AfD-Märchen über E-Autos im Faktencheck: Was wirklich stimmt

Trabis mit AfD-Fahnen auf einer Festwiese in Quedlinburg. Foto: picture alliance/dpa

Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe mir mal wieder ein Video der AfD angesehen. Dabei wollte ich mich doch eigentlich nicht aufregen. Das Video steht auf der Seite der AfD-Bundestagsfraktion und ist überschrieben mit „Das Märchen der Elektromobilität“. Das Video muss schon älter sein, spiegelt aber wunderbar wider, was die AfD auch in aktuellen Wahlkämpfen verbreitet. Wenn man es anklickt, wird man nicht enttäuscht. Man bekommt genau das: ein Märchen über die Elektromobilität.

Los geht die Erzählung mit der These, die Anhänger der Elektromobilität würden behaupten, das Elektroauto werde „all unsere Energie- und Umweltprobleme lösen“. Dann versucht der Film, zu belegen, dass das nicht der Fall sei.

Das Problem daran: Niemand – wirklich niemand, egal in welchem politischen Spektrum – behauptet, das Elektroauto werde all unsere Energie- und Umweltprobleme lösen. Zu den größten Umweltproblemen gehören das Artensterben, die Abholzung, die Meeresverschmutzung, die Wasserknappheit, die Bodenerosion. Der positive Einfluss von E-Mobilität darauf ist winzig oder nicht existent. Und selbst beim Klimaschutz sind E-Autos kein Allheilmittel, sondern bloß einer von vielen nötigen Bausteinen.

Niemand sagt etwas anderes. Außer natürlich manche Märchenonkel. Was die AfD hier macht, nennen Kommunikationsexperten „Strohmann-Taktik“. Man schiebt dem politischen Gegner eine abstruse Position unter, um sie dann genüsslich zu zerpflücken.

Verbrenner-Aus kommt – nach 2050

Weiter im Märchen: Die „Altparteien“ wollten alle 56 Millionen Autos auf deutschen Straßen durch E-Autos ersetzen, sagt eine Stimme, während im Film eine Grafik zu sehen ist, bei der die Verbrenner-Kurve im Jahr 2038 auf null geht.

Also sollen alle Verbrenner in zwölf Jahren von deutschen Straßen verschwunden sein? Das sagt niemand, das will niemand, das steht in keinem Gesetz. Es gibt in der EU ein „Verbrenner-Aus“ für das Jahr 2035. Voraussichtlich gilt es nur für 90 Prozent der dann verkauften Neuwagen. Also kann jeder deutsche Autofahrer sich mindestens bis 2035 noch einen neuen Verbrenner kaufen und ihn so lange fahren, bis er auseinanderfällt. Also kann man locker auch 2050 einen Verbrenner fahren, wenn man will.

AfD-Wirtschaftsprogramm

Und dann sagt ein Mittelständler: „Schlechter kann es nicht werden“

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In dem von der AfD gewählten Jahr 2038 wird deshalb noch mindestens jedes zweite Auto auf deutschen Straßen einen Verbrennungsmotor haben, womöglich sind es sogar zwei Drittel. Niemand will etwas anderes, niemand redet über ein Szenario wie bei der AfD dargestellt – außer der AfD.

Ein Traum: 400 neue Kohlekraftwerke

Und das Märchen wird noch abstruser. Es wird in dem Film erklärt, dass es 2038 passieren könnte, dass zwei Millionen E-Auto-Fahrer abends nach Hause kommen und dort gleichzeitig ihr E-Auto zum Laden anschließen. Durch das gleichzeitige Laden werde der Strombedarf von 70 Gigawatt auf 400 Gigawatt explodieren. Deutschland brauche deshalb dann 400 zusätzliche Kohlekraftwerke.

Der ADAC, Deutschlands wichtigster Anwalt der Verbrenner- und E-Auto-Fahrer, fragt in einem Artikel: „Die E-Autos kommen. Aber reicht der Strom?“. Die Antwort: Entwarnung. „Zwei Millionen E-Fahrzeuge heben den Strombedarf in Deutschland um etwa 1 Prozent.“

Aber was ist, wenn alle gleichzeitig laden? Das Szenario ist erstens nicht realistisch. Es fahren morgens auch nicht alle Menschen gleichzeitig zum Bäcker. Und zweitens ist das Stromnetz auf starke Schwankungen ausgelegt: Die Netzlast in Deutschland schwankt im Tagesverlauf zwischen rund 40 und 80 Gigawatt. Auch mit Schwankungen von 100 Prozent kommt das Netz also klar – ohne den Bau von hunderten zusätzlichen Kohlekraftwerken.

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Natürlich kann eine hohe Dichte von neuen Verbrauchern wie E-Autos oder Wärmepumpen in manchen Regionen das Netz stark beanspruchen. Doch das kommt nicht über Nacht. Die Energieversorger haben Zeit, mit einem Ausbau der Netze und der Integration neuer Gaskraftwerke zu reagieren. Und wenn das alles mal nicht reichen sollte, können sie laut Gesetz E-Auto-Anschlüsse auch herunterregeln. Und die 400 Gigawatt? Sind ein Hirngespinst. Denn das wäre deutlich mehr, als die gesamte EU auch bei Nachfragespitzen benötigt.

Der Film gipfelt in der Aussage des einstigen verkehrspolitischen Sprechers der AfD-Bundestagsfraktion, Dirk Spaniel, der erklärt, dass „der Nutzen von E-Autos für die Umwelt zumindest in Deutschland nicht vorhanden ist“.

Laut Umweltbundesamt senken Elektroautos die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu Benzinern oder Dieseln über den gesamten Lebenszyklus um 25 bis 50 Prozent, bei der Nutzung von reinem Ökostrom sogar um 50 bis 80 Prozent. Dabei ist das eine konservative, behördliche Rechnung und alle Probleme (Batterieherstellung, Kohlestrom) sind voll berücksichtigt. Ähnliche Daten finden sich weltweit bei den meisten  maßgeblichen Behörden, Organisationen und Universitäten.

Aber Herr Spaniel weiß es besser. So wie er Ende 2021 auch wusste, dass es keine Coronapandemie gebe. Und dass Radfahrer viel häufiger Menschen umfahren, als Autofahrer. Spaniel verließ die AfD 2024, nachdem sie ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn eingeleitet hatte. Der AfD-Film ist also wohl schon etwas älter.

VW, BMW und Mercedes im Elektrorausch

Für eine Aktualisierung – falls gewünscht – hätte ich ein paar Fakten: Im Juli 2025 wurden in der EU 388.000 Verbrenner verkauft. Im Juli 2026 waren es noch 302.000, ein Einbruch also um 22 Prozent. Die rein elektrischen Autos legten dagegen um 51 Prozent auf 280.000 zu. Wenn es so weitergeht, werden in Kürze mehr reine E-Autos als reine Verbrenner in der EU verkauft. Und da sind die teilelektrischen Hybride und Plug-in-Hybride noch gar nicht eingerechnet.

Das alles zahlt voll auf das Konto der deutschen Hersteller ein: Denn von den zehn meistverkauften rein elektrischen Modellen kamen im Juli sieben von einem deutschen Hersteller. Ein weiteres Modell, das Model Y, kommt nicht von einem deutschen Hersteller, aber aus der deutschen Tesla-Fabrik in Grünheide. Ein wahrlich märchenhafter, deutscher Erfolg!

Bei

BMW

entfallen inzwischen 33 Prozent des Absatzes auf reine E-Autos, bei

Mercedes

27 Prozent, bei

VW

21 Prozent. Hinzu kommen Hybride und Plug-in-Hybride, sodass der AfD liebste Technik – reine Benziner und Diesel – längst nicht mehr die entscheidende Rolle spielt. Bei BMW entfallen auf sie 14, bei Mercedes 16 und bei Volkswagen 41 Prozent des Absatzes.

Toyota

ist schon weiter. Da sind es drei Prozent. Alle anderen verkauften Toyota-Autos haben nur oder auch (Hybride) einen Elektromotor.

Also wie genau ging noch mal „Das Märchen der Elektromobilität“?