute, was Tiktok nicht kann? Affolters Antwort ist erstaunlich schlicht: «Kinder können damit lesen lernen.» Denn ein Comic liefert seinen Rhythmus nicht fertig mit wie ein Film oder Video.
Die Augen springen von Bild zu Bild, lesen Sprechblasen, ergänzen das, was zwischen zwei Panels passiert. Das vermeintlich einfache Heft verlangt aktive Mitarbeit.
Seufz, kicher, freu! Woher kommt der Sprech in der «Micky Maus»?
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Erika Fuchs, war die erste Chefredakteurin des «Micky Maus»-Magazins. Jahrzehntelang übersetzte sie Disney-Comics ins Deutsche und hat dabei die deutsche Schriftsprache mit neuen Elementen bereichert.
Für nicht-visuelle Aspekte des Geschehens im Comic verwendete Fuchs zuweilen auf den Wortstamm verkürzte Verben – so etwa «kicher», «raschel», «quietsch» oder auch «stöhn», «freu» und «kreisch».
Der Comic-Slang ist längst Teil unserer Alltagssprache. Ihr zu Ehren wird er auch als Erikativ bezeichnet.
Vielleicht sind die alten Ausgaben deshalb heute sogar auf eine neue Weise wertvoll. «Eigentlich müsste man alle ‹Micky Maus›-Magazine für die Nachwelt konservieren», sagt Cuno Affolter. Denn die Hefte seien «ein Abbild unserer Gesellschaft».
Sie zeigen, wann Fernseher in die Wohnzimmer einzogen, wie sich Sprache, Technik oder Rollenbilder veränderten – und was Kinder verschiedener Generationen zum Lachen brachte.
Ein Ende muss nicht das Ende sein
Das «Micky Maus»-Magazin ist mit 75 wirtschaftlich nicht mehr der Gigant von einst. Kulturgeschichtlich aber wächst sein Wert. Denn längst erzählt es nicht mehr nur Geschichten aus Entenhausen, sondern auch die Geschichte der Gesellschaft, die es gelesen hat.
SRF 1, Tagesschau, 29.8.2026, 19:30 Uhr