Eine Utopie aus dem Wendland?
Stand: 10.10.2026, 07:00 Uhr
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In „Das verschwundene Kind“ leben zwei Familien auf einem Hof im Wendland wie eine. Der Aussteiger-Traum gerät ins Wanken, als ein schwieriger Zwölfjähriger verschwunden ist. Starbesetzt mit Julia Koschitz, Mark Waschke, Anna Schudt und Hans Löw werden in der Romanverfilmung Lebensentwürfe seziert.
Aaron (Sammy Schrein), der zwölfjährige Sohn von Sophie (Julia Koschitz) und Thies (Mark Waschke), ist verschwunden. Mit ihren Freunden Inga (Anna Schudt) und Bodo (Hans Löw) sowie deren beiden halbwüchsigen Kindern lebt man auf einem Hof im Wendland. Die „Aussteiger“ fühlen sich wie eine Familie. Geht es nach den Erwachsenen, sollen sich die Kinder wie Geschwister betrachten. Doch Inga und Bodos Nachwuchs, Jella (Cäcilia Kircher) und Lasse (Jona Lewin Nicolai), hatte ebenso unter dem schwierigen Aaron gelitten wie die Erwachsenen und Mitschüler. Immer wieder neigte der Junge zu aggressivem Verhalten, das schon mehrere Schulwechsel zur Folge hatte. Aarons Vater Thies ist selbst Lehrer und fühlt sich in der pädagogischen Zwickmühle. Auch bei den anderen Hofbewohnern löst das Verschwinden Aarons ambivalente Gefühle aus: Einerseits ist man krank vor Sorge um das Kind. Andererseits: Wenn Aaron nicht mehr zurückkäme, wäre das Leben in mancherlei Hinsicht leichter. Der starbesetzte ZDF-Montagsfilm (bereits ab 10. Oktober im Stream) entstand nach Motiven des Romans „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff.

Fans der Literaturvorlage müssen nach der dramaturgischen Bearbeitung von Silke Zertz (Drehbuch) und Sabine Bernardi (Regie) stark sein: Die Verfilmung ändert den Plot erheblich und nutzt lediglich Elemente des Buches. Erhalten bleibt zum einen der Schauplatz: die verwunschene Landschaft rund um die Elbauen im einsam grünen Wendland. Ebenso das Motiv zweier Familien, die versuchen wie eine zu leben und die Erschütterung des alternativen Lebenstraums durch ein Kind, das dieses Leben mit jeder Faser seines Körpers und Geistes zu sabotieren sucht.
„Das verschwundene Kind“ bietet gleich mehrere Ansatzpunkte für Spannung. Zum einen wäre da der Thrilleraspekt. Ist Aaron tot? Ertrunken im Fluss, oder wurde er gar Opfer eines Gewaltverbrechens? Mehr noch ist der gut geplottete 90-Minüter jedoch ein Film über Lebensträume und Lügen, die sich wie ein Gift in die Beziehungen einer Gruppe Menschen fressen.
Der durchleuchtete Alltag der deutschen Mittelschicht
Gedreht wurde auf einem Hof im Wendland, dessen eigentliche Betreiber der Filmcrew für einige Wochen das Feld überließen. Auch Schauspieler samt Crew lebten für die Dauer der Dreharbeiten vor Ort und konnten so die besondere Atmosphäre der noch immer reichlich unbekannten Flusslandschaft Niedersachens erspüren, die an Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg grenzt. Das Wendland ist die am dünnsten besiedelte Region Niedersachsens. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg, der dem Wendland in etwa entspricht, ist nach Einwohnern der kleinste Landkreis Deutschlands. Aktuell leben dort noch nicht einmal 50.000 Menschen.
Drehbuchautorin Silke Zertz, 1966 in Lemgo geboren, ist Spezialistin für psychologische Stoffe, die nahe am Alltag der deutschen Mittelschicht angesiedelt sind. Bekannt wurde sie 2008 mit ihrem vielfach ausgezeichneten deutsch-deutschen Drama „Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen“ für SAT.1. Es folgten Filme wie der thematisch durchaus mit dem aktuellen Film verwandte „Bloch - Schattenkind“, einem der besten Fälle der Psychologen-Reihe mit dem leider viel zu früh verstorbenen Dieter Pfaff.
Zuletzt schrieb Zertz die ebenfalls den deutschen Provinz-Alltag durchleuchtende Krimi-Miniserie „Lauchhammer - Tod in der Lausitz“ mit Frauke Hunfeld. Auch in „Das verschwundene Kind“ sind es die leisen, zwischenmenschlichen Bedürfnisse und Zerwürfnisse, die ihren ZDF-Film stark machen. Hinzu kommen die starken, fast schon meditativen Landschaftsbilder. Dass man dem Film eine Thriller-Handlung hinzugefügte, die es in der Buchvorlage so nicht gibt, dürfte hingegen eine Entscheidung zugunsten des Krimi-affinen Primetime-Publikums gewesen sein. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)