Einschulung kostet Familie 386 Euro – Schulranzen teurer als Autoreparatur
Stand: 10.08.2026, 06:00 Uhr
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Eine Frankfurter Familie gibt für den Schulstart ihres Sohnes 386 Euro aus. Allein der Schulranzen kostet 280 Euro – so viel wie mehrere Reparaturen am Auto des Vaters.
Frankfurt – Der erste Schultag kann kommen: Der sechsjährige Athanasios, genannt Atha, wird am Dienstag in die Carl-von-Ibell-Schule eingeschult. Auf Mathematik freut sich der Sohn der Unterliederbacher Familie Vagelakos besonders. Seine Eltern, Mutter Nevin Bal und Vater Dimitrios, haben dagegen schon vor Schulbeginn eine anspruchsvolle Rechenaufgabe bewältigt – an der Kasse. Vielen anderen Eltern neu eingeschulter Kinder – 7380 waren es im vergangenen Jahr – dürfte es ähnlich gehen.
Allein der erste Einkauf nach der Materialliste der Grundschule kostete 105,75 Euro. Dabei fehlten noch einige Dinge, die im Geschäft nicht erhältlich waren und nun bestellt werden müssen. „Der Kassenbon ist wirklich sehr, sehr lang“, sagt die Mutter. Für den elfjährigen Bruder Attila, der jetzt in die sechste Klasse der Helene-Lange-Schule in Höchst kommt, müssen zusätzlich Bücher und spezielle Materialien für den Kunstunterricht besorgt werden.
Was auf den Listen steht, ist für Eltern zudem nicht immer selbsterklärend. Was genau ist ein „Geschichtenheft“? Welche Lineatur ist gemeint? Und wo findet man einen Zeichenblock mit Papierstärke 120 oder einen Pinsel „Da Vinci Junior Synthetics, Größe sechs“? Gerade Eltern, die wenig Deutsch sprechen, seien auf die Hilfe der Verkäuferinnen angewiesen, erzählt die Mutter. Im Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach seien die Eltern zum Glück freundlich und kompetent beraten worden.
„Ein harter Brocken“
Der größte Einzelposten ist allerdings gar nicht auf der Materialliste vermerkt: 280 Euro kostete der Schulranzen. Hinzu kommen Hallenschuhe, Hausschuhe und die Schultüte. Die Eltern entschieden sich bewusst für ein hochwertiges Modell, das ergonomisch sitzt und möglichst vier Jahre hält. Billige Lizenzprodukte seien häufig schlechter verarbeitet, kritisiert die Mutter: „Dann muss man für das Wohl des Kindes entscheiden, wo man Geld spart und wo man ausgibt.“ Ihr Fazit: „Das sind Kosten, die sich nicht jede Familie leisten kann.“
Familie Vagelakos kann die Ausgaben zwar stemmen. „Ein harter Brocken ist es trotzdem“, sagen die Eltern. Eine Fahrradreparatur werde dann eben auf den nächsten Monat verschoben, Freizeitaktivitäten würden eingeschränkt. Auch ein Ölwechsel am Auto müsse im Zweifel warten. Dimitrios Vagelakos veranschaulicht: Die Kosten für mehrere Reparaturen an seinem Wagen seien ungefähr so hoch gewesen wie der neue Schulranzen.
Dass die Anschaffungen für den Schulstart für manche Familien einen finanziellen Kraftakt bedeuten, hat man auch bei der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt (Awo) erkannt. 2007 hätten Ehrenamtliche des Awo-Ortsvereins Sachsenhausen deshalb das Projekt „Mein erster Schulranzen“ ins Leben gerufen, sagt Awo-Sprecher Mario Lubrich – mittlerweile die größte derartige Aktion in Hessen.
Damit will man Kindern aus bedürftigen Familien einen guten Schulstart ermöglichen. Schließlich leidet nach Angaben der Awo etwa ein Viertel aller Frankfurter Familien unter Armut. Zum Start vor neun Jahren wurden 69 Schultaschen ausgegeben.
Diese Zahl hat sich mittlerweile vervielfacht: In diesem Jahr seien rund 850 Ranzen-Wünsche an die Awo herangetragen worden, die man auch erfüllt habe, sagt Lubrich. 2025 wurden sogar 932 Exemplare verteilt. Zu finden sind darin nicht nur Feder- und Schlampermäppchen samt Inhalt, sondern auch Brotdose und Turnbeutel.
Familien, die Wohngeld, Kinderzuschlag, Sozialhilfe, Grundsicherungsgeld oder Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, können aber auch staatliche Hilfen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket in Anspruch nehmen, informiert Nina Forst, Sprecherin des Frankfurter Jugend- und Sozialamts. Für Schüler allgemein- oder berufsbildender Schulen ohne Ausbildungsvergütung steht demnach eine jährliche Pauschale von 195 Euro zur Verfügung. Damit können etwa Stifte, Hefte, Schulranzen oder Taschenrechner gekauft werden.
Kaum einer nimmt es in Anspruch
Was viele nicht wissen: Unter bestimmten Voraussetzungen können Bezieher von Sozialhilfe, Grundsicherungsgeld sowie Mitteln aus dem Asylbewerberleistungsgesetz aber auch Arbeitshefte und Arbeitsbücher mit ISBN-Nummer als Mehrbedarf erstattet bekommen, sagt Nina Forst: „Voraussetzung hierfür ist ein gesonderter Antrag der leistungsberechtigten Person sowie eine schriftliche Begründung der Lehrkraft, da in Hessen grundsätzlich die Lernmittelfreiheit gilt.“ Den Antrag auf Anerkennung des Mehrbedarfs könne man beim jeweils zuständigen Grundleistungsteam des Jobcenters, im Sozialrathaus oder beim „Besonderen Dienst 3, Kinderschutz“ und dem „Besonderen Dienst 4, Auswärtige und Asyl“, stellen. Einen Musterantrag dafür kann man bei den zuständigen Stellen anfordern.
Zwar lobt Diakoniepfarrer Markus Eisele, Verbandsleiter des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach, in einer Mitteilung vom Freitag ausdrücklich, dass beide Städte auf einfache Antragsverfahren setzten. Nach wie vor nähme jedoch nur ein Bruchteil der anspruchsberechtigten Familien die Unterstützung in Anspruch. Ebenso nötig sei, dass die Bundesregierung das Bildungs- und Teilhabepaket an die tatsächlichen Lebenshaltungskosten und Preissteigerungen anpasse, teilt die Diakonie mit.
„Ob ein Kind mit Zuversicht in die Schule startet, darf nicht davon abhängen, wie viel Geld seine Eltern gerade zur Verfügung haben“, sagt Diakoniepfarrer Markus Eisele, Verbandsleiter des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach. „Kinder spüren sehr genau, wenn sie nicht mithalten können. So entstehen schon zu Beginn des Schuljahres Gefühle des Ausgeschlossenseins.“