Duoalbum von Bibio und Dorian Concept: Rein in die Sackgasse und rückwärts wieder raus
Bibio und Dorian Concept spannen sich für das Album „Answers“ zusammen. Ihre musikalische Schnittmenge aus Ambient und windschiefer Klangforschung ist schlüssig.
Foto: Warp
Eine fröhliche, stolpernde Melodie wiederholt sich. Manchmal stürzt ein Ton ab, manchmal bleibt er hängen. Begleitet von Geigenzupfen murmelt unverständlich ein dumpfer Kommentar. Das Stück „The Unknown“ illustriert die Unsicherheit des Unbekannten in klingenden Bildern. Es findet sich auf „Answers“, dem ersten gemeinsamen Album von Bibio und Dorian Concept.
Hinter Bibio steht der britische Multiinstrumentalist und Elektronik-Produzent Stephen Wilkinson. Dorian Concept heißt eigentlich Oliver Johnson und lebt in Wien. Beide Künstler veröffentlichen seit gut 20 Jahren genreüberschreitende, elektronisch grundierte Musik. Beide haben dabei immer wieder neue Richtungen eingeschlagen und sind zuletzt unabhängig voneinander im sehr ruhigen Ambient-Fahrwasser angekommen.
Ihr erstes gemeinsames Album trägt seine Genese gewissermaßen im Titel: „Answers“ entstand im Rahmen einer Art virtueller Brieffreundschaft. Ohne Ziel schickten sich die beiden seit 2022 improvisierte Aufnahmeskizzen und Videoschnipsel und antworteten einander musikalisch – Wilkinson aus seinem Heimstudio im walisischen Wolverhampton und Johnson aus Österreich. Diese Korrespondenz ist in der collagenartigen Klangtextur hörbar.
Das Album
Bibio & Dorian Concept: „Answers“ (Warp/Rough Trade)
Die 13 instrumentalen Stücke bestehen im Kern aus geloopten, oft eingängigen Melodiefragmenten von Bibios typischer, gezupfter Gitarre und Dorian Concepts Synthesizern und Klavier. Geige, Field Recordings und verspielte Experimente fädeln sich dazwischen.
Es klirrt unregelmäßig
Das unregelmäßige Klirren in „Pins and Needles“ entsteht etwa durch Reißzwecken, die auf ein Tablett fallen. Das klangmalerische Glockenspiel in „Pearl Net“ ist ein verfremdetes Componium – eine Spieluhr, die gelochte Papierstreifen abspielt. In „Starbird“ erklingen durch Bitcrushing dekonstruierte Vogelaufnahmen als kosmisches Zwitschern.
Wilkinson und Johnson verbindet eine Begeisterung für alte Aufnahmetechnik, Synthesizer und Effektgeräte: „Answers“ ist mit Geräten aus fünf Jahrzehnten produziert, deren Eigenheiten, technischen Beschränkungen und Glitches absichtsvoll hervortreten. „Pigeon Harp“ etwa rauscht und knistert wie eine Schellackplatte und erinnert an eine leiernde Drehorgel – die Musik klingt offensichtlich nach einer Zeitreise ins Jenseits.
„Answers“ wirkt bei genauem Hinhören wie ein etwas verblichenes, akustisches Fotoalbum. Im fragilen Auftakttrack, „Womb Glow“, dringt ein verwaschener Synthesizer wie durch Wasser, ein heller pulsierender Ton erinnert an Herztöne. Vor dem Hintergrund, dass Johnson während der Entstehung des Albums Vater geworden ist, scheint die Assoziation fast konkret. In „Hammock Portal“ zieht ein glockiger Gitarrenreigen gemächlich seine Kreise. Als Johnson die Skizze zum ersten Mal hörte, schlief er in der Hängematte dazu ein. Um den erlebten Zustand nachzubilden, dehnte und filterte er Gitarrenakkorde, die schließlich das Kreisen schrill aufwirbeln und wie ein Schreck durchbrechen.
Das Video zum Song übersetzt die Klangbewegung ganz direkt: Vom Boden aus schauend dreht sich langsam das Blätterdach eines Baumes. Die gleichsam collagierten Clips zum Album entstanden aus einem visuellen Bilderarchiv, in dem Wilkinson und Johnson Aufnahmen ihrer Umgebung sammelten. Auch die Begeisterung für Vintage-Videotechnik teilen sie.
Suche nach neuen Ansätzen
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Beide Musiker standen in den letzten Jahren vor persönlichen Weggabelungen und suchten nach neuen Ansätzen, Musik zu machen. Ihre Herangehensweise an „Answers“ beschreiben sie als „looking back as a means to move forward“ (Zurückblicken, um vorwärtszukommen). Das liest sich wie eine Antithese zu den Ideen des britischen Kulturwissenschaftlers Mark Fisher. Er beschrieb, dass durch ständige nostalgische Rückgriffe eine Klangästhetik nicht mehr länger einem bestimmten Zeitraum zugeschrieben wird, wie noch im 20. Jahrhundert üblich.
Fisher sah darin ein Symptom von Gesellschaften im neoliberalen Kapitalismus, die ihre Fähigkeit verloren haben, sich eine Zukunft vorzustellen, die anders ist als die Gegenwart. Hätte er in „Answers“ ein Beispiel für hauntologische Musik gesehen, also eine Beschreibung für ebendiese Sackgasse und als Ausdruck der unerfüllbaren Sehnsucht, die Zukunft wiederzufinden? Oberflächlich gehört wirkt die Musik auf dem Album oft vertraut, melancholisch leicht und tragend. In den Details jedoch finden sich persönliche Gegenwartserzählungen und ungewohnte Klänge.
Ein ästhetischer Stempel als Zeichen seiner Entstehungszeit findet sich auf „Answers“ jedoch nicht.
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