Einmal Wollitz reichte Ziebig nicht: Vom Spieler zum Co-Trainer bei Energie Cottbus
Die Sommerpause 2009 war für den FC Energie Cottbus keine leichte Zeit. Die Lausitzer waren damals gerade aus der Bundesliga abgestiegen, zahlreiche Leistungsträger hatten den Verein verlassen, zudem war Trainer Bojan Prašnikar von seinem Amt zurückgetreten. Doch während viele Fans ein paar Wochen nach dem Abstieg noch der Zeit im Oberhaus nachtrauerten, sorgte ein Mann bereits für Aufbruchstimmung bei der neu zusammengestellten Mannschaft. Sein Name: Claus-Dieter „Pele“ Wollitz.
Die Ansprache, die alles veränderte
Der Fußballlehrer aus Westfalen war als Nachfolger von Prašnikar in die Lausitz gewechselt und sollte dort als neuer Trainer den Neuanfang des FCE in der zweiten Liga betreuen. Einer, der damals hautnah dabei war, ist Daniel Ziebig. Der einstige Verteidiger stand von 2006 bis 2013 bei Energie Cottbus unter Vertrag und blieb dem Klub auch nach dem Abstieg 2009 treu. „Ich erinnere mich noch gut an die erste Ansprache von Wollitz. Die Art und Weise war absolut faszinierend, er hat komplett die richtigen Worte gewählt. Das war ein sehr emotionaler Moment“, erinnert sich Ziebig im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. „Ich war damals schwer verletzt, aber die Rede vor der Mannschaft hat mich so sehr motiviert, dass ich am liebsten direkt auf den Platz gelaufen wäre.“
Trainer Claus-Dieter Wollitz (l.) und der damalige Spieler Daniel Ziebig erlebten erfolgreiche Zeiten beim FC Energie Cottbus.
© contrast/imago
Mehr als 15 Jahre sind seitdem vergangen – und in dieser Saison haben sich Ziebig und Wollitz beim FC Energie an der Seitenlinie wiedergetroffen. Letzterer ist mittlerweile in seiner dritten Amtszeit Chefcoach der Lausitzer, Ziebig seit dem Aufstieg in die zweite Liga im Sommer einer seiner Co-Trainer. Auch zuvor sei der Kontakt aber nie abgebrochen, wie Ziebig betont. „Schließlich war ich bereits seit 2024 im Nachwuchsbereich des Vereins tätig. Eigentlich war mein Plan, zur nächsten Saison von der U17 in die U19 zu wechseln. Nach einem längeren Austausch mit Pele Wollitz sind wir dann aber zu dem Entschluss gekommen, dass es sinnvoll wäre, das Trainerteam in der zweiten Liga zu erweitern“, so Ziebig.
Als Präsident Sebastian Lemke ihm den neuen Posten offiziell anbot, habe er Gänsehaut gehabt. „Ich empfinde das als enorme Wertschätzung für meine Arbeit und bin dankbar, diesen Job ausüben zu dürfen. Die Arbeit im Staff und mit der Mannschaft macht sehr viel Spaß“, betont Ziebig. Das Trainerteam arbeite dabei komplett auf Augenhöhe. „Natürlich ist jeder für seinen Bereich zuständig, aber untereinander herrschen flache Hierarchien. Wir spüren alle das Vertrauen von Pele.“
Ein Saisonstart wie aus alten Zeiten
Dass dieser Ansatz zum Erfolg führt, haben die Cottbuser in den ersten Partien dieser Zweitligasaison eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Bereits zum Auftakt gab es für die Fans im LEAG Energie Stadion ein 3:1 gegen den Aufstiegsfavoriten Hannover 96 zu feiern. Es folgten unter anderem eine knappe 3:4-Niederlage gegen Greuther Fürth, ein souveräner 3:0-Auswärtssieg in Karlsruhe sowie ein 4:4-Remis in Wolfsburg. Torreiche Spektakel also, bei denen die Anhänger Woche für Woche auf ihre Kosten kommen – ein wenig erinnert dieser Saisonstart an die erste Amtszeit von Wollitz in Cottbus Anfang der 2010er-Jahre, bei der auch Ziebig einer der Leistungsträger war.
Als Defensivspezialist hielt er dem fulminanten Sturmduo rund um Emil Jula und den jungen Nils Petersen den Rücken frei und trug so seinen Teil zum attraktiven Offensivfußball bei, mit dem Energie damals die zweite Liga aufmischte. Unvergessen ist dabei etwa das 5:5 im Heimspiel gegen den Karlsruher SC im September 2010. Wenige Monate später gelang sogar der Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals; auswärts beim Ligakonkurrenten MSV Duisburg verpasste der FCE aufgrund umstrittener Schiedsrichterentscheidungen das Finale in Berlin jedoch knapp.
In seiner neuen Rolle sitzt Ziebig (r.) neben Wollitz (M.) auf der Trainerbank.
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In seiner neuen Rolle verfolgt Ziebig das Geschehen auf dem Platz nun von der Seitenlinie. Mit dem Saisonstart seiner Mannschaft zeigt sich der 43-Jährige dabei größtenteils zufrieden. „Der erste Sieg gegen Hannover ist etwas glücklich zustande gekommen, so ehrlich müssen wir sein. In den folgenden Wochen haben wir aber immer mehr die nötige Intensität an den Tag gelegt, die es braucht, um in dieser Liga zu bestehen. Wir treten mittlerweile sehr mutig auf und nutzen unsere Chancen effektiv.“
Zur Wahrheit gehört aber auch: Die defensive Absicherung bereitet den Energie-Fans derzeit noch Sorgen. Mit 13 Gegentreffern stellt der FCE gemeinsam mit Eintracht Braunschweig und Holstein Kiel die zweitschwächste Abwehr der Liga, lediglich Dynamo Dresden (14) ist hinten noch offener. Für Ziebig ist das zwar ärgerlich, letztlich aber auch ein Resultat der offensiven Spielweise. „Natürlich haben wir das ein oder andere Gegentor zu viel kassiert. Aber das muss man bis zu einem gewissen Grad in Kauf nehmen, wenn man vorne mehr ins Risiko geht.“
Die erste Rote Karte seiner Laufbahn
Das zeigte sich unter anderem beim fulminanten 4:4 gegen den VfL Wolfsburg am vierten Spieltag. Nach einem zwischenzeitlichen 0:3-Rückstand, bei dem die Energie-Defensive teilweise alles andere als gut aussah, bewies das Team von Wollitz große Moral und egalisierte innerhalb von knapp 20 Minuten das Resultat. Auch von einem erneuten Rückstand ließen sich die Lausitzer nicht entmutigen und kamen durch Dmytro Bogdanov in der Nachspielzeit noch zum Ausgleich.
Bemerkenswert: Auch mit dem 4:4 gab sich Energie keineswegs zufrieden und drückte bis zum Abpfiff auf den Siegtreffer – und das auswärts bei einem Bundesligaabsteiger. Eine Szene verdeutlichte den unbedingten Siegeswillen an diesem Nachmittag sehr gut: Nachdem ein Wolfsburger den Ball in der 95. Minute ins Toraus geklärt hatte, beendete Schiedsrichter Lukas Benen die Partie und ließ den Eckstoß für Energie nicht mehr ausspielen. Die Spieler und Ziebig beschwerten sich daraufhin lautstark beim Unparteiischen, der Co-Trainer sah dafür nach dem Abpfiff die Rote Karte.
„Wenn du kurz zuvor das 4:4 machst und in der letzten Minute eine Ecke bekommst, willst du natürlich, dass die Aktion noch ausgeführt wird. Die Emotionen sind deshalb etwas übergekocht, aber ich möchte betonen, dass ich den Schiedsrichter nicht beleidigt habe. Trotzdem kann man die Rote Karte laut der Regel geben, da muss ich mich in Zukunft einfach besser im Griff haben“, ordnet Ziebig das Geschehen mit ein paar Wochen Abstand ein.
Für den einstigen Verteidiger war der Feldverweis in Wolfsburg ein Novum. In seiner Spielerzeit bei Energie flog er zwar dreimal mit der Ampelkarte vom Platz, eine glatte Rote Karte hatte er in seiner gesamten aktiven Karriere jedoch nie gesehen. Auch darüber hinaus verliefen die Jahre im Energie-Dress für Ziebig sehr erfolgreich. Neben der eingangs beschriebenen Zeit rund um 2010 erlebte er auch den Aufstieg in die Bundesliga im Sommer 2006 hautnah mit. „In der Nacht vor dem entscheidenden Spiel gegen 1860 München habe ich kein Auge zugemacht und gedacht: ‚Hoffentlich verkacken wir das morgen nicht.‘ Wir mussten gewinnen, und das haben wir Gott sei Dank auch. Die Party danach war phänomenal: Im Doppeldeckerbus ging es durch die ganze Stadt“, schwärmt er noch heute von dem großen Erfolg.
Aufstieg, Bayern-Sieg und eine Entscheidung fürs Leben
Drei Jahre sollte sich der FC Energie in der Folge im Oberhaus halten – mit bescheidenen finanziellen Mitteln, aber mit umso mehr Kampfgeist und taktischer Disziplin. Einer der größten Erfolge war der 2:0-Heimsieg gegen den FC Bayern im Frühjahr 2008. Bei den Münchnern standen damals Weltstars wie Luca Toni, Franck Ribéry und Oliver Kahn unter Vertrag. „Wir hatten zu diesem Zeitpunkt eine sehr schlechte Phase und lagen auf einem Abstiegsplatz. Vor dem Spiel kam Sportdirektor Steffen Heidrich zu mir und meinte: ‚Ziebe, ihr habt nichts zu verlieren, aber wenn ihr gewinnt, schreibt ihr Geschichte.‘ Schon beim Aufwärmen waren alle heiß. Im Spiel haben wir eine überragende Leistung gezeigt. Der Sieg war ein Brustlöser, danach haben wir uns gesagt: Wer gegen Bayern gewinnt, kann zu Hause jeden schlagen. Und so war es dann auch – mit dem Klassenerhalt als krönenden Abschluss.“
Fußball
Energie-Fans feiern die wahren Helden: „Baut Wollitz und Lemke ein Denkmal“
Dynamo Dresden, Energie Cottbus, Hallescher FC: Dass der gebürtige Brandenburger bis auf eine halbe Saison beim Hamburger SV seine komplette Laufbahn in Ostdeutschland verbracht hat, ist indes kein Zufall. Bereits mit 14 Jahren wurde er beim sächsischen Amateurklub FV Gröditz von der SGD entdeckt. Dort durchlief er in der Folge die Nachwuchsteams und feierte 2002 sein Debüt als Profi. 2005 zog es ihn zum HSV; in der Hansestadt habe er neben Stars wie Rafael van der Vaart und Sergej Barbarez aber schnell gemerkt, dass dieser Schritt als Anfang-Zwanzigjähriger zu früh gekommen sei.
„Der Wechsel zu Energie wiederum war genau richtig. Ich habe dort sieben fantastische Jahre verbracht. Nach zwei weiteren Saisons in Halle habe ich 2015 meine Laufbahn beendet und relativ schnell die Entscheidung getroffen, meinen Lebensmittelpunkt in Ostdeutschland beizubehalten, um mir hier ein Netzwerk aufzubauen“, so Ziebig. Sein Fazit: „Das war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Ich fühle mich in Cottbus pudelwohl.“
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