Ein Jahr Nachtkulturkoordinator in Jena: Was hat die neue Stelle gebracht?
AUDIO: Ein Jahr Nachtbürgermeister in Jena (2 Min)
Nachtleben
Stand: 12.09.2026 20:26 Uhr
Schnellere Wege zur Verwaltung, mehr Austausch unter den Clubs - aber weiterhin zu wenig Flächen und steigende Kosten: Seit einem Jahr hat Jena einen Nachtkulturkoordinator. Wie fällt die Bilanz der Nachtkulturszene aus?
von Olaf Nenninger, Olaf Nenninger, MDR THÜRINGEN
Eine Party unter freiem Himmel klingt erst einmal unkompliziert: Musik, ein paar Boxen, Leute kommen zusammen, feiern, fertig. Beim Jenaer Kollektiv Paraphora hat es auch so angefangen.
Inzwischen kommen zu den Veranstaltungen auf Freiflächen, Wiesen und Brachen regelmäßig 200 bis 400 Menschen. Und damit wurden aus spontanen Partys Veranstaltungen, für die Genehmigungen nötig sind und bei denen verschiedene Behörden mitreden wollen und müssen.
Genau an dieser Stelle kommt Christoph Litwinow ins Spiel. Seit einem Jahr ist er Nachtkulturkoordinator in Jena. Übrigens der erste in Thüringen. Er vermittelt zwischen Clubs, freien Veranstaltern, Verwaltung, Politik und Anwohnern.
Christoph Litwinow ist seit einem Jahr Nachtkulturkoordinator in Jena.
Arbeit als Nachtkulturkoordinator hat sich ausgezahlt
Litwinow selbst blickt zufrieden auf sein erstes Jahr zurück. Es sei ein "sehr interessantes, sehr dynamisches Jahr" gewesen, sagt er. Vor allem habe sich gezeigt, dass sich die Arbeit auszahle.
Ein Schwerpunkt war zunächst, die verschiedenen Akteure überhaupt stärker zusammenzubringen. So wurde der sogenannte Booking-Stammtisch wiederbelebt. Etwa alle vier bis sechs Wochen treffen sich dort Clubs und Veranstalter, sprechen über geplante Veranstaltungen, Probleme und mögliche Kooperationen.
Litwinow sieht seine Rolle dabei nicht als Interessenvertreter allein für die Feiernden. Nachtkultur betreffe auch Stadtentwicklung, Wirtschaft, Sicherheit und das Zusammenleben in der Stadt. Bei Konflikten gehe es deshalb darum, Lösungen zu finden, ohne Kultur zu verhindern, aber auch darum, die Interessen von Anwohnern ernst zu nehmen.
Etablierte Clubs wie etwa das Kassablanca kennen die Abläufe und Ansprechpartner in der Stadt und brauchen Litwinows Hilfe bislang kaum.
Kurzer Draht für kleinen Veranstalter oft entscheidend
Wie konkret diese Vermittlung werden kann, zeigt das Kollektiv Paraphora. Seine Veranstaltungen im Paradiespark wurden irgendwann zu groß. Das Kollektiv suchte sich eine neue Fläche und musste seine Veranstaltungen nun regulär anmelden.
Das Gefühl, da jemanden zu haben, der diese Schnittstelle zwischen dem kulturschaffenden Menschen und der städtischen Seite ist, das tut, glaube ich, ganz gut. Tim Mages von Paraphora
Dabei habe Litwinow mehrfach geholfen, erzählt Tim Mages von Paraphora. Wenn Genehmigungen fehlten, habe der Nachtkulturkoordinator seine Kontakte in die Verwaltung genutzt. Dinge, die auf dem üblichen Weg länger gedauert hätten, seien so teilweise "innerhalb von ein, zwei Tagen" geklärt worden.
Für Mages ist vor allem wichtig, jemanden zu haben, der beide Seiten kennt: "Das Gefühl, da jemanden zu haben, der diese Schnittstelle zwischen dem kulturschaffenden Menschen und der städtischen Seite ist, das tut, glaube ich, ganz gut."
Thomas Sperling vom Kassablanca in Jena.
Rosenkeller und Kassablanca brauchen weniger Hilfe
Bei etablierten Clubs sieht das etwas anders aus. Rosenkeller und Kassablanaca kennen die Abläufe und Ansprechpartner in der Stadt seit Jahren. Bei konkreten Problemen mit Behörden brauchten sie Litwinows Hilfe bislang kaum.
Wir haben jetzt wirklich einen festen Ansprechpartner, der uns zuhört und auch für uns als Club quasi da ist. Anne-Katrin Huck vom Rosenkelle
Dennoch habe sich etwas verändert, sagt Anne-Katrin Huck vom Rosenkeller: "Wir haben jetzt wirklich einen festen Ansprechpartner, der uns zuhört und auch für uns als Club quasi da ist." Positiv sei außerdem, dass die Clubs inzwischen regelmäßiger miteinander ins Gespräch kommen.
Ähnlich sieht es das Kassablanca. Gerade für kleinere Kollektive sei die Vermittlung wichtiger als für etablierte Einrichtungen. Zugleich könne sich auch die andere Seite an den Nachtkulturkoordinator wenden, etwa Menschen, die Probleme mit einer Veranstaltung haben. Das Kassablanca spricht sich deshalb dafür aus, die Stelle langfristig fortzuführen.
Anne-Katrin Huck vom Rosenkeller in Jena.
Die großen Probleme kann ein Koordinator nicht lösen
Denn trotz der positiven Bilanz steht die Jenaer Nachtkultur weiter unter Druck. Thomas Sperling vom Kassablanca berichtet von weniger Gästen bei klassischen Clubnächten als vor der Corona-Pandemie. Gleichzeitig seien Personal, DJs und andere Kosten deutlich teurer geworden. Höhere Ausgaben ließen sich aber nicht einfach auf die Eintrittspreise umlegen.
Die Flächenfindung ist das größte Problem in Jena. Tim Mages von Paraphora
Beim Rosenkeller zeigt sich ein ähnliches Problem. Wird der Eintritt teurer, gibt das vor allem studentische Publikum häufig weniger Geld an der Bar aus.
Und für freie Kollektive fehlt es vor allem an geeigneten Orten. "Die Flächenfindung ist das größte Problem in Jena", sagt Tim Mages. Selbst Veranstaltungen, die bereits um 22 Uhr enden, seien an zahlreiche Bedingungen geknüpft. Die Zusammenarbeit mit den Behörden beschreibt er dabei ausdrücklich als kooperativ.
Neun Orte, eine Nacht
Ein sichtbares Ergebnis des ersten Jahres soll es am 23. Oktober geben. Dann ist erstmals eine "Lange Nacht der Clubkulturen" geplant. Neun Jenaer Kulturorte wollen sich beteiligen, mit einem gemeinsamen Ticket soll das Publikum zwischen ihnen wechseln können. Litwinow sieht das Projekt als Ergebnis der stärkeren Vernetzung der vergangenen Monate.
Nach einem Jahr zeigt sich damit auch, wo die Grenzen des neuen Jobs liegen. Ein Nachtkulturkoordinator schafft keine neuen Veranstaltungsflächen und kann weder steigende Kosten noch sinkende Besucherzahlen aus der Welt schaffen.
Aber er kann Veranstaltern Wege durch die Verwaltung erleichtern, bei Konflikten vermitteln und Menschen zusammenbringen, die vorher weniger miteinander gesprochen haben. Für einen Job, den es in Thüringen vorher noch nicht gab, ist das zumindest ein Anfang.
MDR (one/jn)