Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Mehr Gitarren, weniger Glitzer: Hamburgs neues Rockfestival
Die Elbvertiefung am Montag – Mit einem Ausflug mit Bosse nach Amrum und einer Rückschau auf das neue Hamburger Rockfestival »Amplifire«
Aus der Kolumne: Elbvertiefung
- August 2026, 6:00 Uhr
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Liebe Leserin, lieber Leser,
Samstagabend, halb sieben. Die britische Post-Punk-Band High Vis hatte gerade aufgehört zu spielen, ich balancierte Plastikbecher, während meine Freunde im Schatten warteten, und Carlo, 52, kam am Getränkestand aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. »Traumhaft, ne? So’n bisschen ferienmäßig. Alle gut drauf, top organisiert, und mein Knie macht auch noch mit. Astrein.«
Am Wochenende war ich auf dem Amplifire, einem neuen Festival für Alternative Rock, das auf dem Artville-Gelände in Wilhelmsburg seine Premiere feierte. Im Jahr 2026 ein Musikfestival ins Leben zu rufen, klingt gewagt: Die Branche ächzt unter steigenden Kosten und sinkenden Ticketverkäufen, mehrere kleinere Festivals haben in diesem Jahr aufgegeben. Das Skandaløs in Nordfriesland etwa fand am Wochenende zum letzten Mal statt.
Mit seinen 10.000 Besuchern ist das Amplifire deutlich kleiner angelegt. Der Hamburger Veranstalter KJ Projects möchte damit eine Lücke füllen: Viele einst rocklastige Festival sind zuletzt in Richtung Elektro und Pop gewandert, hier dagegen spielen die Bands ausschließlich härtere Gitarrenmusik – von Indie-Rock über Punk bis Emo. 30 Bands waren dabei, darunter Bad Religion und Biffy Clyro.
Ich finde, die Premiere ist geglückt. Die Größe tat dem Festival gut, die Wege zwischen den Bühnen waren angenehm kurz, und der Spielplan war umsichtig gebaut: Da nie auf allen drei Bühnen gleichzeitig Bands auftraten, überschnitt sich wenig. Es gab Foodtrucks, eine Art Biergarten, gut sichtbare Awareness-Hinweise, saubere Toiletten, nirgends lange Schlangen. Schön unaufgeregt war die Stimmung. Im Publikum waren viele, die, wie Carlo, mutmaßlich schon vor 20, 30 Jahren in Moshpits sprangen und heute zwickende Knie haben, aber auch Jüngere mischten sich darunter. Ich sah etliche Bandshirts, keine Selfie-Schaukeln, und vor den Bühnen wurde mehr getanzt als fotografiert. (Wie früher, wissen Sie noch?)
Musikalisch gefielen mir besonders die kleineren Bands wie HotWax. Bei 30 Acts hätte ich mir noch ein oder zwei verträumte, psychedelische Bands gewünscht, die das viele Geschrammel abgerundet hätten. Aber das ist eher mein persönlicher Wunschzettel.
Ob das Amplifire sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bewährt, wird sich zeigen. Der Termin für die nächste Ausgabe im August 2027 steht jedenfalls schon. Nach dieser Premiere ist das eine astreine Nachricht für Hamburg.
Kommen Sie gut in die Woche!
Ihre Annika Lasarzik
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WAS HEUTE WICHTIG IST
Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) fordert ein Umdenken in der Steuerpolitik der Bundesregierung. Statt pauschaler Steuersenkungen wie bei der Körperschaftsteuer verlangt er gezielte Entlastungen für die Wirtschaft sowie eine Digitalsteuer für Tech-Konzerne. Der aktuelle Kurs führe die Kommunen und damit Deutschland in die Sackgasse, sagte Tschentscher.
Die Stadt Hamburg und ihre öffentlichen Unternehmen besaßen im vergangenen Jahr rund 49,5 Prozent des Stadtgebiets. Wie Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) mitteilte, kaufte die Stadt für 49,3 Millionen Euro mehr Grundstücke als sie verkaufte. Angesichts der schwierigen Haushaltslage schließt Dressel künftige Verkäufe einzelner Flächen jedoch nicht aus.
Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Bussen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Laut Polizei gab es im vergangenen Jahr 2.724 Unfälle – gut 1.100 mehr als 2016. In den meisten Fällen handelte es sich um kleine Blechschäden.
Bei Kontrollen im gesamten Stadtgebiet hat die Polizei am Donnerstag mehr als 4.000 Temposünder ertappt. Darunter waren laut Polizei auch drei Linienbusse. An dem europaweiten Kontrolltag »Roadpol Speed« waren insgesamt 180 Einsatzkräfte im Dienst.
Auf der frisch sanierten Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin war zuletzt nur jeder vierte Fernzug pünktlich. Von Mitte Juni bis Mitte Juli erreichten laut der Deutschen Bahn lediglich 25,8 Prozent der Züge pünktlich ihr Ziel. Grund dafür seien andauernde Restarbeiten. Die Bahn stellt für die kommenden Wochen jedoch Verbesserungen in Aussicht.
AUS DER HAMBURG-AUSGABE
»Die Nordsee hat so eine Power!«
Axel Bosse singt in seinen Songs über Kniepsand in der Kapuze und Bretterbohlenwege am Strand. Seit seiner Kindheit macht er Urlaub auf Amrum – und hat Viola Diem eine Inseltour gegeben. Lesen Sie hier einen Ausschnitt aus dem Interview.
Als Erstes zeigt Axel Bosse ein Video auf seinem Smartphone: Drachensteigenlassen am Strand von Norddorf, am Tag zuvor aufgenommen von seiner Nichte. Seine Eltern und seine Schwester mit ihren Kindern machen gerade Urlaub auf Amrum. Auch Bosse gönnt sich hier eine kurze Auszeit zwischen mehreren Festivalauftritten, einem Anti-AfD-Konzert in Erfurt und Studioaufnahmen in London. Der 46-Jährige ist bereit, mir seine Lieblingsinsel zu zeigen. Wir treffen uns im Zentrum von Norddorf, vor dem Café Schult. Schon morgens um neun Uhr stehen die Urlauber Schlange. »Hier gibt es das beste Brot und herrlichen Kuchen«, sagt Bosse. Wir frühstücken Kirschstrudel.
Bosse: Als ich hier gestern saß, hat so eine Riesenmöwe einer Omi den Butterkuchen vom Teller geklaut. Die Biester sind gnadenlos! Ich würde niemals mit einem Fischbrötchen oder Pommes über die Insel laufen, wenn ich nicht eine Hand frei hätte, um mich zu wehren.
DIE ZEIT: Sind hungrige Möwen der größte Stressfaktor auf Amrum?
Bosse: Kann sein. Zusammen mit Sturmflut und Wattwanderung ohne Führer. Und für Kinder vielleicht noch der FKK-Strand. Ich habe eine frühkindliche Erinnerung, bei der ein dickbäuchiger Typ nackt am Strand auf einem Grill die Wurst wendete. Das hat sich mir eingebrannt.
ZEIT: Wann waren Sie zum ersten Mal hier?
Bosse: Als Baby. Meine Eltern sind riesige Amrum-Fans und kamen mit meiner Schwester und mir fast jedes Jahr drei Wochen lang im Sommer. Die ersten Male haben wir gezeltet, später hatten wir eine Ferienwohnung hier in Norddorf. Die mieten wir übrigens bis heute, ich glaube, da wurde seit den Siebzigern nicht renoviert.
Wie es auf der Inseltour weitergeht, lesen Sie in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+)
SCHON GEHÖRT?
Die Mumie
In dieser Folge vom ZEIT-Verbrechen-Podcast erzählt ZEIT-Reporter Ulrich Stock von einem Todesfall, der das Leben in der modernen Stadt illustriert. Die Überreste eines Mannes werden nach Jahren in einer Hamburger Wohnung entdeckt. Ein Mediensturm bricht über die angeblich herzlosen Nachbarn herein. Doch bei näherem Hinsehen ist alles ganz anders. → Zum Podcast
DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN
Der Verein Bunte Kuh lädt ab dem 12. August zum »Bauen mit Lehm« nach Wilhelmsburg ein. Kinder und Erwachsene können nach eigenen Entwürfen frei bauen, modellieren, begehbare Räume und Skulpturen schaffen. Fachliche Beratung ist vor Ort.
Lehmbauprojekt 12.8.–12.9., Di-Sa 9.30 bis 17 Uhr; Bahnhofspassage, neben der S-Bahn Wilhelmsburg
Fest zum Bauabschluss Sonntag, 13.9. 15–18 Uhr
MEINE STADT
HAMBURGER SCHNACK
Es war zur Zeit von Pandemie und Lockdown. Auf dem Weg zum Einkaufen gingen eine junge Mutter und ihr etwa achtjähriger Sohn ein paar Schritte vor mir. Der Junge fragt: »Mama, können wir heute was spielen oder wollen wir wieder einen pädagogisch wertvollen Film gucken?«
Gehört von Regula Venske