Drei Jahre nach dem Union-Märchen im Bernabéu: Wir Helden von Madrid
Es war einer dieser Tage, an denen man spüren konnte, dass der Sommer langsam zu Ende geht. Zwar war es in Madrid am 20. September 2023 noch ziemlich warm, 24 oder 25 Grad am späten Nachmittag, aber das Licht veränderte sich allmählich. Waren die Tage in den Wochen und Monaten zuvor schier endlos, ging die Sonne an jenem Tag schon kurz nach 20 Uhr unter. Auf der Puerta del Sol, der Gran Vía oder im Retiro-Park flanierten immer noch zahlreiche Menschen, Touristen saßen in den Cafés und besten Tapas-Bars der Stadt, doch die Aufmerksamkeit vieler richtete sich in diesen Stunden auf das Estadio Santiago Bernabéu.
Bellingham traf für Real in der Nachspielzeit
Nicht wenige Besucher, die tagsüber in den Straßen lautstark auf sich aufmerksam gemacht hatten, kamen aus Berlin – und das aus besonderem Grund. Der 1. FC Union feierte sein Debüt in der Champions League ausgerechnet beim größten Klub im europäischen Vereinsfußball. Bis in die Nachspielzeit schnupperten die Köpenicker an der Sensation, hielten lange ein 0:0 bei Real Madrid. Am Ende einer heroischen Abwehrschlacht traf Jude Bellingham doch noch zum Sieg für die Gastgeber. Das Endergebnis änderte nichts an der Tatsache, dass der Abend in der spanischen Hauptstadt den fußballerischen Höhepunkt in der Vereinsgeschichte darstellte.
Drei Jahre später stehen nur noch zwei Spieler aus der damaligen Startelf bei Union unter Vertrag. Vier Trainer wurden in der Zwischenzeit entlassen. Wo sind die Helden von damals heute aktiv? Wer hat seine Laufbahn schon beendet? Und wer konnte die Zeit bei Union als Karriere-Sprungbrett nutzen?
Bundesliga
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Frederik Rönnow (Torhüter)
Der Torhüter zeigte in Madrid eine bärenstarke Leistung. Alles, was bis zum Gegentor auf seinen Kasten kam, parierte er in herausragender Manier. Noch heute steht er bei den Eisernen zwischen den Pfosten und hat seinen Status als Nummer eins gegen alle Herausforderer, die in den letzten drei Jahren kamen, stets behauptet. Im August ist er 34 Jahre alt geworden, für einen Torhüter noch keine Zeit, in den sportlichen Ruhestand zu gehen. Allerdings hatte Rönnow immer mal wieder mit Verletzungen zu kämpfen, in diesem Jahr fehlte er monatelang und verpasste so die komplette Sommer-Vorbereitung.
Leonardo Bonucci (Abwehr)
Das Spiel in Madrid war das Debüt des italienischen Europameisters im Union-Trikot. Zweieinhalb Wochen zuvor war seine Verpflichtung Ausdruck der Ambitionen, die die Berliner damals hatten. Bonucci kam ablösefrei von Juventus Turin, brachte Glanz und Glamour mit in die Alte Försterei. Seine Premiere war vielversprechend. Das Abwehrbollwerk hielt auch deshalb so lange, weil er stets die Ruhe bewahrte und mit seiner riesigen Erfahrung auch seine Nebenleute positiv beeinflusste. In den Wochen danach war er auf dem Platz allerdings fehleranfällig und kam nur zu neun weiteren Einsätzen. Nach nur vier Monaten im Union-Dress wechselte er zu Fenerbahçe in die Türkei. Heute gehört er dem Trainerstab der italienischen Nationalmannschaft an und absolviert seine Trainer-Ausbildung.
Leonardo Bonucci (r., hier mit Urs Fischer) war im Bernabéu bester Feldspieler bei Union.
© Matthias Koch/imago
Danilho Doekhi (Abwehr)
Abwehrhüne, Dauerbrenner, Mr. Zuverlässig: Danilho Doekhi entwickelte sich bis zu seinem Vertragende im Juni dieses Jahres zu einem der wichtigsten Spieler bei Union. Ab Februar 2024 absolvierte er 89 Pflichtspiele für den Verein, ohne eine einzige Minute zu verpassen. Dass der Niederländer in der Defensive fehlt, merkt man schon in den ersten Wochen der neuen Spielzeit deutlich. Inzwischen steht er bei Lazio Rom unter Vertrag und hat mit seinem neuen Klub als Stammspieler in der Viererkette einen Traumstart in die diesjährige Serie-A-Saison hingelegt. Aus vier Spielen holte der Hauptstadtklub zehn Punkte.
Diogo Leite (Abwehr)
Auch Diogo Leite spielt mittlerweile für Lazio Rom. Bis der Wechsel allerdings wirklich unter Dach und Fach war, dauerte es eine ganze Weile. Der 27-Jährige wurde nach seinem Vertragsende bei Union über zwei Monate als vereinsloser Spieler gelistet. Letztlich entschied er sich für einen Wechsel nach Italien, Anfragen aus der Bundesliga soll er zuvor abgelehnt haben. Die Hoffnung ist groß, sich mit stabilen Leistungen in der Serie A noch einmal für die portugiesische Nationalmannschaft empfehlen zu können. Zweimal wurde er 2023 und 2024 eingeladen, zum Einsatz kam er aber nicht. Mit den schwächer werdenden Leistungen von Union entfernte auch er sich mehr und mehr von weiteren Berufungen.
Kommentar
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Josip Juranović (Abwehr)
Neben Rönnow ist der Kroate der zweite Akteur aus der damaligen Startelf, der heute noch für Union spielt. Nach einem sehr guten Start in Berlin wurde Juranović immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Ziemlich bald verlor er auch seinen Platz in der kroatischen Nationalmannschaft, verpasste so die Weltmeisterschaft, die in diesem Jahr in den USA, Mexiko und Kanada stattfand. Unter dem neuen Trainer Mauro Lustrinelli hat er sich auf der rechten Abwehrseite seinen Stammplatz allerdings zurückerobert. Zum Leidwesen von Kapitän Christopher Trimmel, dem an den ersten Spieltagen nur die Zuschauerrolle blieb.
Robin Gosens (Abwehr)
Am vergangenen Wochenende hatte er seinen ganz großen Auftritt, als er mit dem FC Schalke 04 in der Alten Försterei gastierte und für seinen neuen Arbeitgeber beim 3:1-Auswärtssieg zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung der Schalker traf. Aus Respekt vor Union und den Fans verzichtete er auf einen überschwänglichen Jubel. Gosens war im Sommer 2023 der Königstransfer des damaligen Managers Oliver Ruhnert. Obwohl er am Saisonende sogar bester Torschütze war, kam er in der Hauptstadt nie richtig an, fühlte sich gemeinsam mit seiner Familie nicht wohl. Er wechselte ein Jahr nach seiner Verpflichtung zur AC Florenz nach Italien, fand dort aber auch nicht sein Glück. Auf Schalke nimmt er nun einen zweiten Anlauf in der Bundesliga. Bei der WM war er als TV-Experte in der ARD zu sehen.
Robin Gosens (Mitte) traf am vergangenen Wochenende erstmals für den FC Schalke 04, ausgerechnet gegen Union.
© IMAGO/Tom Lauruschkat
Alex Král (Mittelfeld)
Als laufstarker Sechser sollte Král vor der Abwehr Rani Khedira beim Kampf um einen Platz in der Startelf Konkurrenz machen. Der Tscheche kam allerdings nie wirklich über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus. Nach nur einer Saison wurde er nach Spanien zu Espanyol Barcelona verliehen. Nach seiner Rückkehr spielte er noch ein Jahr für Union, ehe er im Sommer zum FC Kopenhagen verkauft wurde. In Dänemark spielt er damit unter Trainer Bo Svensson, unter dem er bei Union 2024/25 noch die Sommervorbereitung absolviert hatte. Randnotiz: Im Rückspiel gegen Real erzielte Král bei der 2:3-Niederlage im Olympiastadion sein einziges Tor für die Köpenicker.
Lucas Tousart (Mittelfeld)
Der Franzose wechselte innerhalb Berlins von Hertha BSC zu Union. An der Alten Försterei wurde er mit offenen Armen empfangen, brachte er neben seinen Erfahrungen beim Stadtrivalen sogar Champions-League-Expertise aus seiner Zeit bei Olympique Lyon mit. Tousart wurde allerdings zum Sinnbild einer misslungenen Saison. Ein richtig gutes Spiel, das in Erinnerung blieb, machte er für die Eisernen nicht. In 45 Pflichtspielen gelangen ihm als Mittelfeldspieler kein Tor und nur zwei Vorlagen. Eine ernüchternde Statistik. Mittlerweile ist er in Frankreich für Stade Brest am Ball, spielt dort aktuell aber nur als Ergänzungsspieler eine Rolle.
Aissa Laidouni (Mittelfeld)
Dem europäischen Vereinsfußball hat der 29-Jährige inzwischen den Rücken gekehrt. Sein Geld verdient er in Katar bei Al-Wakrah SC. In seinen eineinhalb Jahren bei Union sah man fast immer seine guten Anlagen. Dynamik und Intensität brachte der Tunesier mit, effektiv war er aber nur selten. 50 Partien machte er im Union-Trikot, dabei gelangen ihm zwei Tore und fünf Vorlagen.
In Katar am Ball: Aissa Laidouni (l.) spielt bei Al-Wakrah SC.
© IMAGO/NOUSHAD
Sheraldo Becker (Sturm)
Auch wenn es im Spiel bei Real nicht zu einem eigenen Torerfolg reichte: Sheraldo Becker steht in der Vereinschronik als erster Torschütze des Klubs in der Champions League. Zwei Wochen nach der Niederlage in Madrid traf er bei der 2:3-Pleite gegen Sporting Braga doppelt. Ein paar Monate später verließ er Berlin, um für Real Sociedad in Spanien zu spielen. Dort saß er meist nur auf der Bank, seine so vielversprechende Karriere geriet arg in Schieflage. Inzwischen ist er zurück in der Bundesliga und läuft für den 1. FSV Mainz 05 auf.
Kevin Behrens (Sturm)
Der Stürmer erlebte in der Phase rund um das Union-Spiel in Madrid seine persönlich erfolgreichste Zeit als Fußballprofi. Höhepunkt war die Nominierung für die deutsche Nationalmannschaft ein paar Wochen später. Im Testspiel gegen Mexiko wurde er kurz vor Schluss sogar eingewechselt. Kurz darauf wechselte er innerhalb der Bundesliga zum VfL Wolfsburg, geriet dort aber ins Abseits. Bei einer Signierstunde fiel er mit einer homophoben Aussage auf, sportlich machte er dagegen fast gar nicht mehr auf sich aufmerksam. Heute spielt er in der Schweiz für den FC Lugano und führt mit den Tessinern überraschend die Tabelle an.
Kevin Behrens (l.) musste sich seinen Union-Stammplatz unter Urs Fischer erst erarbeiten.
© IMAGO/Uwe Koch/Eibner-Pressefoto
Urs Fischer (Trainer)
Es war nicht vorstellbar, dass der Schweizer weniger als zwei Monate nach der Niederlage in Madrid nicht mehr Trainer bei Union sein würde. Seine über fünfjährige Amtszeit endete nach einer langen Pleitenserie mit dem 0:4 bei Bayer Leverkusen. Fischer nahm sich eine lange Auszeit, ehe er im vergangenen Jahr als Trainer beim 1. FSV Mainz 05 anheuerte.
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