11.000 Kriminelle gefasst, 70.000 Einreisen blockiert: Was Dobrindts Grenzoffensive wirklich gebracht hat

Dobrindt stoppt 70.000 illegale Einreisen – doch gleichzeitig sinken Abschiebungen um fast ein Fünftel

Stand: 21.08.2026, 21:40 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Mehr Kontrollen, weniger Abschiebungen – und fast doppelt so viele freiwillige Ausreisen wie Abschiebungen: Was steckt hinter den neuen Zahlen?

Berlin – Seit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am 7. Mai 2025 – dem ersten Arbeitstag der Merz-Regierung – verschärfte Grenzkontrollen an allen deutschen Außengrenzen angeordnet hat, sind nach Angaben der Bundespolizei mehr als 70.000 illegale Einreisen unterbunden worden. Das geht aus exklusiven Zahlen hervor, die der Bild-Zeitung vorliegen.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Flughafen Leipzig/Halle. (Archivfoto)

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Flughafen Leipzig/Halle. (Archivfoto) © Hendrik Schmidt/dpa

Gleichzeitig zeigen neue Daten aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion, dass die Zahl der Abschiebungen im ersten Halbjahr 2026 deutlich gesunken ist – während die freiwillige Ausreise überwiegt. Die Zahlen zeichnen ein widersprüchliches Bild der deutschen Migrationspolitik.

Dobrindts Grenzkontrollen: 70.000 gestoppte Einreisen in 464 Tagen

Vom 8. Mai 2025 bis zum 15. August 2026 – einem Zeitraum von 464 Tagen – hat die Bundespolizei an den deutschen Land- und Luftgrenzen insgesamt mehr als 70.000 illegale Einreisen verhindert. An den Landgrenzen wurden laut Bild 57.973 unerlaubte Einreiseversuche registriert. Die meisten Aufgegriffenen kamen aus der Ukraine (7515 Personen), aus Afghanistan (4842) und der Türkei (4834). Hinzu kamen 12.639 verhinderte illegale Einreisen an deutschen Flughäfen – davon 7859 aus dem Schengen-Raum.

Neben den gestoppten Einreisen wurden an den Landgrenzen 11.018 per Haftbefehl gesuchte Personen gefasst, 1672 Schleuser aufgegriffen und 1970 Personen wegen politischer Kriminalität – darunter links- und rechtsextremistische sowie islamistische Delikte – festgenommen. Besonders unter Druck steht laut Bundespolizei die Grenze zu Frankreich, über die viele Migranten auf dem Weg über Spanien und Italien versuchen, nach Deutschland einzureisen. Dobrindt hat die Grenzkontrollen zuletzt bei der EU-Kommission erneut verlängert.

Dobrindts bisherige Bilanz: Abschiebungen rückläufig – freiwillige Ausreise überwiegt

Trotz der verschärften Grenzpolitik ist die Zahl der Abschiebungen aus Deutschland gesunken. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 9663 Personen abgeschoben – ein Rückgang von 18,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum reisten 17.892 Ausreisepflichtige freiwillig aus – fast doppelt so viele wie abgeschoben wurden. Bundesmittel zur Förderung der freiwilligen Ausreise erhielten dabei lediglich 9276 Personen, also weniger als die Hälfte der freiwillig Ausgereisten.

Zur Jahresmitte lebten in Deutschland knapp 259.000 Ausreisepflichtige, von denen 77 Prozent eine Duldung besaßen. Eine Duldung wird erteilt, wenn eine Abschiebung vorübergehend nicht möglich ist – etwa weil Reisedokumente fehlen oder gesundheitliche Gründe dagegen sprechen. Etwas mehr als 60 Prozent der Ausreisepflichtigen sind abgelehnte Asylsuchende. Der Rest setzt sich aus anderen Gruppen zusammen, darunter Arbeitsmigranten ohne Beschäftigung, Touristen mit abgelaufenem Visum oder ehemalige Studierende ohne neuen Aufenthaltstitel.

Einer der Gründe für den Rückgang der Abschiebungen dürfte sein, dass seit Anfang 2025 deutlich weniger Menschen in Deutschland Asyl beantragen. Hinzu kommen praktische Hindernisse: Im ersten Halbjahr 2026 scheiterten 734 Abschiebungen nach der Übernahme durch die Bundespolizei – in 130 Fällen wegen Widerstandshandlungen der Betroffenen, in 56 Fällen wegen medizinischer Bedenken.

Abschiebungen sorgen für hohe Kosten – Linke kritisieren rigoroses Durchsetzen

Die Kosten für die Sicherheitsbegleitung bei Abschiebungen beliefen sich im selben Zeitraum auf rund 5,93 Millionen Euro. Der teuerste Einzelflug war eine Sammelabschiebung vom Flughafen Leipzig/Halle nach Pakistan im Mai 2026: rund 518.000 Euro für das Fluggerät, finanziert durch die EU-Grenzschutzagentur Frontex. An Bord befanden sich 33 Ausreisepflichtige und 75 Bundespolizisten. Zwei Sammelabschiebungen nach Afghanistan im April und Juni 2026 kosteten jeweils mehr als 300.000 Euro – ohne Frontex-Beteiligung. Mehrere Flüge nach Nigeria, die auch andere westafrikanische Staaten ansteuerten, wurden mit je rund 400.000 Euro von Frontex mitfinanziert.

Die fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Clara Bünger, kommentierte die Zahlen kritisch: „Auch wenn die absolute Zahl leicht abgenommen hat: Abschiebungen werden immer rigider durchgesetzt.“ Sie fordert „humanitäre Bleiberechtsregeln statt Abschiebungen um jeden Preis“. Bünger kritisiert zudem, dass im ersten Halbjahr 2026 bereits 84 Menschen nach Russland abgeschoben wurden – nach 126 Abschiebungen dorthin im Gesamtjahr 2025.

Kosten entstehen aber auch auf anderer Seite: In 867 Fällen verhängte die Bundespolizei nach Regierungsangaben im ersten Halbjahr ein Zwangsgeld gegen eine Fluggesellschaft, weil sie einen Ausländer ohne gültigen Aufenthaltstitel beziehungsweise Pass nach Deutschland gebracht hatte. Die Gesamtsumme lag bei rund 1,46 Millionen Euro. Pro unrechtmäßig beförderter Person werden laut Gesetz zwischen 1000 und 5000 Euro fällig. (Quellen: Bild-Zeitung, Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion, dpa) (nak)