Vom China-Falken zum Iran-Verteidiger: Elbridge Colbys Sinneswandel im Trump-Team
Ein China-Falke verteidigt den Iran-Krieg: Trumps strategischer Vordenker Elbridge Colby muss das amerikanische Vorgehen gegen Teheran erläutern
Donald Trumps Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, Elbridge Colby, war einst ein Gegner einer Militärintervention in Iran. Nun plädiert er dafür, der Strategie zur Verhinderung einer iranischen Atombombe mehr Zeit zu geben.
28.07.2026, 06.26 Uhr
4 Leseminuten

Der amerikanische Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik, Elbridge Colby, hat sich vom Gegner zum Befürworter des Iran-Kriegs gemausert.
Tom Nicholson / Reuters
Elbridge Colby ist ein Mann, der Widersprüche aushält. Als Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik im Pentagon gehört er zu den wichtigsten strategischen Beratern von Donald Trump. Er ist kein Emporkömmling, der seine Position nur dank persönlicher Loyalität zum Präsidenten erklommen hätte. 2023 bezeichnete ihn «Politico» vielmehr als «Bilderbuch-Vertreter der aussenpolitischen Elite Washingtons».
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Allerdings hat er den Konsens der traditionellen Eliten immer wieder gebrochen. So äusserte Colby wiederholt die Ansicht, die USA müssten ihre limitierten Ressourcen bündeln, die Sicherheit Europas und der Ukraine den Europäern überlassen und sich ganz auf die Eindämmung Chinas konzentrieren.
Nun hat Colby eine neue Aufgabe gefasst: Trumps Iran-Krieg ist auch nach fünf Monaten nicht beendet; in den Medien, aber auch im Kongress werden Vorwürfe laut, die Regierung lasse jegliche Strategie vermissen. Das fordert Colby als aussenpolitischen Vordenker heraus. Jüngst gewährte er dem «New York Times»-Kolumnisten Ross Douthat ein ausführliches Interview, in dem er Trumps Vorgehen in Iran verteidigt. «Man muss der Strategie ein wenig Zeit geben», sagte er. «Der Präsident sitzt nicht in der Falle.»
Enkel von CIA-Direktor
Colbys Interesse für Aussenpolitik geht auf seine Kindheit zurück. Beeinflusst wurde er von seinem Grossvater William Colby, der in den 1970er Jahren als Direktor des Auslandgeheimdienstes CIA gedient hatte. Sein Vater war Banker und zog mit der Familie nach Tokio, was Colbys Interesse am asiatischen Raum weckte. Zurück in den USA, studierte er in Harvard und Yale. Er ist mit einer brasilianischen Funktionärin der Weltbank verheiratet und Mitglied des Metropolitan Club, eines der ältesten Privatklubs Washingtons.
Bereits während Trumps erster Amtszeit diente er im Pentagon und war 2018 an der Ausarbeitung der National Defense Strategy beteiligt, die den Fokus des Verteidigungsministeriums von Europa nach Asien verlagerte. Nach Trumps Abwahl arbeitete er für die moderate Denkfabrik Center for a New American Security.
2021 veröffentlichte er das vielbeachtete Buch «The Strategy of Denial». Colbys Hauptargument: Zu verhindern, dass China regionale Hegemonie erlange, sei die wichtigste Priorität der amerikanischen Aussenpolitik. Zwei Jahre später verschrieb er sich in der Fachpublikation «Orbis» noch stärker der «America first»-Doktrin: «Amerikanische Aussenpolitik dient einem Eigeninteresse – konkret der amerikanischen Sicherheit, unserer Freiheit und unserem Wohlstand.»
«Der Präsident hat viele Optionen»
Der Iran-Krieg entspricht weder der reinen Lehre einer «China first»- noch einer «America first»-Politik. Vor seinem Amtsantritt im Jahr 2025 bezog Colby denn auch gegen eine Intervention im Nahen Osten Stellung. Er argumentierte, dass selbst ein nuklear bewaffnetes Iran eingedämmt werden könnte, wie einst die Sowjetunion.
In seiner Rolle als Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik hat er nun einen Sinneswandel vollzogen. Im Interview mit der «New York Times» wies er die Aussage zurück, dass sich Iran und die USA nach dem gescheiterten Friedensabkommen in einer Pattsituation befänden. Er betont, die USA verfolgten nicht das strategische Ziel, einen Regimewechsel herbeizuführen und sich wie im Irak im «nation building» zu verstricken. Washington gehe es primär darum, zu verhindern, dass Iran eine Atomwaffe erlange.
Doch das Mullah-Regime glaubt resistenter zu sein als die USA. Der Beschuss von Schiffen in der Strasse von Hormuz treibt den Ölpreis in die Höhe. Das schadet Trump vor den Zwischenwahlen im November. Doch schreckt er aus innenpolitischen Gründen vor der Entsendung von Bodentruppen zurück, die das Regime militärisch in die Knie zwingen könnten.
Colby räumt ein, dass zumindest Teile der iranischen Führung darauf spekulierten, dass Trump als Erster nachgebe. Er glaube aber nicht, dass diese Strategie aufgehe, da der Druck auf Iran nun massiv zunehme. Die Seeblockade gegen Iran sei effektiv, und die USA hätten noch viele militärische Eskalationsmöglichkeiten, aber auch diplomatische und wirtschaftliche Mittel wie die Verhängung neuer Sanktionen. «Der Präsident hat viele Optionen.» Demgegenüber habe Iran nur sehr limitierte Möglichkeiten, betont Colby. Langfristig sei die Blockade der Strasse von Hormuz für Teheran nicht haltbar.
Den Iran-Krieg hält Colby auch für vereinbar mit den Zielen von «America first». So hätten regionale Partner wie Israel und die Golfstaaten begonnen, militärisch mehr regionale Verantwortung zu übernehmen. «Das haben wir in früheren Konflikten nicht gesehen, und das ist ein Fortschritt, den Präsident Trump erreicht hat.»
«Kein endloser Krieg»
Colby stört sich am Alarmismus in der öffentlichen Debatte in den USA. Vergleiche mit dem Vietnam-Krieg mit 58 000 getöteten amerikanischen Soldaten hält er für ebenso deplatziert wie Vergleiche mit dem Irak, wo mehr als 100 000 Angehörige von Bodentruppen stationiert gewesen seien. «Wir müssen die Relationen wahren. Das ist kein endloser Krieg.»
Colby argumentiert ruhig und sachlich. Offen bleibt, ob sein Sinneswandel auf seinen Überzeugungen gründet oder ob er aus der Not eine Tugend macht. Verärgert reagiert der eingefleischte China-Falke nur auf Kommentatoren wie Fareed Zakaria. Dieser hatte in der «Washington Post» argumentiert, dass der Iran-Krieg China diene, indem er den Einfluss der USA im Nahen Osten schwäche und das diplomatische Ansehen Pekings als verlässliche Weltmacht stärke.
«China kommt keineswegs glänzend weg», erklärte Colby. «Kein Land ist stärker vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig, und ich würde unsere wirtschaftliche Position nicht mit jener Chinas tauschen wollen.»
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