Eine Angewohnheit im Alltag unterscheidet clevere Menschen vom Rest
Stand: 29.08.2026, 07:17 Uhr
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Wer klug ist, weiß auch, was er nicht weiß. Eine Psychologin erklärt, wie eine bestimmte Denkweise im Alltag den Unterschied machen kann.
Frankfurt – Ob aus Talkshows, in der Familie oder mit Freunden: Wir alle kennen die Gespräche, in denen erbittert diskutiert wird und Standpunkte bis aufs Blut verteidigt werden. Konstruktiv wird es dann, wenn wir an den richtigen Stellen nachgeben und zuhören, wo eigene Argumente und Wissen fehlen. Das zu erkennen und sich selbst einzugestehen, fällt nicht immer leicht. Besonders bei Themen, in denen man selbst bereits über Expertise verfügt und sich deshalb für besonders kompetent hält.

Die Fähigkeit, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen und offen für die Perspektiven anderer zu sein, wird in der Wissenschaft „intellektuelle Bescheidenheit“ genannt. Wichtig ist: Intellektuell bescheidene Menschen hinterfragen sich und ihr Wissen nicht permanent selbst. Stattdessen können sie korrekt einschätzen, bei welchen Fragen und Punkten sie Expertise besitzen und an welchen Stellen sie Wissenslücken haben. „Somit unterscheidet sich intellektuelle Bescheidenheit von reinen Selbstzweifeln, bei denen eine Person möglicherweise eigenes Wissen unterschätzt und keine korrekte Selbstwahrnehmung hat“, sagt Larissa Knöchelmann vom Institut für Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, die in diesem Fachbereich forscht.
Intellektuelle Bescheidenheit: Menschen wirken in Gesprächen oft sympathischer
Wer sich und sein Wissen gut selbsteinschätzen kann, hat laut Knöchelmann weniger Probleme damit, neue Informationen objektiver zu bewerten und zu verarbeiten. In der Praxis hilft es Menschen, sich konstruktiv über Themen auszutauschen: „Konkret bedeutet das, dass sie besser gute von schlechten Argumenten unterscheiden können, sich auch mit Argumenten beschäftigen, die gegen ihre Ansichten sprechen, und mehr Fact-Checking betreiben“, sagt Knöchelmann der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Das führt dazu, dass intellektuell bescheidene Personen in Gesprächen häufig als angenehmes Gegenüber empfunden werden. Sie wirken sympathischer und wecken eine positivere Erwartung an ein mögliches Gespräch, erklärt die Psychologin der Humboldt-Universität. Intellektuelle Bescheidenheit wirkt somit in verschiedenen sozialen Situationen positiv: Während der konstruktive Austausch beispielsweise für eine politische Debatte wünschenswert ist, hilft die Perspektivoffenheit auch Führungskräften oder Lehrkräften für den Lernerfolg von Kindern in der Schule.
Neben dem Umfeld profitieren intellektuell bescheidene Personen auch selbst von ihrem Umgang mit dem eigenen Wissen: „Man sollte davon ausgehen, dass intellektuell bescheidene Menschen eher neue Fakten in ihre Meinung integrieren können als nicht bescheidene Menschen“, sagt Knöchelmann. Wer eigene Wissenslücken eingesteht und Informationen von außen neutral aufnimmt, eignet sich neues Wissen möglicherweise effektiver an als jemand, der Informationen abprallen lässt oder vorrangig damit beschäftigt ist, den bisherigen eigenen Standpunkt zu verteidigen.
Intellektuelle Bescheidenheit bedeute jedoch nicht, jede neue Information ungeprüft zu übernehmen, betont Knöchelmann. Als Beispiel nennt sie eine Ärztin, die eine Studie liest, die gegen ein Medikament spricht, bei dem sie selbst Fachexpertise besitzt. „Wenn sie intellektuell bescheiden ist und anerkennen kann, dass sie viel über das Medikament weiß, aber manche Dinge eben auch nicht, dann sollte sie die Studie aufmerksam lesen, die Qualität der Studie einschätzen und anschließend versuchen, die Ergebnisse in ihr Wissen zu integrieren“, erklärt die Psychologin.
Das Ziel sei nicht, bisheriges Wissen über Bord zu werfen, sondern ein komplexeres Verständnis zu entwickeln, etwa dass ein Medikament bei bestimmten Patientengruppen anders wirken könnte. Eng verknüpft mit intellektueller Bescheidenheit sei die sogenannte Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Widersprüche und Unklarheiten zwischen verschiedenen Informationen auszuhalten, sagt Knöchelmann.
Flexibel und logisch denken: Kann man intellektuelle Bescheidenheit lernen?
Ein Forschungsteam der Universität Cambridge rund um die Neurowissenschaftlerin Leor Zmigrod hat untersucht, welche kognitiven Faktoren intellektuelle Bescheidenheit begünstigen. Entscheidend sind demnach zwei Aspekte: kognitive Flexibilität – also die Fähigkeit, gedanklich schnell zwischen verschiedenen Konzepten zu wechseln – und allgemeine Intelligenz. Wer flexibel denkt und logisch vorgeht, begegnet anderen Meinungen mit mehr Offenheit.
Das Interessante dabei ist, dass man kein Genie sein muss, um intellektuell bescheiden zu sein. Die Studie zeigt ein Zusammenspiel beider Faktoren: Wer weniger intelligent ist, kann dies durch hohe geistige Flexibilität ausgleichen und umgekehrt. Beide Eigenschaften wirken wie zwei gleichwertige Wege zum selben Ziel. „Um korrekt einschätzen zu können, was man weiß und was man nicht weiß, benötigt eine Person selbstverständlich ein gewisses Mindestmaß an Intelligenz. Allerdings ist es nicht notwendig, überdurchschnittlich intelligent zu sein, um intellektuell bescheiden zu sein“, ergänzt Knöchelmann.
Ob sich intellektuelle Bescheidenheit erlernen lässt, ist Gegenstand aktueller Forschung. Wie bei vielen Persönlichkeitseigenschaften gibt es bei intellektueller Bescheidenheit sowohl stabile Komponenten – beispielsweise ein grundsätzlich bescheidenes Gemüt – als auch situative Einflüsse. „Wie bescheiden ich in einer bestimmten Situation an einem bestimmten Tag zu einem bestimmten Thema bin, kann schwanken. Dies eröffnet die Möglichkeit, dass man diese Haltung trainieren kann“, erklärt Knöchelmann. Hierfür braucht es laut der Psychologin jedoch wiederholtes Training, wie reflektierendes Tagebuchschreiben. Einmalige Übungen waren bisher wenig erfolgversprechend. (Quelle: Personality and Individual Differences, eigene Recherche)