Überforderte Eltern: Man kann sein Kind lieben und trotzdem bereuen, Mutter oder Vater geworden zu sein
Stand: 27.07.2026, 21:00 Uhr
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Zwischen tiefgreifender Liebe, Überforderung und Reue: Elternschaft ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Familienberaterin Heidy de Blum erklärt, warum diese ambivalenten Gefühle kein Versagen sind.
Frankfurt – Elternschaft gilt als das große Glück – doch was, wenn sich neben der Liebe zum Kind auch Zweifel, Überforderung oder sogar Reue einschleichen? Über solche Gefühle wird noch immer wenig offen gesprochen. Die Familienberaterin Heidy de Blum kennt diese inneren Konflikte aus ihrer Arbeit mit Eltern. Im folgenden Gastbeitrag erklärt sie, warum widersprüchliche Gefühle gegenüber dem Elternsein kein Tabu sein sollten:
Zum Format
In unserer neuen Serie „Ehrlich gesagt...“ kommen die Fachleute Heidy de Blum, Michael Rößner und Prof. Sandra Schmidt aus den Bereichen Erziehung, Familienleben, Job & Karriere sowie Lebensberatung zu Wort. Sie teilen in ihrer Kolumne praxisnahe Einblicke, ordnen aktuelle Entwicklungen ein und geben alltagstaugliche Impulse – fundiert, verständlich und nah am Leben unserer Leserinnen und Leser.
Folge 1: „Ehrlich gesagt ...“ machen viele Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder viel zu oft denselben Fehler
Folge 2: „Ehrlich gesagt …“, gibt es bei Kindern klare Signale, bei denen ich Eltern rate, genauer hinzuschauen
Folge 3: „Ehrlich gesagt ...“, gibt es sieben Signale, bei denen Sie über ein Coaching nachdenken sollten
Elternschaft hat viele Facetten – und nicht alle davon sind schön. In meiner Arbeit mit Familien erlebe ich, dass es heute zwar akzeptierter ist, über Herausforderungen zu sprechen: über Schlafmangel, Überforderung, den Verlust der eigenen Freiheit. Das war vor einigen Jahren noch anders, als das Bild des Elternseins weitgehend verklärt war. Aber es gibt eine Grenze, an der es nach wie vor sehr schwierig wird: wenn Eltern sagen, dass sie es bereuen, Mutter oder Vater geworden zu sein. Spätestens dann wird es still.
Reue und negative Gefühle in der Elternschaft sind zutiefst schambehaftet
Die israelische Soziologin Orna Donath hat mit ihrer Studie zu Regretting Motherhood gezeigt, dass es Mütter gibt, die selbst im Rückblick sagen: Wenn ich noch einmal entscheiden könnte, würde ich keine Kinder bekommen. Das löst unglaublich viele Emotionen aus. Auch Unverständnis. Und doch bin ich überzeugt, dass viel mehr Menschen dieses Gefühl kennen, als man meinen würde – auch Väter. Vielleicht nicht grundsätzlich, aber phasenweise – dieses: „Wieso habe ich das eigentlich gemacht?“ Und es ist zutiefst schambehaftet, das zuzugeben.

Der wichtigste Punkt dabei ist: Das schließt nicht aus, dass das Kind geliebt wird. Man kann sein Kind lieben und trotzdem bereuen, Mutter oder Vater geworden zu sein. Das sind zwei getrennte Dinge, die nebeneinander existieren dürfen. Das auszuhalten ist für die Betroffenen – aber auch für das Umfeld – schwierig, weil es auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt. Aber das ist es nicht.
Gerade der Übergang vom Paar zur Familie ist eine sehr sensible Phase. Sowohl für Mütter als auch für Väter ist es ein riesiger Umbruch im Leben. Oftmals hatte man Erwartungen und Vorstellungen, wie das Elternsein so sein wird, und die Realität ist vielleicht eine ganz andere. Und auch die Partnerschaft verändert sich ja dramatisch. Zuvor hatte man unglaublich viel Zeit füreinander und auf einmal gibt es ein neues Wesen, dass uns auf so vielen Ebenen fordert.
Ambiguitätstoleranz: widersprüchliche Empfindungen nebeneinanderstehen lassen
Diese ambivalenten Gefühle in der Elternschaft kennen wir eigentlich alle. Und es ist nicht leicht, sie zu halten. Wer einen einzigen Tag in der Elternrolle betrachtet, findet darin manchmal alles: von tiefer Erfüllung bis zu völliger Verzweiflung. Eine emotionale Achterbahnfahrt, auf die uns niemand wirklich vorbereitet. Plötzlich ist das Kind da, und wir werden ins kalte Wasser geworfen und müssen zurechtkommen.
Die Gedanken sind aber eben nicht nur: „Ich wäre lieber nicht Mama oder Papa geworden.“ Sie sind so viel mehr – Elternschaft ist ein Erlebnis, das uns in manchen Momenten vollkommen erfüllt und uns in anderen so herausfordert, dass wir an unsere Grenzen stoßen und einfach nicht mehr weiterwissen.
Zur Person:
Heidy de Blum ist Leiterin von familylab Deutschland, einem Weiterbildungsinstitut für pädagogische Fachkräfte und einem Netzwerk, das landesweit Vorträge, Seminare und Beratungen für Familien anbietet. Als Zwillingsmama liegen ihr alle Familienthemen am Herzen: Wie können wir die Beziehungen in unserem Leben so gestalten, dass es allen Beteiligten gut geht und wir miteinander wachsen können?

Was wir dafür brauchen, ist Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, widersprüchliche Empfindungen nebeneinanderstehen zu lassen, ohne sie sofort auflösen zu müssen. Wie unterschiedlich diese Ambiguitätstoleranz ausgeprägt ist, erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder. Für manche ist das machbar. Die merken: „Wow, in mir ist unglaublich viel los, in verschiedensten Richtungen. Und es ist okay, ich kann das annehmen, ich kann weitergehen.“ Und andere merken: „Mich überfordert das total. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo ich stehe.“
Ambiguitätstoleranz kann man auch üben. Was es als Erstes dazu braucht, ist, die Gefühle überhaupt wahrnehmen zu können. Und das ist in unserem stressigen Alltag gar nicht so leicht. Also mal einen Moment innehalten, vielleicht alleine oder im Gespräch mit einer Freundin oder dem Partner, um erst mal zu spüren: „Aha, so ist es jetzt gerade bei mir!“ Und dann ganz bewusst neugierig zu werden, anstatt diese Gefühle zu verurteilen oder wegzudrücken. Ich arbeite gerne mit Visualisierungen, das bedeutet, ich stelle mir die beiden Gefühle bildlich vor. Vielleicht ist die Wut ein Feuerball und die Liebe, die ich empfinde, eine Decke, die mich umschließt. Und dann stelle ich mir diese beiden Bilder nebeneinander vor. Beide dürfen da sein und das ist vollkommen in Ordnung.
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Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn das Gefühl der Überforderung nicht nur phasenweise auftritt, sondern bleibt – dieses Gefühl von „Mir geht es nicht gut, ich bin unzufrieden mit mir in meiner Rolle als Elternteil“ – und der Leidensdruck über längere Zeit bestehen bleibt, dann sollte man sich professionelle Hilfe suchen.
Manchmal steckt auch eine Depression dahinter. Gerade bei Müttern ist das Thema Wochenbettdepression nach der Geburt ja sehr präsent. Aber es muss gar nicht so „groß“ sein. Dieser Umbruch von „Ich bin nur für mich verantwortlich und gestalte mein Leben, wie ich möchte“ hin zu „Ich fühle mich nur noch fremdbestimmt, ich habe ständig jemanden an mir kleben, ich weiß manchmal gar nicht mehr, wer ich noch bin“ – das allein kann schon so viel mit einem machen.
Da kann es unglaublich guttun, jemanden zu haben, mit dem man das besprechen kann – jemanden, der die Situation von außen betrachtet und hilft, wieder einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Denn wenn wir so tief in diesem Gefühl der Überforderung stecken, erscheint alles nur noch furchtbar und auswegslos. Manchmal hilft vielleicht schon ein Gespräch mit Freunden, manchmal tut es aber gut, sich an Fachpersonen zu wenden, die einen unvoreingenommenen Blick haben: eine Erziehungsberatungsstelle vor Ort, ein Mütterzentrum oder auch ein Familienberatungsnetzwerk wie familylab. (In Zusammenarbeit mit Jasmina Deshmeh)