Unesco-Titel für die Langstrasse: Nun muss der Stadtrat entscheiden

Eine Schnapsidee entwickelt eine unerwartete Dynamik: Wie die Langstrasse zur Weltkulturerbe-Anwärterin geworden ist

Am Mittwoch hat die Initiantin Elena Calame Longjean dem Stadtpräsidenten Raphael Golta eine Petition überreicht. Nun entscheidet der Stadtrat, ob die Zürcher Ausgehmeile das Potenzial für die Unesco-Liste hat.

03.09.2026, 13.13 Uhr

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Ein Ort, wie es ihn in Zürich kein zweites Mal gibt: die Langstrasse.

Ein Ort, wie es ihn in Zürich kein zweites Mal gibt: die Langstrasse.

Annick Ramp / NZZ

Das Epizentrum des Exzesses ist rund einen Kilometer lang. Zwischen Limmat- und Helvetiaplatz kann man zu jeder Tag- und Nachtzeit etwas essen oder trinken, Sex oder Drogen kaufen, fast jede Nacht tanzen und feiern. Die Langstrasse ist laut und bunt, aber auch dreckig und geruchsintensiv, vor allem in den Sommermonaten, wenn wochenlang kein Regen fällt. Sie ist ein Ort, wie es ihn in der Stadt Zürich kein zweites Mal gibt.

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Geht es nach Elena Calame Longjean, soll die Langstrasse auch so bleiben. Es war ein Abend im Mai, als die Geschäftsführerin der Olé-Olé-Bar mit ein paar Freunden vor ihrem Lokal sass und den Tunnel beobachtete, der unter den SBB-Gleisen durchführt und den Kreis 4 mit dem Kreis 5 verbindet. «Es ist irre spannend, was dort ein- und ausgeht, von der Hermes-Kroko-Tasche bis zum supertrashigen Outfit», sagt Calame Longjean. «Und da fanden wir: Das muss man schützen.»

Sie hätten diskutiert, was man dafür tun könne, und seien auf das Unesco-Weltkulturerbe gekommen. Darüber, was das Label mit sich bringe – etwa strenge Vorschriften punkto baulicher Veränderungen oder möglicher Touristenströme – hätten sie nicht nachgedacht und auch nicht weiter recherchiert, sagt Calame Longjean.

Sogar der Stadtpräsident kommt

Der Elan war so gross, dass sie bald nach dem Abend mit einer Unterschriftensammlung begann. Zunächst ganz analog, erzählt sie, mit Bögen, die sie in Klubs und Bars aufgelegt habe. Später schaltete sie eine Online-Petition auf.

Inzwischen kamen etwas mehr als 1200 Unterschriften zusammen. Mit Martin Suter, Lara Stoll, Patrick Frey und dem Rapper Skor sind auch bekannte Namen darunter. Diese Prominenten seien immer wieder im Quartier unterwegs, sagt Calame Longjean, manche hätten sie zum Teil direkt auf die Petition angesprochen. Sonst hätten vor allem Nachtschwärmer und auch Anwohner unterschrieben.

Eigentlich, so gibt Calame Longjean zu, sei es eine Schnapsidee gewesen. Eine, die eine eigene Dynamik entwickelt habe. Zahlreiche Medien, auch aus anderen Kantonen und sogar aus Deutschland, hätten sie nach dem Start der Unterschriftensammlung kontaktiert, sagt Calame Longjean. Und sogar der Stadtpräsident habe gesagt, er komme zur Petitionsübergabe gerne vorbei.

Am Mittwochabend ist es so weit: Raphael Golta tritt kurz nach 20 Uhr in die noch recht leere Olé-Olé-Bar und bestellt erst einmal ein Bier. Früher sei er ab und zu hier gewesen, erzählt der SPler der Geschäftsführerin. Calame Longjean hat die Unterschriftenbögen in eine rote flache Box verpackt. An die Bar gelehnt, übergibt sie sie dem Stadtpräsidenten mit den Worten: «Ich hoffe, du reichst sie weiter.» Golta lobt die Initiative als originell und sagt, dass die Langstrasse unbestritten ein Ort sei, der zu Zürich gehöre. Und: Als Urzürcher finde er auf jeden Fall, dass die Langstrasse schützenswert sei. Mit dem Stadtrat habe er das Thema einer Unesco-Bewerbung aber noch nicht besprochen. Er sagt zu, innert einer Frist zu berichten, was entschieden worden sei.

Wird die Olé-Olé-Bar bald das pulsierende Zentrum eines Weltkulturerbes? Elena Calame Longjean überreicht dem Stadtpräsidenten Raphael Golta die Petition.

Wird die Olé-Olé-Bar bald das pulsierende Zentrum eines Weltkulturerbes? Elena Calame Longjean überreicht dem Stadtpräsidenten Raphael Golta die Petition.

Seraina Meier

Für einmal positive Schlagzeilen

Calame Longjean ist es wichtig, zu betonen, dass es nicht um Kritik an der Veränderung gehe, sondern darum, dass die Langstrasse in ihrer Vielfalt erhalten bleibe. «Hier kann man 24/7 jedes Bedürfnis befriedigen», sagt sie. Natürlich habe das auch negative Seiten. Aber am Ende halte sie es mit Tyler Brûlé, der einmal gesagt haben soll, dass die Langstrasse der Ort sei, an dem Zürich grossstädtisch sei.

Ob das für die Unesco reicht? Auf die Liste schaffen es grundsätzlich nur Orte oder Bauten, die von «aussergewöhnlichem universellem Wert» sind. Für Zürich und vielleicht gar für die Schweiz ist die Langstrasse das womöglich – aber weltweit?

Im Viertel St. Pauli in Hamburg, das einen ähnlichen Ruf hat wie das Langstrassenquartier, hat eine Gruppe von Kulturschaffenden und Anwohnern auch schon versucht, ein Unesco-Label für ihren «Kulturstadtteil» zu bekommen. Aber schon der zuständige Kultursenat der Stadt verzichtete darauf, die Idee an die nationale Unesco-Kommission weiterzuleiten.

Der Weg auf die Unesco-Liste ist auch in der Schweiz lang. Sollte der Stadtrat das Begehren positiv bewerten, müsste es sich auch beim Bundesamt für Kultur bewähren, bevor es dann auf eine mögliche Kandidatenliste käme. Erst dann würde ein Dossier für die Bewerbung bei der Unesco ausgearbeitet. Der Prozess nimmt normalerweise Jahre in Anspruch.

Calame Longjean hat keinerlei Erwartungen. «Wir haben die Idee nicht zu Ende gedacht», sagt sie. «Jetzt schauen wir einmal, wie weit wir kommen.» Und: Wenn die Auszeichnung mit sich brächte, dass man nichts mehr verändern dürfe, müsse man darüber schon noch einmal nachdenken. Schon jetzt ist aber deutlich geworden: Es gibt eine kritische Menge von Personen, die finden, dass die Langstrasse mehr Ruhm verdient hätte. Oder, wie es der Präsident des Quartiervereins, Franco Taiana, sagt: Für einmal gibt es positive Schlagzeilen von der Langstrasse.

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