Zürcher Tramstation im Wandel: Was der Umbau am Bahnhofquai verändert

Eine der grössten Tramhaltestellen von Zürich wird umgebaut. Runde Gleise und eine Absage an Tempo 30 durchkreuzten die Pläne

Seit einem halben Jahr ist die Tramhaltestelle Bahnhofquai eine Grossbaustelle. Ein Besuch zur Halbzeit des gigantischen Umbauprojekts.

Jana Kehl03.08.2026, 18.31 Uhr

5 Leseminuten


Bauarbeiter arbeiteten an den Schalungen der neuen Tramhaltestelle beim Bahnhofquai.

Bauarbeiter arbeiteten an den Schalungen der neuen Tramhaltestelle beim Bahnhofquai.

Claudio Thoma / Keystone

Wer am Zürcher Hauptbahnhof ankommt, aus der grossen Halle spaziert und beim Bahnhofquai einen Blick auf die Limmat erhaschen will, sieht erst einmal nur eines: eine grosse Baustelle, eingehüllt in dunkelgrüne Bauplanen.

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Eigentlich befindet sich hier eine der meistgenutzten Tramhaltestellen der Stadt Zürich. 44 000 Fahrgäste steigen am Bahnhofquai täglich ein und aus. Doch an diesem Montagvormittag sind es nur zwanzig Arbeiter, die grosse gelbe Bretter zurechtschneiden und an einem Gerüst montieren.

Vor mehr als einem halben Jahr hat sich die Tramhaltestelle Bahnhofquai/HB in eine Grossbaustelle verwandelt. Nötig wurde das, weil die Tramschienen ersetzt werden mussten. Die Stadt entschied dann im Zuge des fälligen Gleisersatzes, die Haltestelle auch behindertengerecht auszubauen. Dafür mussten die Haltekanten stellenweise um dreissig Zentimeter erhöht werden.

Doch nicht nur deshalb dauern die Bauarbeiten noch bis Dezember – also insgesamt für ein Jahr – an. Der wichtigste Grund für die lange Bauzeit ist ein Problem, das die Ingenieure erst bei der Planung entdeckten: Die Haltestelle am Bahnhofquai verläuft bogenförmig, Gleis und Kante stehen nicht parallel zueinander. Bisher war das nicht weiter schlimm: Gingen die Tramtüren auf, befand sich das Trittbrett oberhalb der Haltekante. Nun, mit der Erhöhung, wären das Trittbrett und die Kante kollidiert – die Türen hätten sich nicht mehr öffnen lassen.

Deshalb werden die Tramlinien künftig so gerade wie möglich geführt. An mehreren Stellen machen sie einen leichten Knick, dazwischen verläuft ein begradigtes Teilstück. Der überdachte Teil der Haltestelle soll zudem um etwa das Doppelte erweitert werden.

Die runden Gleise mussten teilweise begradigt werden.

Die runden Gleise mussten teilweise begradigt werden.

Claudio Thoma / Keystone

Rund 30 Millionen Franken kostet der Grossumbau. Die geometrische Auslegung der Tramgleise war dabei nicht die einzige Herausforderung, der sich die städtischen Verkehrsbetriebe stellen mussten.

Die Stadt plante für Tempo 30

Während an der neuen Haltestelle die Baumaschinen hämmern, brummen nebenan Autos und Motorräder vorbei. «Die Baustelle ist eine Insel mitten im Verkehr», sagt der Gesamtprojektleiter Christian Meier am Montag während einer Baustellenführung.

Die Anlieferung von Baumaterial sei herausfordernd, eine regelrechte «Materialschlacht». An der Strasse mit Autobahnzubringer und Rettungsachse könne man nicht einfach Fahrstreifen sperren. Der rote Kran musste deshalb mitten auf den neuen Tramgleisen aufgestellt werden.

Auch ein Entscheid des Stimmvolks hat das Projekt im letzten Moment noch komplexer gemacht. Ursprünglich wollte die Stadt nämlich diverse Strassen um den Hauptbahnhof auf Tempo 30 herabsetzen – «aus Verkehrssicherheitsgründen». Doch dann sagte die Stimmbevölkerung im Kanton Zürich im Oktober Ja zur Mobilitätsinitiative. Sie gibt dem Kanton die Kompetenz, über Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen zu bestimmen.

Die Baupläne waren laut Meier aber bereits auf eine Temporeduktion ausgerichtet, konkret: der Bau der Haltestelle, die dem Aufprall eines Autos standhalten muss. Damit das auch bei einem Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde gewährleistet ist, mussten die Pläne überarbeitet werden. Meier sagt: «Damit die Haltestelle nicht klobiger wird als bisher, verwenden wir neu ultrahochfesten Beton.»

Denkmalgeschützte Tramhäuschen

Die Vorgabe, dass der Bau nicht «klobiger» werden darf als bisher, hat wiederum mit der Denkmalpflege zu tun. Als in den frühen fünfziger Jahren die Massenmotorisierung einsetzte, sollten der Bahnhofquai und die Bahnhofbrücke für den Autoverkehr verbreitert werden. Dafür schüttete man einen Teil der Limmat zu, auf dem schliesslich die Tramhaltestelle Bahnhofquai entstand. Mit der runden Form, den Glaswänden sowie dem hervorstehenden Dach wurde sie nach dem Vorbild von überdachten Fussballstadien gebaut.

In den fünfziger Jahren schüttete die Stadt einen Teil der Limmat auf, um mehr Platz für den Strassenverkehr zu schaffen.

In den fünfziger Jahren schüttete die Stadt einen Teil der Limmat auf, um mehr Platz für den Strassenverkehr zu schaffen.

Claudio Thoma / Keystone

Lange interessierte das niemanden – in den vergangenen Jahren setzte sich die Zürcher Denkmalpflege jedoch intensiver mit den Tramhaltestellen in der Stadt auseinander. Jene am Paradeplatz oder jene am Bellevue wurden als schützenswert eingestuft – und dieses Jahr, also mitten im Umbau, wurde auch die Tramhaltestelle am Bahnhofquai in das Inventar aufgenommen. Die historische Architektur muss also erhalten bleiben.

Nachtarbeiten während der Street Parade

Nicht nur die Denkmalschützer sollen mit der neuen Haltestelle auf ihre Kosten kommen. Geplant ist auch eine Erweiterung der Tramhäuschen bis zu den Treppenabgängen ins Shop-Ville – damit die Pendlerinnen und Pendler neu auch bei Regenwetter trocken zu ihrem Zug gehen können. Verlieren werden dafür die Velo- und Motorradfahrer: Sie verlieren auf dem Vorplatz des Bahnhofs 42 beziehungsweise 14 Abstellplätze.

Noch bleibt auf der Baustelle viel zu tun. Die Arbeiten laufen auch in den jetzigen Hitzetagen auf Hochtouren. Zwar spendet der bereits vorhandene Teil der Haltestelle den Bauarbeitern etwas Schatten, doch ein Grossteil der Arbeit wird in der prallen Sonne erledigt. Man habe wegen der Hitze Massnahmen ergriffen, sagt Meier. Beispielsweise hätten die Bauarbeiter einen Nackenschutz erhalten, systematisch würden Trinkpausen eingelegt. Bestimmte Arbeiten würden zudem in der Nachtschicht erledigt.

Aufgrund der Hitze tragen die Bauarbeiter einen Nackenschutz. Einige Arbeiten wurden in die Nachtschicht verlegt.

Aufgrund der Hitze tragen die Bauarbeiter einen Nackenschutz. Einige Arbeiten wurden in die Nachtschicht verlegt.

Claudio Thoma / Keystone

In der Nacht von Samstag auf Sonntag – während Hunderttausende Raverinnen und Raver die Street Parade ausklingen lassen – sollen etwa die Träger des neuen Dachs betoniert werden. Das hat auch materialtechnische Gründe: Bei den hohen Temperaturen könne man nicht tagsüber betonieren, sagt Meier.

Ab Dezember sollen die Trams wieder fahren

Und die Kosten? Trotz Mobilitätsinitiative, Denkmalschutz und Hitzetagen könne man Stand heute das Budget wie auch den Zeitplan einhalten, sagt Meier. Besonders Letzteres dürfte die 44 000 Fahrgäste freuen, die vor dem Umbau hier jeden Tag in das Tram ein- und ausgestiegen sind.

Seit Dezember tun sie gut daran, den Hauptbahnhof zu umfahren, wenn sie von Nord nach Süd unterwegs sind – mit der S-Bahn oder via Central. Wer dennoch am Bahnhof umsteigt, muss die Nord-Süd-Lücke zu Fuss überqueren. Temporär erschufen die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) zudem zwei neue Linien, die Nummern 50 und 51, die nur nördlich des Hauptbahnhofs verkehren. Mit der Eröffnung der neuen Tramhaltestelle beim Bahnhofquai werden diese Linien wieder verschwinden.

Dies wird laut Rico Güntert, Oberbauleiter bei den VBZ, erneut im Zuge eines Fahrplanwechsels Mitte Dezember der Fall sein. Ende gut, alles gut also? Nein, denn die Lebensdauer der neu verlegten Tramgleise ist beschränkt. Normalerweise halten sie dreissig Jahre, am Bahnhofquai sind es wegen der hohen Frequenz jedoch bloss zehn Jahre. Die nächste Baustelle vor dem Hauptbahnhof – sie wird also früher kommen, als es den meisten Zürcherinnen und Zürchern lieb ist.

Bald schon soll das Dach der Haltestelle betoniert werden.

Bald schon soll das Dach der Haltestelle betoniert werden.

Claudio Thoma / Keystone

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