Siemens und Nvidia: KI soll Fabriken revolutionieren
Die Künstliche Intelligenz (KI) betrachtet Roland Busch, der Vorstandsvorsitzende von Siemens, als „Jahrhundertchance für Deutschland“. Dass diese auch genutzt wird, dafür sorgt der Technologiekonzern mit allen Kräften. Am Montag kündigte Vorstandsmitglied Cedrik Neike in Erlangen eine vertiefte Kooperation mit dem amerikanischen KI-Chiphersteller Nvidia an. Das passte bestens zum Investorengipfel in Berlin, an dem Nvidia-Chef Jensen Huang teilnahm. Mit Nvidia arbeitet Siemens schon seit Jahren zusammen und kann der Bundesregierung in der angedachten Kooperation mit dem US-Unternehmen beratend zur Seite stehen.
Doch Neike, dem gute Chancen für die Nachfolge von Busch im Frühjahr 2030 eingeräumt werden, ging es in der Siemens-Stadt Erlangen darum, die nächste Stufe der industriellen Revolution vorzustellen. Dabei verlässt sich Siemens auf die Technologie von Nvidia, um seinen großen Datenschatz aus der Industrie heben zu können. Als Beispiel dient das Gerätewerk in Erlangen, wo neue KI-Lösungen für die industrielle Fertigung eingesetzt werden. Die Anwendungen nutzten nach Angaben von Siemens KI und digitale Zwillinge, um den Produktionsanlauf zu beschleunigen und die Produktionsplanung schneller an sich verändernde Bedingungen anzupassen.
Blaupause für die Welt
„Die historische Chance für Deutschland und Europa liegt darin, Künstliche Intelligenz aus den Rechenzentren in die Fabriken zu bringen – und dort im industriellen Maßstab einzusetzen“, sagte Neike, der im Siemens-Vorstand die für Industrieautomatisierung und -software verantwortliche Sparte Digital Industries leitet. Seien bisher die Fabriken zu 30 bis 40 Prozent automatisiert worden, ginge es nun mithilfe der KI in Richtung 70 bis 80 Prozent. In dem Elektronikwerk in Erlangen werden nach Unternehmensangaben KI-Lösungen eingesetzt, die einzigartig in der Branche seien. „Hier wird die Zukunft der Industrie nicht nur diskutiert, sondern ist bereits heute Realität“, betonte Neike.
„Fabriken müssen mit Veränderungen ebenso gut umgehen können wie mit Wiederholungen. KI und Simulation machen das möglich“, sagte Rev Lebaredian, Vizepräsident Physical AI Simulation bei Nvidia. Wie das gelingen soll, wollen die beiden Partner in Erlangen beweisen. Lebaredian sprach von einer Blaupause für autonome Fabriken in der Welt. Neike sieht in den KI-Anwendungen eine große Chance für Deutschland als Produktionsstandort, um im Wettbewerb mit Niedriglohnländern bestehen zu können. Dank KI hält er Produktivitätssteigerungen im Jahr von sieben bis neun Prozent für möglich.
Damit könnte die Beschäftigung in Hochlohnländern gesichert werden. „Es geht um das Überleben der Produktion in Deutschland, aber auch in Singapur“, sagte er. Bei neuen Leiterplatten, dem Kernelement der in Erlangen gefertigten Antriebe und Frequenzumrichter, kann nach Angaben von Siemens der Aufwand der Ingenieure um bis zu 85 Prozent und die Markteinführungszeit um bis zu 40 Prozent verkürzt werden. Den Fortschritt führt Siemens auf die deutlich schnellere Qualitätsprüfung der neuen Leiterplatten durch KI-Instrumente zurück. Zudem werde Produktionsplanung durch KI-Agenten, wie sie Siemens in Erlangen einsetzt, um bis zu 20 Prozent günstiger.
„Einzigartig und sehr attraktiv“
Für Neike ist Nvidia der wichtigste Partner, um KI-Anwendungen für die Industrie zu entwickeln. „Nvidia ist einzigartig und ein sehr attraktiver Partner“, sagte er. Die Kooperation mit dem US-Unternehmen ist nach seinen Worten sehr breit angelegt. Doch auch Nvidia profitiert nach Ansicht von Neike von der Kooperation: „Wir bauen die Supercomputer, mit denen Nvidia neue Chips testen kann.“ Für Nvidia-Manager Lebaredian geht es seinem Unternehmen darum, neue Werte zu schaffen, aber nicht darum, anderen Marktanteile wegzunehmen. Um die KI in die Welt der Produktion zu bringen, sei Siemens der ideale Partner. Nvidia setze selbst sehr viele Siemens-Produkte ein, fügte er hinzu.
Neike bezeichnete den Datenbestand, über den Siemens aus der Industrie verfügt, als verborgenen Schatz. Nun gehe es darum, diesen zu heben und in bestimmte Strukturen einzubringen. Für Lebaredian muss sich jedes Unternehmen die Frage stellen, wie es mit seinen Datenbeständen umgehen wolle. Es könne sinnvoll sein, diese mit anderen zu teilen, um noch mehr Wert zu generieren. Die Daten, die für das eigene Geschäft als bedeutend erachtet werden, sollten im Unternehmen verbleiben.