Ranzen, Regeln, Rechnung: So viel kostet der Schulstart
Einschulung in Berlin
Ranzen, Regeln, Rechnung: So viel kostet der Schulstart
- Schreibwaren sind seit 2020 um mehr als 27 Prozent teurer geworden
- jede Berliner Grundschule gibt ihre eigenen Materiallisten zum Schulstart heraus
- der Verein "Schöneberg Hilft" sammelt gebrauchte Schulranzen für Familien, die sich keinen neuen leisten können
Guido Kensbock steht zwischen Regalen voller Hefte, Stifte und Ordner. Der Inhaber der "Papierwelt am Südstern" in Kreuzberg kennt das Sommer-Ritual: Eltern kommen mit den Materiallisten ihrer Schulen vorbei. "Das haben wir alles da”, sagt er, als er die erste Liste in die Hand nimmt. Wie viel kostet der Einkauf für die erste Klasse? Kensbock stellt für uns einen Test-Einkaufskorb zusammen, Artikel für Artikel.
Auch Sven S. und sein elfjähriger Sohn Bodie haben ihre Liste dabei. Es gehe längst nicht mehr nur um Bleistift und Radiergummi: "Jetzt brauchen wir für die Schule ein eigenes Headset", sagt Bodie. "Das müssen wir selbst kaufen, die Schule bezahlt das nicht."
Sein Vater schüttelt bei manchen Vorgaben den Kopf: "Ich finde, dass so manche Maßgaben ganz schön explizit sind. Es muss jetzt dieses Heft sein, mit diesem Seitenrand und diesem Abstand. Alte Hefte, die man vielleicht noch hätte, kann man da gar nicht mehr benutzen."
Schreibwaren und Zeichenmaterialien seit 2020 verteuert
Verkäuferin Katrin Hörich arbeitet seit mehr als 30 Jahren im Bürobedarf, davon zweieinhalb Jahre in dem Fachgeschäft am Südstern. Auch sie beobachtet, dass die Preise durch die Inflation steigen.
Daten des Statistischen Bundesamts zeigen: Seit 2020 sind Schreibwaren und Zeichenmaterialien um etwa 27,5 Prozent teurer geworden. Damit sind ihre Preise stärker gestiegen als die allgemeine Teuerung: Der Verbraucherpreisindex legte im selben Zeitraum um rund 24,6 Prozent zu. Die Preise für Schulbücher stiegen um 22,5 Prozent.
Dass die Schulen inzwischen genaue Vorgaben bis hin zu bestimmten Marken machen, fällt auch Hörich auf: "Das steht speziell mit auf der Liste." Ein Vorteil solcher einheitlichen Listen: Alle Kinder hätten am Ende die gleichen Sachen. Der Nachteil: Für manche Familien sei das finanziell eine Last.
In der "Papierwelt am Südstern" scannt Hörich die letzten Artikel des Testeinkaufs. Die Endsumme beträgt 98,80 Euro. Knapp 100 Euro also für Hefte, Stifte und Mappen. Sportsachen, Brotdose, Trinkflasche und der Schulranzen selbst kommen da noch obendrauf.
300 Euro – allein für den Ranzen
Im Laden "Ranzenfee & Koffertroll" im Wedding suchen Kristine Punko und ihr Sohn Timur nach einem Ranzen. Timur kommt in die erste Klasse, seine Mutter hat Erfahrung mit dem Ranzenkauf: Er ist ihr viertes Kind. Ihr sind Ergonomie und Qualität wichtig, aber vor allem: dass ihre Kinder in der Schule glücklich sind.
"Natürlich wollen Kinder alles neu haben”, sagt Punko. "Aber man versucht auch, sparsam damit umzugehen.” Unter den Kindern selbst gehe es dabei durchaus um Status: "Die schauen sich gegenseitig an, was man Neues hat, was modern ist oder schön aussieht. Oder welche Funktionen es hat.”
Ins Geld gehe das vor allem im Sommer, wenn mehrere Kinder gleichzeitig neue Schulsachen brauchen. "Man verreist, gibt viel Geld aus. Dann kommt noch diese Liste dazu”, sagt Punko. "Das ist schon anstrengend. Wenn man einen Ranzen kauft, sind das schnell 300 Euro."
Eine Summe, bei der manche Eltern zurückschrecken, erzählt Verkäuferin Hasret Erdoğan: "Manche suchen dann doch ein bisschen günstiger. Dafür haben wir Alternativen vom Vorjahr, die reduziert sind." Nicht alle Berliner Familien können sich ein Fachgeschäft wie dieses überhaupt leisten. Viele kaufen stattdessen in günstigeren Kaufhäusern, bei Aktionswochen oder secondhand.
Wenn die Lehrerin für alle einkauft
Anders macht es eine Grundschule aus dem Märkischen Viertel. Eine Familie zeigt uns die Liste: Sie ist auffallend kurz, Markenartikel sind darauf nicht zu finden. Der Grund: Die Lehrerin sammelt für den Schulstart 50 Euro von allen Eltern ein und kauft davon gemeinsam für die ganze Klasse ein. Alle Kinder bekommen dann zum Beispiel den gleichen Tuschkasten.
Aus schulpsychologischer Sicht sei das eine sinnvolle Lösung für mehr Gleichheit, sagt Teresa Milia. Ein gemeinsamer Materialpool nehme nicht nur den Druck heraus, mit anderen Kindern mithalten zu müssen, sondern helfe besonders den Kindern, deren Familien den Schulstart weniger gut organisieren können: "Kinder, die nicht so gut in der Selbstorganisation sind, haben dann nicht den Nachteil, dass zu Hause etwas vergessen wird. Oder dass etwas kaputtgeht und kein Geld da ist, um es neu zu kaufen”, sagt die Psychologin im Interview mit der rbb24 Abendschau. "Stattdessen gibt es in der Klasse diesen Pool, und da dürfen sich alle bedienen." Das Ergebnis sei: Weniger Unterschiede zwischen den Kindern und auch weniger Störungen im Unterricht.
Gebrauchte Schulranzen für neue Schultern
Wer sich das nicht leisten kann, bekommt auch Unterstützung. Ehrenamtliche des Vereins Schöneberg Hilft e. V. frischen gespendete Schulranzen wieder auf, bevor sie an bedürftige Familien weitergegeben werden.
Berliner Kinder, die ihren alten Ranzen nicht mehr brauchen, können ihn an den Verein spenden. Die Ehrenamtlichen reinigen ihn und machen ihn startklar für den Schulbeginn. Rie Berns ist als Älteste von sechs Geschwistern aufgewachsen: "Zum Glück sehr privilegiert, aber ich weiß, dass es nicht allen Kindern so gut geht. Ich habe gemerkt, dass vieles nicht fair ist, und ich möchte, dass alle Kinder einen schönen Start in die Schule haben." An den eigenen ersten Schulranzen, sagt sie, erinnere man sich sein Leben lang.
Der Verein bekommt Geld- und Materialspenden von Stiftungen, Firmen, Privatleuten und Schreibwarenläden. Wichtig sei den Ehrenamtlichen dabei: Die Stifte und Hefte, mit denen sie die Ranzen befüllen, sollen neu und hochwertig sein. Es gehe ihnen um Würde und gleiche Chancen für alle Kinder. "Wenn mein Buntstift andauernd abbricht und ich nicht die richtigen Farben habe, nicht das tolle Lila, das Glitzer, aber neben mir sitzt jemand, der das alles hat, dann ist das schon gemein, oder?", sagt Gründerin Anne-Marie Braun.
Wo staatliche Hilfe an Grenzen stößt
Für Familien mit geringem Einkommen gibt es für Schuleinkäufe außerdem finanzielle Unterstützung über das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT): 130 Euro zu Beginn des Schuljahres, weitere 65 Euro im zweiten Halbjahr, also insgesamt 195 Euro pro Jahr. Doch die Grenzen dieser Regelung erlebt Anne-Marie Braun im Kontakt mit bedürftigen Familien: "Manchmal liegt man genau zwei Euro über der Grenze und bekommt keine Unterstützung. Gerade wenn man drei Kinder hat oder mehr, wird es schwierig. Alleinerziehende Mütter zum Beispiel trifft das besonders hart.”
Die Ehrenamtlichen von "Schöneberg Hilft" hoffen deshalb auf mehr Ranzenspenden, damit ausrangierte Rucksäcke nicht im Keller verstauben, sondern den Weg auf neue Schultern und auf Schulbänke finden.
Sendung: rbb24Abendschau, 20.08.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24Abendschau, 20.08.2026, Anna-Maria Deutschmann
Wichtiger Hinweis
Ab dem 19. August benötigen Sie zum Kommentieren auf rbb24.de ein ARD-Konto. Weitere Informationen dazu finden Sie hier: rbb24.de führt ARD-Login für die Kommentarfunktion ein.
Mehr bei rbb|24