Neuer Roman von Dave Eggers: Ein Leben voller Kunst und Freundschaft
Neuer Roman von Dave Eggers
Dave Eggers ist Verleger, Drehbuchautor, KI-Kritiker und einer der wichtigsten US-amerikanischen Autoren der Gegenwart. Nach düsteren Technodystopien wie „The Circle“ veröffentlicht er nun „Contrapposto“ – einen sympathisch altmodischen Entwicklungs-, Kunst- und Beziehungsroman. Die Geschichte handelt von einem ungleichen Paar, das Kraft aus der Kunst zieht, und zeigt über weite Strecken, das Eggers ein begnadeter Geschichtenerzähler ist.
Online seit heute, 19.56 Uhr
Als Cricket zum ersten Mal Olympia trifft, ist es um ihn geschehen. Er ist zehn Jahre alt, sie ein Jahr älter – und dabei längst jenseits aller kindlichen Unschuld. Sie – goldene Augen, nach Zitronen duftend – hat von seinem Zeichentalent gehört und überredet den ahnungslosen Cricket, den neuen Spielplatz mit Synonymen für Selbstbefriedigung zu bemalen. „Melk den Elch“ und „Riemel den Pfriemel“ trägt Cricket auf die Wand auf – nicht als wüste Schmiererei, sondern als fein ausgeführte Graffitis: „Filigran“ soll es sein. Im Kunstsinn sind die beiden von früh auf Geschwister im Geiste.
Eggers, 1970 in Boston geboren, gilt als literarischer Star mit sozialem Gewissen: Er hat mehrere gemeinnützige Organisationen gegründet, die Kindern Zugang zu Kunst und Literatur ermöglichen, schreibt für alle Altersgruppen – „all age“, wie er selbst sagt – und verfasste das Drehbuch für Spike Jonzes Verfilmung von „Wo die wilden Kerle wohnen“. Eggers ist zudem ein dezidierter KI-Kritiker und klagt den Konzern Anthropic wegen der unautorisierten Nutzung seiner Werke.
Dystopischer Bestseller „The Circle“
Literarisch machte er sich im Jahr 2000 mit seinem für den Pulitzer nominierten Debüt einen Namen. Seinen internationalen Ruf verdankt er vor allem den technologiekritischen Dystopien „The Circle“ (2013) und „The Every“ (2021), in denen er früh vor Überwachungskapitalismus und Big Tech warnte. „Contrapposto“ kommt nun aus einem anderen Fahrwasser: Eggers tritt hier einen Schritt zurück vom politisch engagierten Sujet und liefert ein Stück klassischer Erzählliteratur – wohltuend gut gemacht und ohne Agenda im Vordergrund.
60 Jahre Freundschaft
Das Buch, an dem Eggers bereits vor zwanzig Jahren zu schreiben begann, dreht sich um die Bedeutung von Kunst und um die Enttäuschungen – wie die Verführungen des Kunstbetriebs. Kunst ist in „Contrapposto“ nicht zuletzt ein Zufluchtsort in Zeiten der Dunkelheit.
Zugleich ist es ein fast epischer Roman über eine lebenslange, nicht immer unkomplizierte, aber stets innige Freundschaft der beiden Protagonisten. Ähnlich wie Sally Rooneys „Normal People“ erzählt Eggers hier vom Auf und Ab der (nicht nur platonischen) Gefühle über eine größere Zeitspanne: In Zeitsprüngen wird geschildert, wie Cricket und Olympia aufwachsen, voneinander weg- und wieder zueinander hinreisen – über Kontinente und Lebensphasen hinweg.
Kritik an theorielastiger Konzeptkunst
Der schüchterne, leicht verlorene Cricket wächst zunächst im Mittleren Westen auf und entpuppt sich früh als Zeichentalent. Das Zuhause aber ist vom gewalttätigen Stiefvater geprägt. Die eigene Wirkmächtigkeit erfährt er einzig im Zeichnen: Der Zeichnung eines plattgefahrenen Wiesels verpasst er – dank Olympias Einfallsreichtums – die Gesichtszüge des Stiefvaters und gewinnt prompt den ersten Preis im lokalen Wettbewerb.
Wo Cricket zögerlich ist, ist Olympia die Gegenfolie: voller Tatendrang, mit donnernden Lachen, maßgeblich bestimmend – auch darin, wann aus der Freundschaft mehr wird und sie wieder „eine Sauerei anrichtet“. Olympia ist es auch, die ihn ans College holt. Doch Cricket fremdelt in einer Welt, in der ein komplizierter Theorietext oder unscharfe Polaroids, die sich in drei Schleifen an Richard Princes Appropriation Art abarbeiten, mehr zählen als malerische Könnerschaft, die als schnödes Kunsthandwerk abgetan wird. „Das ist der ganze Sinn der Konzeptkunst. Nimm etwas Interessantes und mach es mühsam“, bringt es Olympia auf den Punkt.
Warmherzige Erzählhaltung
Eggers selbst hat ein abgebrochenes Kunststudium vorzuweisen und organisiert laut „Guardian“ regelmäßig Aktzeichensitzungen in seinem Verlag McSweeney’s. Seine Sympathien und sein Kunstverständnis sind im Roman deutlich ablesbar – und in diesen Passagen wirkt „Contrapposto“ bisweilen etwas didaktisch. Mit der Krise des sympathischen Cricket gerät auch der insgesamt gemächlich gestrickte Roman stellenweise ins Stocken.
Dennoch lohnt es sich dranzubleiben: Bald setzt der nächste Zeitsprung ein, und im letzten Drittel gewinnt das Buch nochmals an Dynamik. Welchen Lebensentwurf verfolgt man? Und wie schreibt sich dieses Leben in den Körper ein? Narben von Verbrennungen, Unfällen, Spuren lebensbedrohlicher Krankheiten – Eggers widmet auch den physischen Wandlungen seiner liebevoll und vielschichtig gezeichneten Protagonisten Aufmerksamkeit. Das hat mit dem Ethos zu tun, aus dem Cricket sein Lebensglück zieht: dem vorurteilsfreien, genauen Hinsehen und Abbilden. Einige der schönsten Szenen des Buchs spielen sich im Aktzeichensaal ab.
Anstelle erzählerischer Härte, Zynismus oder dem drastischen Ausloten von Lebenskrisen hat Eggers eine Erzählhaltung gewählt, die von wohltuender Warmherzigkeit getragen ist. Zwar werden Bruchlinien nicht kaschiert, der Grundton bleibt aber durchwegs tröstlich – auch weil das Buch allen Unwägbarkeiten zum Trotz immer etwas entgegenhält: die Kraft der Kunst, vor allem aber auch die Beharrlichkeit menschlicher Verbindung.