„Ekelt mich an“ – Gen-Z-Lehrerin verzichtet freiwillig auf Verbeamtung
Stand: 27.09.2026, 22:56 Uhr
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Eine Grundschullehrerin aus Berlin erklärt im Gespräch, warum sie nicht verbeamtet werden will und bei welchem Wort sich ihre „Nackenhaare aufstellen“.
Frankfurt – „Nie wüten meine Kolleg:innen so wild, wie wenn ich sage, dass ich Lehrerin bin, ohne das Referendariat gemacht zu haben und mich nicht verbeamten möchte“, schreibt Helena Hacker auf Instagram (@hellipirelly). Die Grundschullehrerin aus Berlin arbeitet momentan mit einem befristeten Arbeitsvertrag als Seiteneinsteigerin – sie hat einen Masterabschluss als Lehrkraft, aber noch kein Referendariat absolviert. Es mache andere Lehrkräfte „saui“, wie sie sagt, „dass ich nicht den gleichen Weg gehe, den sie gegangen sind, und er (trotzdem?) funktioniert. Ziemlich gut sogar, ich bin nämlich ziemlich glücklich“, schreibt die ehemalige Bayerin.

Die Themen Beamtentum und Referendariat erzeugten unheimlich viel Wut. „Wer ist mehr wert und wer ist weniger wert? Das ekelt mich ein bisschen an, ehrlich gesagt“, sagt Hacker der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Manche würden sogar infrage stellen, ob sie überhaupt Lehrerin sei, weil sie „nur“ einen Master habe. „Dabei habe ich einen Arbeitsvertrag als Lehrerin und ich arbeite seit Jahren als Lehrerin“, sagt die Gen‑Z‑Lehrerin. Sie vermutet, dass manche vielleicht in ihrem Referendariat „unglücklich“ gewesen seien und ihr nun nicht gönnen, auch ohne als Lehrerin arbeiten zu können. Tatsächlich ist dies in fast allen Bundesländern möglich – entweder als befristete Vertretungslehrkraft oder als Seiteneinsteigerin, die eine pädagogische Nachqualifizierung macht.
Lehrkräfte-Ausbildung: „Meine ersten Unterrichtseinheiten waren schrecklich“
In Hamburg, Bayern und Baden-Württemberg gibt es teils strengere Regeln für Lehrkräfte ohne Referendariat. Hier ist ein Einstieg oft nur in Mangelfächern oder an Berufsschulen möglich oder setzt eine berufsbegleitende Zertifizierung oder einen Vorbereitungsdienst voraus. In Berlin und Sachsen werden Seiteneinsteiger-Lehrkräfte teils vergleichsweise hoch bezahlt wie Kollegen und Kolleginnen mit Referendariat, um den Lehrermangel auszugleichen. Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein bieten Seiteneinsteigern mit Master nach erfolgreicher Nachqualifizierung auch den Weg in die Verbeamtung an.
Der Grund, warum Hacker nach dem Masterstudium nicht direkt ein Referendariat gemacht hat, war, dass sie damals viel Machtmissbrauch durch Dozierende erlebt habe. „Ich hatte richtig Uni-Angst und Herzrasen, wenn ich in das Gebäude musste. Deswegen wollte ich mich nicht direkt wieder in ein solches Abhängigkeitsverhältnis begeben“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Ihre Berufserfahrung an verschiedenen Schulen, die schon während des Studiums begonnen hatte, will sie heute nicht mehr missen: „Ich bin so froh, dass ich immer nebenbei im Bildungsbereich gearbeitet habe. Meine ersten Unterrichtseinheiten waren schrecklich – für alle Beteiligten!“, sagt Hacker.
Seiteneinsteiger-Lehrerin: „Da stellen sich mir die Nackenhaare auf“
Hacker hält das deutsche Lehramtsstudium für „zu unpraktisch“. Studierende hätten keine Ahnung, wie man mit Eltern umgehe, Unterricht plane oder Kinder bewerte. „Man kann angehenden Lehrkräften nicht drei Jahre lang sagen, dass Frontalunterricht schlecht ist, und sie dann ohne Praxis vor eine Klasse stellen und sagen: ‚Jetzt macht mal irgendwas anderes als Frontalunterricht.‘ Das funktioniert nicht“, sagt sie der FR. Heute, mit ein paar Jahren Erfahrung hingegen, sei sie sehr offen dafür, in einem Ref noch einmal „etwas Neues zu lernen und sich pädagogisch weiterzuentwickeln“, sagt sie.
Auf die Verbeamtung möchte sie jedoch – Stand jetzt – verzichten. „Viele andere Lehrkräfte verstehen das einfach überhaupt nicht“, sagt sie. Dabei sei die Antwort sehr einfach: „Ich möchte mich einfach nicht so doll binden. Wenn ich mein Arbeitsumfeld nicht mag, möchte ich meine eigene Herrin sein. Das geht verbeamtet nicht so einfach. Da müsste ich einen Antrag bei meinem Dienstherrn stellen, dass ich die Schule wechseln will“, sagt die Lehrerin. „Schon bei dem Wort Dienstherr stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ich möchte niemanden bitten müssen, gehen zu dürfen.“
Rassismus an deutschen Schulen – die wollen sich „eh nur prügeln“
An ihrer letzten Schule beispielsweise sei sie unglaublich unglücklich gewesen. Über Sieben- bis Zehnjährige sei gesagt worden, dass die sich ja „eh nur prügeln wollen“, berichtet sie. „Es war für mich nicht auszuhalten. Zum Glück konnte ich nach einem Jahr einfach sagen: ‚Ich gehe, mein Vertrag läuft aus.‘“ Verbeamtete Lehrkräfte dort kämen nicht so leicht weg.
Hacker sieht Verbeamtung auch aus einem anderen Grund kritisch: „An dieser Schule waren einige Lehrer, die gekündigt gehören, weil Kinder Angst vor ihnen hatten. Das kriegt man durch die Verbeamtung aber nicht durch. Das ist die große Schattenseite von Verbeamtung, dass selbst total schlechte Lehrkräfte und rassistische Personen ihren Job behalten.“
In Berlin wird eine verbeamtete Lehrkraft grundsätzlich nach A13 bezahlt. Das Grundgehalt liegt seit April 2026 – je nach Erfahrungsstufe – zwischen 5000 und 7000 Euro brutto im Monat. Angestellte Lehrkräfte werden nach erfolgreicher Qualifizierung in der Regel nach E 13 TV-L, manchmal E 12, bezahlt und erhalten zwischen 4.300 und 6.800 Euro brutto. Ihr Nettogehalt ist jedoch oft niedriger, weil sie höhere Beiträge zur Renten-, Kranken-, und Arbeitslosenversicherung zahlen.
„Man verdient durch die Verbeamtung durchaus ein bisschen mehr Geld. Aber dafür, dass ich aktuell frei entscheiden kann, zu gehen, gebe ich diesen Mehrverdienst mit Handkuss auf“, sagt die junge Frau der Frankfurter Rundschau. Als Beamtin gilt für sie außerdem ein Mäßigungsgebot. „Als Content Creatorin, die als Privatperson im Internet sagen will, was sie von sicherheitspolitischen Entscheidungen hält, schreckt mich das zusätzlich ab.“ (Quellen: eigene Recherche, Instagram, Oeffentlichen-Dienst.de, Oeffentlicher-Dienst.info)