Einer der letzten DDR-Ausreisenden: „Bloß raus – du weißt nicht, ob sie schießen"
Stand: 03.10.2026, 16:00 Uhr
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Georg Horntrich verließ die DDR am 4. November 1989 – fünf Tage vor dem Mauerfall. Er dachte, er würde seine Eltern nie wiedersehen. Doch Weihnachten 1989 konnte er wieder in Cottbus feiern.
Er dürfte einer der letzten Menschen sein, die die DDR legal verlassen haben, am 4. November 1989: Georg Horntrich, gebürtiger Cottbusser und heute Studienleiter für Wirtschaft und Finanzen im Frankfurter Haus am Dom, hatte lange vor dem Fall der Mauer einen Ausreiseantrag gestellt, den die Behörden geflissentlich ignorierten – bis zum 9. Oktober 1989, einem Montag.
Da, am Tag der großen Demonstration in Leipzig, wurde er ganz kurzfristig ins Amt für Inneres einbestellt. Dort sagte man dem damals 24-Jährigen, er dürfe nun in den Westen emigrieren. 48 Stunden Zeit räumte das Regime Ausreisewilligen in der Regel ein, mitnehmen durfte man nur ganz wenig. Möbel, Kunstwerke oder Immobilien mussten verkauft werden. Unzählige Menschen hatten der DDR da bereits illegal über Ungarn oder die Prager Botschaft den Rücken gekehrt. Im Land selbst protestierten Hunderttausende für freie Wahlen und Reisefreiheit.
Bleiben oder ausreisen?
„Ich wollte bleiben, weil alle gemerkt haben, dass sich etwas verändert“, erzählt Horntrich 36 Jahre nach der Wiedervereinigung, der „friedlichen Revolution“. Auf den Begriff legt er großen Wert, denn das sei es ja gewesen. „Bitte schreiben Sie nicht Wende“, sagt er. „Das ist ein Begriff der SED.“
Der Vater, Josef Horntrich, war einer der bekanntesten Chirurgen der DDR, engagierter Katholik, parteilos und absolut loyal seiner Kirche und seiner Klinik gegenüber. „In seiner Stasiakte stand, er habe sich auch ‚vom schönen Geschlecht‘ nicht für Spitzeldienste anwerben lassen“, berichtet der Sohn. „Dass er in der Kirche war, hat sie natürlich maßlos geärgert, aber sie konnten nicht auf ihn verzichten. Er war als erfahrener Mediziner einfach zu wichtig.“
Mittags kam der Arzt immer zum Essen nach Hause, und so hatten die beiden nach der überraschenden Genehmigung des Antrags am 9. Oktober noch die Gelegenheit, über die Ausreise zu sprechen. Denn das hätte den Abschied von den Eltern bedeutet, vielleicht für immer. Heimatbesuche waren bis dato nicht möglich, viele zerrissene Familien mussten sich in Ungarn oder der Tschechoslowakei treffen, um sich wiederzusehen.
„Mein Vater hat mir dennoch zugeredet, in den Westen zu gehen, und meinte: ‚Bloß raus hier. Du weißt nicht, ob sie schießen.‘“ So wie im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Bereits im August gab es Gerüchte über Internierungslager, berichtete der Vater.
Georg Horntrich, selbst gläubiger Katholik, hatte da bereits eine lange Geschichte der Unterdrückung von Seiten der DDR-Obrigkeit hinter sich. Das ging schon in der ersten Klasse los, wie er erzählt. „Meine Geschwister und ich waren nicht in einem staatlichen Kindergarten, und das wurde bereits als großer Makel empfunden. Eine Lehrerin fragte mich bei der Einschulungsprüfung, was denn in der kommenden Woche gefeiert werde. Ich sagte ganz stolz: Ostern, die Auferstehung des Herrn. Das löste einen Wutanfall bei ihr aus. Sie wollte ‚Frühlingsfest‘ hören. Meine ältere Schwester, die mich begleitet hatte, meinte hinterher: ‚Das darfst Du doch nicht sagen‘. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass man in diesem Staat über bestimmte Dinge nicht reden konnte, dass es viele Tabus gab.“
Immer wieder stand in den Schulzeugnissen, er widerspreche, sei zu widerspenstig, passe sich nicht an. An ein Abitur war nicht zu denken, auch wenn der Schüler gerne studiert hätte. Nach der zehnten Klasse machte er deshalb eine Lehre zum Baumöbeltischler, arbeitete in einem Cottbuser Museum, träumte weiter vom Abitur und meldete sich schließlich zum Abendgymnasium an. „Am Tag nach der Abschlussprüfung 1986 habe ich den Ausreiseantrag gestellt“, sagt er. Und dann begann das Warten.
Und dann der Mauerfall
Georg Horntrich wollte nicht zur Nationalen Volksarmee gehen, das war ihm gleich klar, und weitere Lehrlinge schlossen sich an. Ein Ärgernis für den sozialistischen Staat war auch sein Engagement in der neuen Umweltbewegung, und offenbar war der schließlich doch noch genehmigte Ausreiseantrag der Versuch, einen Unbequemen loszuwerden.
Am 4. November 1989 schließlich, ungewöhnlicherweise fast einen Monat nach der Bewilligung, wurde das Ehepaar Horntrich von einem Freund aus Westberlin mit dem Auto abgeholt. Andere Freunde stellten ihnen eine Wohnung in Altena-Dahle im Sauerland zur Verfügung, aus christlicher Überzeugung, wie er sagt.
Sie halfen auch, den neuen ungewohnten Alltag zu begreifen. „Eine Freundin brachte mich aufs Amt, um mich anzumelden. Das war am Morgen des 10. November. Ich war am Abend vorher früh schlafen gegangen und hatte keine Nachrichten gehört. Da meinte sie: ‚Die Mauer ist offen!‘ und wir bekamen Streit, weil ich ihr sagte, das sei doch Unsinn.“ War es aber nicht. Weihnachten 1989 durfte er wieder in Cottbus mit der Familie feiern.
Mit dem Abitur in der Tasche konnte Hontrich schließlich doch noch studieren, in Münster in Westfalen, und promovieren. Seit 2002 arbeitet der Theologe im Haus am Dom in Frankfurt.