Eine starke Liebesgeschichte aus Libanon, eine Krimi-Serie aus Schweden und die schönsten Fussballstadien: Kulturtipps der NZZ am Sonntag

Eine Liebesgeschichte aus dem Libanon, ein Krimi aus Schweden und die schönsten Fussballstadien der Welt: Kulturtipps der NZZ am Sonntag

Welcher Roman, welcher Film und welche Serie lohnt sich?

Martina Läubli, Manfred Papst, Linus Schöpfer, Peer Teuwsen, Karin A. Wenger30.08.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Kino: «A sad and beautiful world»

Libanons Politik stellt die Liebe zwischen Yasmina (Mounia Akl) und Nino (Hasan Akil) auf die Probe.

Libanons Politik stellt die Liebe zwischen Yasmina (Mounia Akl) und Nino (Hasan Akil) auf die Probe.

Watermelon Pictures

Der libanesische Regisseur Cyril Aris zeigt sein Land einem westlichen Publikum. Statt brutaler Kriegsszenen gibt er Einblick in das Leben der Menschen in der politischen Dauerkrise und erzählt eine berührende Liebesgeschichte. Lesen Sie die Rezension hier.

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 A sad and beautiful world. Libanon 2025, 110 Min. Im Kino

Literatur: Die Brandmauer verläuft durch eine Familie

«Um Edwin zu beschreiben, brauche ich sechs Worte: Halbglatze, Blaumann, riecht wie gekochte Kartoffeln.» – «Und dann schlafen wir miteinander. Leute, kommt das jetzt wirklich überraschend?» In diesem lockeren Ton quasselt die Ich-Erzählerin Marie in Annika Büsings Roman «Magisch» drauflos.

Der Stil ist flapsig, die knappen Beschreibungen sitzen, die Dialoge haben Tempo. Die 1981 geborene Bochumer Autorin versteht es, ihr Publikum abzuholen, ohne anbiedernd zu wirken. Das liegt nicht nur an ihrem Sound. Sie hat auch etwas zu erzählen. Ihre Protagonistin ist eine Frau um die Mitte dreissig. Nach einem abgebrochenen Lehramtsstudium wohnt sie wieder in ihrem Heimatdorf am Rand des Ruhrgebiets, betreibt mit einer Freundin eine Hundetagesstätte und ärgert sich mit ihrer Familie herum, namentlich mit ihrem ins rechte Milieu abgedrifteten Bruder Andi. Der ist «in der Partei», hält sich aber nicht für einen Nazi, sondern «sagt nur, wie es ist».

Und noch einer kehrt ins Dorf zurück: Paul Magisch, Maries erste grosse Liebe. Er ist ein sanft anarchistischer, ziemlich verpeilter Typ am Rand der Leistungsgesellschaft. Sein Geld verdient er mit dem unbürokratischen Entsorgen von Tierkadavern. Marie hat ihn damals für einen anderen Typen verlassen, der seriöser war, aber sich als langweilig entpuppte. Werden Magisch und sie wieder zusammenfinden? Und was ist mit der Brandmauer, die mitten durch die Familie verläuft? Annika Büsing erzählt in ihrem vierten Roman eine überraschend komplexe Geschichte. Manfred Papst

Annika Büsing: Magisch. S. Fischer 2026, 288 S.

Kunst: Yayoi Kusamas Welt in Farbe

Yayoi Kusama machte Kunst bis 97 – und inszenierte sich dabei auch selbst als Kunstfigur. Fotografiert 2013 in Rom.

Yayoi Kusama machte Kunst bis 97 – und inszenierte sich dabei auch selbst als Kunstfigur. Fotografiert 2013 in Rom.

Mike Segar / REUTERS

Yayoi Kusama war besessen von Punkten und Kürbissen. Deren Formen sowie leuchtende Farben bilden das Kontinuum ihres künstlerischen Werks. Yayoi Kusama wurde 1929 in Japan geboren und ist nun im Alter von 97 Jahren gestorben. Ihrem einzigartigen, intuitiven Malstil, der auch popkulturell anschlussfähig ist, blieb sie stets treu. International Furore machte Kusama erst in höherem Alter, heute gehört sie zu den Grossen der Kunst. Wer ihre kürzliche Ausstellung in der Fondation Beyeler verpasst hat, erhält in einer «Kulturplatz»-Sendung einen Einblick in ihr Schaffen. Martina Läubli

Yayoi Kusama – Kunstikone mit 96. Kulturplatz vom 22. 10.2025, Streaming auf srf.ch.

Serie: Sohn und Vater jagen den Mörder

Ein Mann bringt Polizisten um. Einen nach dem andern. Immer um 1 Uhr 15 in der Sommernacht bekommt die Notrufzentrale in Stockholm einen Anruf einer erstickten Stimme, die um Hilfe ruft. Danach findet man die schrecklich zugerichteten Leichen. Thomas Berg (Jakob Oftebro), ein aufstrebender, gut aussehender Kommissar, bekommt den Fall zugeteilt und nimmt heimlich seinen Vater zur Hilfe, einen ausrangierten Ermittler, der die Grenzen zu oft überschritten hat. Die beiden, die während der Arbeit einen jahrzehntelang schwelenden Konflikt austragen, müssen sich zusammenraufen.

Dem Drehbuchautor George Kay («Criminal») und dem Regisseur Kristoffer Nyholm («Kommissarin Lund») ist eine packende Miniserie gelungen, die überrascht, weil im Zentrum ein Polizist steht, der kein Held ist. In Tat und Wahrheit kann er sein mangelndes Können in der Arbeit und zu Hause durch seinen Charme je länger, je weniger überdecken. So wie der Täter fliegt auch er auf. Leider franst die Serie ab der vierten Folge aus und wirkt in die Länge gezogen. Peer Teuwsen

Blutopfer. Schweden 2026, 5 Folgen. Auf Netflix.

Sachbuch: Die Amphitheater unserer Zeit

Der Homo sapiens kann es nicht lassen. Noch an den verrücktesten Orten muss er kicken. Orte, die nun der Publizist John Gillard in seinem «Weltatlas der Fussballstadien» zeigt und beschreibt. Vom ekstatischen Stadio Diego Armando Maradona in Neapel über das Pelé Stadium Maldives am azurblauen Meer bis zum kargen Gebirgsbolzplatz in Oman. Ein Vergnügen für alle, deren Interesse über die Frage «Messi oder Ronaldo?» hinausgeht. Einzig sprachlich wäre mehr Esprit schön gewesen, manche Bildlegende ist etwas gar dürftig geraten. Im Gegenzug hätten es auch nicht gleich 1000 Fussballorte sein müssen. Linus Schöpfer

John Gillard: Der Weltatlas der Fussballstadien. Übersetzt von Claudia Koch. Midas-Verlag 2026, 366 Seiten.

Ambient: Sphärische Klänge

Der Begriff «Levitation» bezeichnet das freie Schweben. Ihn wählten der Pianist/Organist Stefan Rusconi und der Violinist Tobias Preisig vor zehn Jahren als Namen für ihr Duo und dessen erstes Album. Nun haben sie abermals zusammengefunden. Sinnigerweise nennen sie ihr neues Werk «Palimpsest». Das Wort meint ursprünglich das Wieder­beschreiben bereits verwendeter Pergamentrollen. Mehrschichtig, rätselhaft, schwebend: So wirkt die neue Musik des Duos tatsächlich. Vergangenheit und Gegenwart treffen hier aufeinander, Trauer über Verlorenes und Neubeginn.

Aufgenommen wurden die acht Stücke in der St.-Gertrud-Kirche in Hamburg. Drei Tage lang improvisierten die Schweizer in der Abgeschiedenheit, am vierten Tag öffneten sie das Portal für 200 Besucherinnen und Besucher. Mit Jazz, der eigentlichen Domäne der beiden, haben die sphärischen Explorationen nichts zu tun. Eher gehören sie ins Genre Ambient. Doch Kategorisierungsfragen vergisst man hier rasch. Der mit Effektgeräten modulierte Dialog von Orgel und Geige lädt ein zu einer Reise nach innen. Manfred Papst

Levitation (Rusconi/Preisig): Palimpsest. Qilin Records. Release-Konzert: Kulturmarkt, Zwinglihaus Zürich, 13. 9., 19 Uhr.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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