Die Stimme gegen Putin: Anna Politkowskaja und ihr unermüdlicher Kampf für Gerechtigkeit

Pro Artikel

«Du bist eine Feindin, dich muss man erschiessen!»: Jahrelang wurde Anna Politkowskaja verhaftet und bedrängt. Dann wurde sie regelrecht hingerichtet

Am 11. Oktober 2006 wurde Anna Politkowskaja im Lift vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Die Investigativjournalistin profilierte sich früh als radikale Putin-Kritikerin. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

Ulrich M. Schmid30.08.2026, 05.30 Uhr

12 Leseminuten


Illustration Simon Tanner / NZZ

Am 11. Oktober 2006 schlenderte Wladimir Putin durch Dresden. Er spazierte auf der Brühlschen Terrasse der Elbe entlang und bog zum Albertinum ab. Bei der Frauenkirche betrat er ein Stehcafé und bestellte ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Er warf einen Blick in die lokale Zeitung und sprach mit anderen Gästen. Er fühlte sich sichtlich wohl.

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Allerdings verbanden ihn schwierige Erinnerungen mit Dresden. Hier hatte er im Dezember 1989 persönlich den Zusammenbruch der Staatsmacht der DDR erlebt. Demonstranten besetzten die Dresdner Stasi-Zentrale. Eine aufgebrachte Gruppe zog zur nahe gelegenen KGB-Residentur weiter und wollte diese ebenfalls stürmen. Der Geheimdienstmajor Putin trat vor die Menge und gab sich als Dolmetscher aus. Er drohte den Demonstranten mit dem Einsatz von Waffengewalt. Die eingeschüchterten Menschen liessen von ihrem Vorhaben ab.

Nun war alles anders. Die neue Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach mit dem selbstbewusst auftretenden russischen Präsidenten über Handelsbeziehungen und die weltpolitische Lage. Der Aufsichtsratschef von Schalke 04 bedankte sich für den Sponsoringvertrag mit Gazprom. Die ARD führte ein Interview mit ihm und Angela Merkel.

Putin war seit sechs Jahren im Amt. Das russische Staatsbudget konnte vom steigenden Ölpreis profitieren. Die Wachstumsrate der Wirtschaft erreichte über 8 Prozent. Auch die Beziehungen zum Erzrivalen USA hatten sich seit 9/11 deutlich gebessert. Während Washington zuvor noch das brutale Vorgehen Moskaus in Tschetschenien verurteilt hatte, fand man sich nun in einem gemeinsamen «Krieg gegen den Terrorismus» wieder. Wie ein dunkler Schatten über den schönen Tagen in Dresden hing aber ein Ereignis, das vier Tage zuvor für weltweite Schlagzeilen gesorgt hatte.

In Moskau war die Investigativjournalistin Anna Politkowskaja im Lift zu ihrer Wohnung mit vier Schüssen in die Brust und einem «Kontrollschuss» in den Kopf regelrecht hingerichtet worden. In der gemeinsamen Pressekonferenz in Dresden sprach Angela Merkel das Thema an und drängte auf eine Aufklärung des Verbrechens. Putin nahm den Faden nicht auf, antwortete aber später auf die Frage eines Journalisten zu diesem Punkt.

Putins Geburtstag

Der russische Präsident sagte, dieser Mord schade den Regierungen in Moskau und Grosny mehr als alles, was Politkowskaja publiziert habe. Damit insinuierte er, der Mordauftrag sei aus dem Ausland gekommen – in der Tat verdächtigten die russischen Behörden bald öffentlich den in Ungnade gefallenen Oligarchen Boris Beresowski, der im englischen Exil lebte und sich damit vorzüglich als Sündenbock eignete.

Der Tag, an dem Anna Politkowskaja ermordet wurde, war Putins 54. Geburtstag. Dieses Zusammentreffen ist kaum ein Zufall. Die Frage lautet natürlich: Belastet dieses Todesdatum den russischen Präsidenten oder entlastet es ihn? Handelt es sich um ein perverses Geburtstagsgeschenk aus Tschetschenien, für das Putin nichts kann, oder hat Putin eine Atmosphäre der Intoleranz und Gewalt geschaffen, in der ein solches Szenario überhaupt erst möglich wurde? Hat er das Mordvorhaben sogar abgenickt?

Anna Politkowskaja profilierte sich früh als radikale Putin-Kritikerin. Sie arbeitete für die unabhängige «Nowaja Gaseta» und versuchte verzweifelt, die Pressefreiheit unter Jelzin in die bleiernen Putin-Jahre hinüberzuretten. 2004 veröffentlichte sie das mutige Buch «Putins Russland», in dem sie kein Blatt vor den Mund nahm. Sie schrieb Sätze wie: «Ich frage mich oft, ob Putin ein Mensch ist oder eine eingefrorene oder eiserne Statue? Ich frage mich und kann keine Bestätigung finden, dass er ein menschliches Wesen ist.»

Und weiter: «Wofür verabscheue ich Putin? Für seine Einfältigkeit, die schlimmer ist als Diebstahl. Für seinen Zynismus. Für seinen Rassismus. Für den endlosen Krieg. Für seine Lügen. Für die Leichen der unschuldig Getöteten, die seine gesamte erste Amtszeit begleitet haben. Leichen, die es gar nicht hätte geben müssen.» Das Buch erschien in den meisten europäischen Sprachen. In Russland fand sich kein Verleger. Erst nach Politkowskajas Ermordung machte «Nowaja Gaseta» den Text auf der eigenen Website zugänglich.

Politkowskaja zog mit ihrer spitzen Feder nicht nur gegen Putin zu Felde. Sie reiste mehrfach nach Tschetschenien und sammelte dort Informationen für ihre Reportagen. Hellsichtig beschrieb sie die grausamen Praktiken von moskautreuen Warlords, die für ihre schmutzige Arbeit mit Pfründen ausgestattet wurden. Schon früh stand Tschetschenien ganz oben auf Putins politischer Agenda. Nichts fürchtete er mehr, als dass die Russische Föderation dasselbe Schicksal wie die Sowjetunion ereilen könnte – nämlich dass der Vielvölkerstaat entlang nationaler Bruchlinien auseinanderbräche.

Der kleine Drache in Grosny

Noch als Ministerpräsident unter Jelzin hatte Putin 1999 den zweiten Tschetschenienkrieg begonnen, um die unbotmässige Provinz wieder unter Moskaus Kontrolle zu bringen. Putins erbarmungslose Kriegsführung in Tschetschenien brachte ihm viel Zustimmung unter der russischen Bevölkerung ein und begünstigte seine Wahl ins Präsidentenamt im März 2000. Bald verfolgte Putin erfolgreich eine Politik der «Tschetschenisierung» des Konflikts. Er stellte den Militäreinsatz im Kaukasus nicht als russisch-tschetschenischen Krieg dar, sondern als Kampf der moskautreuen Tschetschenen gegen tschetschenische Banditen.

Eine Schlüsselfigur war dabei der ehemalige Separatist Achmat Kadyrow, der gleich zu Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs auf Putins Linie einschwenkte und dafür als Statthalter des Kreml in Tschetschenien eingesetzt wurde. Achmat Kadyrow bezahlte allerdings einen hohen Preis für seinen Seitenwechsel, den viele seiner ehemaligen Kampfgefährten als Verrat betrachteten. Bereits 2004 fiel er einem Attentat zum Opfer. Allerdings hatte es die Kadyrow-Dynastie zu diesem Zeitpunkt bereits geschafft, das aufrührerische Tschetschenien mit brutalen Methoden zu pazifizieren.

Nach Achmat Kadyrows Tod übernahm sein 27-jähriger Sohn Ramsan die Macht. Seither führt er in Tschetschenien ein neostalinistisches Gewaltregime. Gegenüber Putin legt er eine fast hündische Unterwürfigkeit an den Tag. Tschetschenien ist zu einem zuverlässigen «Wahlsultanat» geworden, das mit oft deutlich über 90 Prozent der Stimmen das herrschende System in Moskau stützt.

Anna Politkowskaja benannte den prekären Deal zwischen Putin und Kadyrow in aller Schärfe: Der Kreml lässt dem brutalen Machthaber in Grosny freie Hand, im Gegenzug verbleibt Tschetschenien im Staatsverbund der Russischen Föderation. Politkowskaja hielt fest: «Der Kreml hat einen kleinen Drachen grossgezogen und muss ihn nun ständig füttern, damit er kein Feuer speit.»

Politkowskaja wurde bei ihren Reisen nach Tschetschenien mehrmals verhaftet, bedrängt und einmal sogar einer Scheinhinrichtung unterworfen. Trotzdem liess sie sich nicht einschüchtern. Oft gab sie sogar die Rolle der Journalistin auf und betätigte sich als Aktivistin. Im Oktober 2002 versuchte sie, während der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater zwischen den tschetschenischen Terroristen und der russischen Regierung zu vermitteln. Sie scheiterte. Die Spezialeinheiten des Geheimdienstes leiteten ein Betäubungsgas in den Theatersaal und töteten bei der Erstürmung alle 40 Geiselnehmer. 132 Geiseln starben an einer Gasvergiftung.

«Ich bin kein Bandit, du musst es schreiben!»

Im September 2004 wollte sie bei der Geiselnahme in der Schule von Beslan vermitteln. Allerdings wurde sie zweimal daran gehindert, ein Flugzeug nach Nordossetien zu besteigen. Als es ihr endlich gelang, verlor sie an Bord nach dem Trinken einer Tasse Tee das Bewusstsein. Eine medizinische Analyse ergab später, dass sie mit einer unbekannten Substanz vergiftet worden war. Auch in Beslan zeigte sich die Ruchlosigkeit der Behörden. Bei der chaotischen Erstürmung der Schule wurden die meisten Geiselnehmer getötet. 334 Geiseln verloren ihr Leben, unter ihnen befanden sich 186 Kinder.

Im Juni 2004 führte Anna Politkowskaja ein Interview mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow. Politkowskaja fuhr von der Hauptstadt Grosny nach Zentoroi, dem Heimatort der Kadyrows. Dort residierte Kadyrow in einer hässlichen modernen Festung, beschützt von zahlreichen grimmigen Leibwächtern. Die Situation zeigte deutlich, auf welch prekären Grundlagen Kadyrows Herrschaft in Tschetschenien beruhte. Einerseits regierte er mit eiserner Faust, andererseits konnte er sich seines Lebens nicht sicher sein.

Politkowskaja wurde in einem protzigen Gästehaus mit Schwimmbad, Whirlpool und Sauna herumgeführt. Die gesamte Einrichtung war in teurem Edelholz gehalten. Um die Besucher zu beeindrucken, hatte man an jedem Möbelstück das originale Preisetikett belassen. Kadyrow liess sich lange Zeit, bis er geruhte, zum Interview zu erscheinen. Er fläzte sich in einen Sessel, legte seine Füsse auf den Tisch und liess Politkowskaja seine ganze Macht spüren. Er war umringt von bärtigen Männern, die jede spitze Bemerkung ihres Bosses mit Gelächter quittierten.

Politkowskaja siezte den fast zwanzig Jahre jüngeren Kadyrow, während er sie dreist duzte. Das Gespräch lief bald völlig aus dem Ruder. Auf die meisten politischen Fragen von Politkowskaja antwortete Kadyrow, dass er seine Feinde «vernichten» werde. Zu seinen beruflichen Qualifikationen merkte er an, er sei Jurist, habe aber vergessen, ob er sich in Zivilrecht oder Strafrecht spezialisiert habe. Während des Gesprächs widersprach er sich selbst. So beteuerte er zuerst, der Kreml habe in Tschetschenien nichts zu sagen. Wenig später behauptete er das genaue Gegenteil und prahlte damit, dass der Kreml ihn zum tschetschenischen Präsidenten machen wolle.

Schliesslich griff Kadyrow auch Politkowskaja an, nannte sie eine «Feindin» und kündigte an, dass man sie erschiessen müsse. Am nächsten Tag kam es zu einer erneuten Begegnung. Der erzürnte Kadyrow forderte von Politkowskaja, sie müsse schreiben, er sei «kein Bandit». Er schrie, tanzte um sie herum und riss an ihrer Hand: «Ich bin kein Bandit, du musst es schreiben, ich lasse dich nicht gehen!»

Tränen der Verzweiflung

Schliesslich gelang Politkowskaja unter Tränen die Flucht. Sie schluchzte, bis sie mit dem Auto Grosny erreicht hatte. Am Ende ihres Berichts schrieb sie: «Die einen verteidigen sich mit Waffen, und diese hängen als Pistolen an ihrem Gurt. Darin unterscheiden sich die Menschen. Wenn die Argumente erschöpft sind – allerdings versteht Kadyrow das Wort «Argument» gar nicht –, dann bleiben nur noch Tränen. Es sind Tränen der Verzweiflung darüber, wie so etwas überhaupt passieren konnte.»

Kadyrow hatte natürlich gehofft, dass Politkowskaja seine Person im günstigsten Licht darstellen würde. Politkowskaja folgte jedoch ihrem hohen journalistischen Ethos und zeigte Kadyrow – wie sie selbst sagte – in «seiner idiotischen Dummheit, seiner Ungebildetheit und seinen teuflischen Neigungen».

Kurz vor ihrem Tod schrieb Politkowskaja einen Text, in dem sie ihre Ermordung vorausahnte. Sie gab die Worte eines tschetschenischen Informanten wieder, der ihr von Kadyrows Zorn auf sie berichtet hatte. Kadyrow habe gesagt: «Sie ist so dumm, dass sie den Wert von Geld nicht kennt. Ich habe ihr Geld angeboten, aber sie hat es nicht genommen.» Politkowskaja liess sich weder von Bestechungsversuchen noch von Drohungen beirren. Sie arbeitete an einer Reportage über Folter in Kadyrows Gefängnissen.

Anna Politkowskaja wurde mit einem klingenden Mädchennamen geboren. Sie erblickte als Tochter der sowjetisch-ukrainischen Diplomaten Stepan und Raissa Masepa am 30. August 1958 in New York das Licht der Welt. Sie verfügte deshalb auch über die amerikanische Staatsbürgerschaft, lebte aber als Erwachsene nie in den USA. Der Name Masepa weckt in der Ukraine historische Assoziationen an die Blütezeit des Kosaken-Hetmanats unter Iwan Masepa am Ende des 18. Jahrhunderts. Masepa förderte die Künste und Wissenschaften. Im Grossen Nordischen Krieg unterstützte Masepa zunächst den russischen Zaren Peter I., lief dann aber auf die Seite des schwedischen Königs über. Deshalb gilt Masepa heute in Russland als Verräter und in der Ukraine als Nationalheld.

Die Ukraine spielt jedoch kaum eine Rolle in Politkowskajas journalistischen Arbeiten. Die Familie Masepa kehrte in die Sowjetunion zurück, als Anna acht Jahre alt war. 1978 begann sie ein Journalistik-Studium an der Moskauer Universität. Die Zwanzigjährige heiratete den fünf Jahre älteren Kommilitonen Alexander Politkowski. Mit ihm bekam sie einen Sohn und eine Tochter. Anna kümmerte sich um die Familie, Alexander reiste als Fernsehjournalist oft ins Ausland. Im Jahr 2000 trennte sich das Ehepaar wegen Alexanders Alkoholproblemen.

Der Mut eines Journalisten

Politkowskajas Kinder bewunderten das unbedingte Engagement ihrer Mutter für die journalistische Arbeit, klagten aber gleichzeitig, dass sie darüber die Familie vernachlässige. Politkowskaja war sich durchaus im Klaren über ihre polarisierende Wirkung. Sogar die Gesprächspartner in Tschetschenien waren bisweilen von ihrer Sturheit irritiert. Politkowskaja bemerkte einmal: «Mittlerweile nennen sie mich die Irre aus Moskau».

2002 wurde sie in New York für ihre Zivilcourage mit einem Preis ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede sagte sie: «Die Menschen in Russland wollen die Wahrheit über den Tschetschenienkrieg nicht wissen. Sie wollen nichts von den Verbrechen des Militärs hören, nichts vom Leid der Zivilbevölkerung und nichts von den Tausenden von Opfern auf allen Seiten. Der Mut eines Journalisten besteht unter solchen Umständen also darin, der Bevölkerung diese Informationen gegen ihren Willen zu vermitteln. Warum? Warum, wenn die Menschen das nicht wollen? Die Antwort ist einfach: Das ist unsere Pflicht, die Pflicht eines Journalisten. Ein Arzt führt eine Operation durch. Ein Journalist operiert an der öffentlichen Meinung. Das Risiko gehört hier zum Beruf dazu. Wenn man müde ist und das Risiko nicht mehr eingehen kann, muss man gehen. Was mich betrifft, so bin ich noch nicht müde.»

Politkowskaja schlug alle Warnungen in den Wind. Noch im März 2006 traf sie ihren Freund Alexander Litwinenko in London. Litwinenko war ein ehemaliger russischer Geheimdienstoffizier, der sich im Jahr 2000 nach Grossbritannien abgesetzt hatte. Er riet ihr, Russland zu verlassen. Sie berief sich auf ihre Familie und ihre Eltern in Moskau und entschloss sich zu bleiben. Ein halbes Jahr später fielen die tödlichen Schüsse. Keine zwei Wochen nach Politkowskajas Tod hielt Litwinenko in London eine Pressekonferenz ab, auf der er Putin direkt beschuldigte, den Mord in Auftrag gegeben zu haben.

Bereits zuvor hatte Litwinenko in verschiedenen Interviews den russischen Geheimdienst bezichtigt, selbst Anschläge wie im Moskauer Dubrowka-Theater oder in Beslan durchgeführt zu haben, um Putin die Rechtfertigung für eine Politik der starken Hand zu geben. Der Überläufer Litwinenko galt in Putins Russland ohnehin als «Verräter». Seine öffentlichen Anschuldigungen mögen den Ausschlag gegeben haben, dass zwei russische Geheimdienstoffiziere im November 2006 Litwinenko in einem Londoner Hotel einen mit radioaktivem Polonium versetzten Tee trinken liessen. Drei Wochen dauerte Litwinenkos Agonie, bevor er an der Strahlenkrankheit starb. Eine von Litwinenkos Witwe angestossene «public inquiry» hielt 2016 fest, dass Putin «wahrscheinlich» die Ermordung Litwinenkos gutgeheissen habe.

Die Nachgeschichte des Mordes an Politkowskaja zeigte in aller Deutlichkeit die Politisierung der russischen Justiz auf. Unmittelbar nach dem Verbrechen riss der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika den Fall an sich. Wenig überraschend kam er zu dem Schluss, dass Boris Beresowski der Auftraggeber von Politkowskajas Ermordung sei. Beresowski habe Putin diskreditieren und die politische Stabilität in Russland untergraben wollen. Als ausführende Mörder präsentierte Tschaika eine tschetschenische Verbrecherbande und Beamte des russischen Staates.

Urteil ohne Folgen

Der Generalstaatsanwalt Tschaika war jedoch kaum der richtige Mann für eine unvoreingenommene Aufklärung des Falls. Putin hatte mit ihm den Bock zum Gärtner gemacht. Im Jahr 2015 veröffentlichte Alexei Nawalny ein Video, in dem er Tschaikas Verbindungen zur russischen Mafia anprangerte. Das Video blieb ohne Konsequenzen für Tschaika. Nawalny überlebte 2020 einen Giftanschlag. Eine zweite Vergiftung führte 2024 in einer Strafkolonie im hohen Norden Russlands zu seinem Tod.

Im November 2008 begann ein erstes Gerichtsverfahren gegen vier Angeklagte: zwei tschetschenische Brüder und zwei Beamte. Nach vier Monaten sprachen die Geschworenen alle Beschuldigten aufgrund mangelnder Beweise frei. Die Staatsanwältin zog den Fall jedoch weiter. Im Juni 2013 begann ein zweites Gerichtsverfahren gegen drei frühere und zwei neue Angeklagte. Die Geschworenen kamen diesmal – auch aufgrund neuer Zeugenaussagen – zu einem Schuldspruch. Die Mitglieder der Mörderbande wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Der Auftraggeber des Mordes wurde offiziell nie festgestellt. Der angebliche Drahtzieher Boris Beresowski war günstigerweise bereits im März 2013 unter mysteriösen Umständen im englischen Exil gestorben.

Im Jahr 2018 gab der Strassburger Gerichtshof für Menschenrechte einer Klage der Angehörigen von Anna Politkowskaja statt und stellte fest, dass Russland keine angemessene Aufklärung dieses Falles durchgeführt habe. Insbesondere habe man es versäumt, plausible Spuren zu verfolgen, die zum russischen Geheimdienst oder nach Tschetschenien führen. Das Urteil blieb ohne konkrete Folgen. Kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zog sich Russland im März 2022 aus dem Europarat und damit auch aus dem Gerichtshof für Menschenrechte zurück. Der Kreml kam damit einem unmittelbar bevorstehenden Ausschluss zuvor.

Einer von Politkowskajas Mördern meldete sich im Herbst 2022 aus dem Gefängnis freiwillig für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Nach einem Jahr an der Front wurde er von Präsident Putin begnadigt und mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.

Ramsan Kadyrow ist mittlerweile 49 Jahre alt und hat vierzehn Kinder. Gerüchten über eine schwere Erkrankung tritt er mit der Veröffentlichung von Videos entgegen, die das Gegenteil beweisen sollen. Seine ganze Energie verwendet er darauf, die Dynastie Kadyrow in Tschetschenien an der Macht zu halten. Dazu schanzt er seinen Kindern staatliche Posten zu. So ernannte er seinen 15-jährigen Sohn Adam zu seinem persönlichen Sicherheitschef. Sein ältester Sohn Achmat stieg mit 18 Jahren in das Amt des Sportministers auf und gilt als Anwärter auf die Nachfolge als Oberhaupt Tschetscheniens. Wladimir Putin bestätigte diesen Anspruch implizit, als er sich 2024 gemeinsam mit Achmat Kadyrow in Grosny öffentlich zeigte.

Drohungen

Heute ist die Erinnerung an Anna Politkowskaja in Russland fast ganz ausgelöscht. 2010 schlug der Chefredakteur der «Nowaja Gaseta», Dmitri Muratow, vor, die Strasse von Politkowskajas letztem Wohnsitz zu ihren Ehren umzubenennen. Die Moskauer Behörden nahmen den Vorschlag nicht auf. Muratow erhielt 2021 den Friedensnobelpreis. In seiner Dankesrede erwähnte er den Mut von Anna Politkowskaja und schloss mit den Worten: «Ich will, dass Journalisten alt sterben.»

Nach dem offenen Überfall auf die Ukraine haben Politkowskajas erwachsene Kinder Russland verlassen. Der wichtigste Grund für die Emigration war, dass die 15-jährige Enkelin der mutigen Journalistin in der Schule bedroht wurde. Eine Mitschülerin schrieb ihr: «Du wirst genauso enden wie deine Grossmutter», und malte den Mord in allen Details aus. Brandstifter zerstörten im Mai 2022 die Datscha der Familie, wo sich auch Anna Politkowskaja gern aufgehalten hatte. Die Erinnerungstafel am Tatort wurde seit Politkowskajas Ermordung 23 Mal abgerissen. In keinem der Fälle konnten die Vandalen ausfindig gemacht werden.

Ulrich M. Schmid ist Professor für Osteuropastudien an der Universität St. Gallen.

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Verschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 5. September lesen Sie, wie Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer und stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, im Juni 1942 in Prag von tschechischen Widerstandskämpfern getötet wurde.

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