Elend in Sichtweite der Weltbühne
Stand: 13.07.2026, 14:25 Uhr
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Praktisch in Sichtweite von New Yorks Fußballstadion findet der grausame Alltag der USA von Donald Trump statt – dort, wo die Häscher der ICE ihre Willkür feiern / Von Sebastian Moll
Keine zehn Kilometer Luftlinie von den glitzernden Wolkenkratzern des unteren Manhattan entfernt liegt in den Sümpfen von New Jersey eine postindustrielle Höllen-Landschaft. Eingezwängt vom New Yorker Containerhafen und der achtspurigen Autobahn Interstate 95 breitet sich eine faulig stinkende Industriebrache aus. Die Doremus Avenue, die durch das Areal führt, wird gesäumt von Lagerhallen und Schrottplätzen, auf der anderen Seite rattern kilometerlange Güterzüge mit toxischen Abfällen aller Art entlang. Am Ende liegt rechterhand das finster dräuende Essex County Gefängnis, das für Misshandlungen, Überfüllung, Todesfälle und katastrophale sanitäre Zustände berüchtigt ist.
Es verschlägt niemanden ohne triftigen Grund hierher. Wie eine kleine Gruppe von Frauen und Kindern lateinamerikanischer Abstammung, die sich am Nachmittag vor dem Nachbargebäude des Gefängnisses, einem grauen, mit Stacheldraht umzäunten Betokoloss, versammelt. Sie hoffen darauf, zum Besuch ihrer Angehörigen vorgelassen zu werden, die sie hinter diesen Zäunen vermuten. Dort hat ICE, die Deportationspolizei der Trump-Regierung, vor einem Jahr ein Sammellager eingerichtet.
Ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter und seiner Schwester gekommen ist, trägt ein Mexiko-Trikot. Sonst erinnert hier nichts an die Fußball-WM, die nur 12 Kilometer nördlich im Meadowlands-Stadion ausgetragen wird. Wäre die Sicht nicht durch Industriebauten verstellt, könnte man von hier dessen Flutlicht sehen.
Vor wenigen Wochen standen tage- und nächtelang Kamerateams vor dem „Delaney Hall“ genannten, Lagerhallen-ähnlichen Bau – einer ehemaligen Übergangsunterkunft für entlassene Häftlinge, wo ihnen bei der Wiedereingliederung geholfen werden sollte. Der Grund für den Protest war die Grausamkeit von ICE, vorgebracht haben ihn zuerst die Opfer der Truppe selbst.
Sporadischer Kontakt zur Außenwelt
Nachrichten waren nach Außen gedrungen, dass die von ICE entführten Insassen der Delaney Hall wegen der unmenschlichen Zustände in der privat geführten Verwahrungsanstalt in einen Hunger- und Arbeitsstreik getreten seien. Das Essen sei verdorben und unzumutbar, die medizinische Versorgung unzureichend bis nicht vorhanden. Übergriffe durch die Beamten und Angestellten der Betreiberfirma des Lagers seien an der Tagesordnung. Kontakt zur Außenwelt und Zugang zu Rechtsbeistand gebe es bestenfalls sporadisch. In einem offenen Brief war von psychologischer und körperlicher Folter die Rede.
Bereits Mitte des vergangenen Jahres hatten eine demokratische Kongressabgeordnete aus New Jersey, LaMonica McIver, und der Bürgermeister der Stadt Newark, Ras Baraka, versucht, sich einen Eindruck von den Zuständen dort zu machen. Sie wurden abgewiesen, Baraka wurde sogar von Beamten gewaltsam entfernt. Während des Versuchs, das zu verhindern, wurde McIver verhaftet. Das US-Justizministerium hat sie wegen der Behinderung von Amtsträgern angeklagt. Ihr droht eine Freiheitsstrafe von acht Jahren.
Im Mai, nach Beginn des Hungerstreiks, eskalierten dann die Dinge vor Delaney Hall. Täglich kamen mehr Demonstrierende, um sich mit den Häftlingen zu solidarisieren. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit ICE-Beamten und Massenverhaftungen. Tränengaswolken wehten über die Doremus Avenue. Von Gummi-Munition getroffene Demonstranten wurden mit Krankenwagen abtransportiert. Delaney Hall wurde zur vordersten Front des Widerstandes gegen ICE in den USA.
Seit Ende Juni ist es nun wieder ruhig geworden an der Doremus Avenue. Der Hungerstreik ist angeblich vorbei. Laut Berichten von Insassen habe der Streik jedoch nicht aufgehört, weil sich die Bedingungen gebessert hätten. Vielmehr seien die Anführer der Proteste in andere Lager verlegt oder in Einzelhaft gesteckt worden. Einige seien verprügelt oder mit Pfefferspray attackiert worden. Auch Berichte von Verbrühungen in zu heißen Duschen sickerten durch.
Zwei Tage nach dem begeisternden Sieg der norwegischen Fußballer gegen Brasilien, einen Steinwurf von hier entfernt, ist von den Protesten vor der Delaney Hall nur noch ein kümmerlicher Überrest geblieben. 50 Meter neben dem Haupteingang beklebt ein Mitdreißiger in Lederjacke ein improvisiertes Zelt mit der Aufschrift „Fuck ICE“. Der bärtige Mann mit Pferdeschwanz, der einfach nur Batcher genannt werden will, sagt, er werde hier bleiben, rund um die Uhr, weil es ja nicht sein dürfe, dass Delaney Hall einfach in Vergessenheit gerät. Er werde über Netzwerke berichten, wenn es Abtransporte gibt, oder nächtliche Entlassungen, oder wenn Krankenwagen Insassen abholen. „Ich könnte nicht mit mir leben, wenn ich nichts täte“, sagt er.
Auf der anderen Seite des Eingangs hat eine andere Gruppe ein Zelt aufgebaut. Die katholische Nonne Susan organisiert hier Beistand für frisch Entlassene und Besucher:innen. „Manchmal werden sie mittellos mitten in der Nacht auf die Straße gesetzt“, erzählt sie. Viele kämen aus anderen Landesteilen und wüssten überhaupt nicht, wo sie sind. Sie organisiert Kleidung und Transport und nennt Anlaufstellen.
Am Schiebetor wartet das Grüppchen Angehörige geduldig, dass eine Wachfrau der Betreiberfirma mit Nachrichten über ihre entführten Familienmitglieder wieder aus dem Bau herauskommt. Eine mexikanische Frau, deren Neffe seit Wochen vermisst wird, hat dessen Fallnummer recherchiert und über Listen des „Heimatschutz“-Ministeriums erfahren, dass er hier gelandet sein soll. Es ist das dritte Mal in dieser Woche, dass sie hierherkommt und hofft, Genaueres zu erfahren. Doch von dem guten Dutzend an Angehörigen wird gerade einmal eine Handvoll eingelassen. Sie gehört nicht dazu, und trottet mit den anderen Abgewiesenen traurig und weiter in Ungewissheit schwebend wieder zur Bushaltestelle.
Um kurz nach sieben geschieht dann ein Wunder. Das Schiebetor öffnet sich und vier Männer treten auf die Straße, ihre Habseligkeiten in Plastiktüten unter dem Arm. Einer hat eine Bibel auf Spanisch in der Hand. Mit einem Mal brechen die ganzen angestauten Leiden der vergangenen Wochen aus ihnen heraus. Zwei brechen auf dem Asphalt zusammen und fangen herzzerreißend an zu schluchzen.
Die WM ist eine ferne Erinnerung
Als Alex, der jüngere von ihnen, sich einigermaßen berappelt hat, fängt er an, mit den Freiwilligen zu reden. Sie rufen seine Frau an, die ihn eine halbe Stunde später abholt. Rund sechs Wochen sei er dort drinnen gewesen, zu den Zuständen kann er nur sagen, sie seien „grauenhaft“. Bis heute habe er nicht gewusst, wie lange er bleiben müsse und was mit ihm geschehe. Alex ist Kolumbianer, er hatte ordnungsgemäß einen Asylantrag gestellt. Trotzdem hatten die ICE-Beamten eines Tages an seiner Tür gestanden und ihn ohne Vorwarnung mitgenommen. Einfach so.
Alex und seine vier Mitinsassen bekommen nun vorerst Aufschub. Sie können nach Hause zu ihren Familien, Luft holen, die nächsten Schritte überlegen. Vielleicht sogar ein Fußballspiel anschauen. Dass es die WM auch noch gibt, rückt erst im Bus auf dem Weg zum Bahnhof von Newark so langsam wieder ins Bewusstsein. Bodegas werben damit, Spiele zu zeigen. Am Bahnhof hängen Hinweisschilder zu Pendelbussen ins Stadion. Beim Ausstieg in Manhattan weisen Digitaldisplays Pendler:innen darauf hin, dass es wegen der WM zu Verzögerungen kommen könne. Im Einkaufszentrum am World Trade Center hängen Riesenplakate mit Mbappé, Kane und Haaland.
Es wirkt absurd nach dem Abtauchen in diese Parallelwelt vor unserer Tür. Aber letztlich erinnert es auch nur an die Absurdität des Lebens in den USA von Donald Trump. Hier die vermeintliche Normalität. Drei Schritte weiter der Zivilisationsbruch und ein Leid, dass wir kaum erahnen können.
Von den Stadien hat sich die Trump-Barbarei bislang ferngehalten. Aber ICE hat erst in der vergangenen Woche landesweit wieder massiv seine Aktivitäten verstärkt. Still, ohne große Ankündigungen und weit weniger sichtbar als vormals in Minneapolis oder Los Angeles, gab es 10.000 Verhaftungen mehr als sonst in nur fünf Tagen.
Am Meadowlands Stadion hat man davon jedoch nichts mitbekommen. Nur wer aufgepasst hat, hat auf der Fahrt dorthin während der Vorrundenspiele ein paar Banner auf Autobahnbrücken sehen können, die die Schließung von Delaney Hall forderten. Vielleicht werden diese auch am Finaltag in New Jersey in einer Woche wehen. Den Fußball-Spaß der Massen werden sie jedoch wohl nicht trüben.

