"Eine Frage des Überlebens": Bericht zeigt Zwangsarbeit in der Elektronikproduktion
Der Preis für Elektronik
"Eine Frage des Überlebens": Bericht zeigt Zwangsarbeit in der Elektronikproduktion
Beschäftigte in Südostasien berichten von Sicherheitsmängeln, Druck und Abhängigkeiten. Viele der Produkte, die sie herstellen, landen am europäischen Markt
Ob Smartphones, Laptops, Kopfhörer oder E-Autos: Viele Elektronikprodukte, die in Europa verkauft werden, enthalten Chips, Batterien und andere Komponenten aus Südostasien. Den Preis dafür müssen allerdings Arbeiterinnen und Arbeiter bezahlen, die diese Produkte teils unter widrigen Bedingungen in Elektronikfabriken herstellen. Eine neue Studie im Auftrag der Menschenrechtsorganisation Südwind dokumentiert dort problematische Arbeitsbedingungen, unter denen Beschäftigte in Teilen der Elektronikindustrie arbeiten müssen.
Für die Studie wurden Arbeitsverhältnisse in der Elektronikindustrie in Thailand, Malaysia und Indonesien untersucht. Die vollständige Veröffentlichung ist für 2027 geplant. Erste Fallbeispiele zeigen aber bereits, unter welchen Bedingungen Menschen in den betroffenen Ländern mitunter arbeiten müssen.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Frauen sowie Migrantinnen und Migranten, die laut den Forschenden besonders gefährdet sind, in Abhängigkeitsverhältnisse zu geraten.
Keine Alternative
Die Recherche zeigt, dass bestehende Arbeitsrechte häufig nicht durchgesetzt werden. Wer seine Rechte einfordert, Missstände meldet oder sich gewerkschaftlich organisiert, muss laut den Forschern mit Benachteiligungen bis hin zur Kündigung rechnen.
Zwang entsteht dort, wo den Betroffenen faktisch keine andere Wahl bleibt. Etwa in Thailand sind viele Arbeiter vor dem Bürgerkrieg in Myanmar geflohen. Wenn sie ihren Job verlieren, verlieren sie damit auch das Recht, im Land zu bleiben. "Für Migranten kann die Arbeit eine Frage des Überlebens sein. Wenn sie zurückgeschickt werden, erleben sie womöglich nicht einmal den nächsten Tag", so die Gewerkschaftsexpertin Thanussha Francis Xavier von IndustriALL Southeast Asia. Das Aufenthaltsrecht vieler Arbeitsmigrantinnen und -migranten sei direkt an ihre Arbeitserlaubnis gekoppelt, so Xavier. "An dem Tag an dem sie entlassen werden oder kündigen, müssen sie das Land verlassen".
Arbeit bis zur Erschöpfung
Deshalb sehen die Arbeiter mitunter keine andere Möglichkeit, als unter den prekären Umständen zu arbeiten. Laut Yohannes Wasi Gede Puraka, Policy Experte von Inkrispena in Indonesien, sind die Grundlöhne so niedrig, dass Arbeiter zu Überstunden gezwungen sind. "Manche arbeiten bis zu 16 Stunden am Stück, nur um über die Runden zu kommen", so Puraka. Laut der Recherche ist eine tägliche Überstunde in manchen Betrieben Teil des regulären Arbeitstags geworden und wird von Vorgesetzten als Druckmittel eingesetzt. Meldet sich jemand zu oft krank, werden ihm demnach die dringend notwendigen Überstundenvergütungen gestrichen.
Außerdem kommen Arbeiterinnen und Arbeiter in der Elektronikindustrie mit gefährlichen Chemikalien in Kontakt – oft ohne ausreichende Schutzmaßnahmen. Neben Hautirritationen und Atemwegserkrankungen birgt die Arbeit auch langfristige gesundheitliche Risiken. Weil manche Erkrankungen erst Jahre später auftreten, lässt sich ihr Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen häufig nur schwer belegen. Laut Xavier wissen viele Arbeiterinnen und Arbeiter nicht genau, mit welchen Chemikalien sie bei der Arbeit in Kontakt kommen. Neue Mitarbeiter werden oft nur von Kollegen eingeschult; professionelle Sicherheitsschulungen und eine angemessene Vorbereitung auf Notfälle oder Arbeitsunfälle fehlen häufig.
Dass Verstöße häufig folgenlos bleiben, liegt laut Ussarin Kaewpradap Luthra von der Labor Rights Foundation neben schwacher Kontrolle auch an Korruption. Unternehmen würden immer wieder versuchen, Polizei und Behörden zu beeinflussen, um Ermittlungen abzuwenden. Beispielsweise sei erst vergangenen Monat ein Leichnam in einem Fabriksgebäude in Thailand entdeckt worden. Der Fall sei von der Polizei aber nicht weiter untersucht worden, so Luthra.
Kein Mitspracherecht
Wer Missstände meldet oder sich einer Gewerkschaft anschließt, riskiert laut den Forschenden seinen Arbeitsplatz. „Ohne echte Vereinigungsfreiheit bleibt jeder Schutz nur auf dem Papier. Wir erleben täglich, wie Arbeitnehmer eingeschüchtert werden, sobald sie sich gewerkschaftlich engagieren“, berichtet Divid Arulappen, Gewerkschafter bei Electronics Industry Employees Union Northern Region in Malaysia.
In Thailand ist es Migrantinnen und Migranten per Gesetz verboten, Gewerkschaften zu gründen. Migrantischen Beschäftigten fehlt dadurch oft die Möglichkeit, sich zu organisieren und für fairere Bedingungen einzustehen.
Frei für wen?
Die Elektronik wird zwar in Südostasien produziert, doch die Verantwortung reicht bis nach Europa, sagt Thanussha Francis Xavier. „Die Missstände finden zwar in unseren Ländern statt. Aber Eigentümer dieser Unternehmen, Investoren, Aktionäre und Käufer sitzen hier in Europa.“
Die EU hat 2024 die Zwangsarbeitsverordnung beschlossen, die den Handel mit Produkten verbietet, die unter Zwangsarbeit hergestellt wurden. Die Menschenrechtsorganisation Südwind sowie ihre Partnerorganisationen fordern die österreichische Bundesregierung in ihrer Aussendung dazu auf, ein bisher ausstehendes Begleitgesetz vorzulegen.
Während die EU ihre Handelsbeziehungen zu Südostasien vertieft, fordern die Forschenden, Arbeitsrechte sowie unabhängigen Beschwerde- und Durchsetzungsmöglichkeiten in Freihandelsabkommen mit den betroffenen Ländern stärker zu priorisieren. Oft gebe es Arbeitsrechte zwar auf dem Papier, aber wirksame Mechanismen zu ihrer Durchsetzung fehlen. Für Xavier bleibe zudem die Frage, wer letztlich von den Handelsabkommen profitiert: "Freihandel, heißt frei für wen?". Die Vorteile des Freihandels dürften dabei nicht auf die Kosten der Menschen gehen, die die Produkte herstellen. (Mia Kirsti Weisz, 25.10.2026)
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