Eltern müssen mit Kindern nicht Deutsch sprechen: Sprachpädagoginnen erklären Pisa-Paradoxon

Stand: 23.09.2026, 20:00 Uhr

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Flüchtlinge in Sprachlernklasse

Die Ergebnisse der Pisa-Studie zeigen, dass die Sprach- und Lesekompetenz der Schüler in Deutschland gesunken ist. Laut den Sprachförderpädagoginnen Anette Zuleger und Sonny Oswald weisen die Kinder unter anderem einen reduzierten Wortschatz auf. © Peter Steffen

Zwei Unterhachinger Expertinnen mit 20 Jahren Erfahrung geben Eltern einen überraschenden Rat zur Sprachförderung. Warum es nicht zwingend notwendig ist, dass Eltern mit Migrationshintergrund mit ihren Kindern Deutsch sprechen, erklären Sie im Interview.

Landkreis – Die Pisa-Ergebnisse haben es schwarz auf weiß gezeigt: Die Sprach- und Lesekompetenz der Schüler in Deutschland sinkt dramatisch. Oft wird die Schuld beim System gesucht – doch wie erleben Fachkräfte die Situation vor Ort? Sonny Oswald und Anette Zuleger, zertifizierte Sprachförderpädagoginnen aus Unterhaching, blicken auf 20 Jahre Erfahrung in der Praxis zurück. Im Interview erklären sie, warum der Vorkurs Deutsch 240 in Bayern ein echter Fels in der Brandung ist, wieso die Aushöhlung individueller Schulbegleitungen kontraproduktiv wäre und weshalb Eltern für eine starke Zweitsprache paradoxerweise zuerst die eigene Muttersprache fördern sollten.

Die Pisa-Ergebnisse bescheinigen deutschen Schülern historische Tiefstwerte, besonders beim Lesen und Textverständnis. Überrascht Sie dieses Ergebnis aus Sicht Ihrer täglichen Arbeit?

Oswald: Es erstaunt mich nicht, da Frau Zuleger und ich seit 2006 in diesem Bereich arbeiten. Als Team sind wir für den Vorkurs Deutsch 240 zertifiziert, bilden auch Lehrkräfte aus und sind in Einrichtungen im Großraum München tätig. Hier sind wir insgesamt noch relativ gut aufgestellt, weil diese Sprachförderung seit 20 Jahren besteht, seit 2024 das Screening aller vierjährigen Kinder verpflichtend ist und diese dann bei Förderbedarf am Vorkurs Deutsch in Kindergarten und Grundschule teilnehmen müssen. Langsam wächst auch in anderen Bundesländern das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Sprachförderung im Primarbereich.

Zuleger: Um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können, kommen Erziehungsberechtigte häufig in die prekäre Situation, zeitlich überfordert zu sein. Es fällt vielen dadurch nicht leicht, täglich vorzulesen oder mit ihren Kindern zu spielen. Der Familienalltag bringt schon genügend Herausforderungen. Dies schwächt natürlich im Ansatz schon im frühen Alter die Sprachkompetenz und setzt sich im Grundschulalter fort.

Sprachförderpädagogin Anette Zuleger aus Unterhaching

Sprachförderpädagogin Anette Zuleger wünscht sich bei Bedarf mindestens zwei Lehrkräfte in ersten Klassen. © Privat

Sprachdefizite zeichnen sich meist weit vor der Schulzeit ab. Mit welchen sprachlichen Herausforderungen kommen die Kinder heute in die Frühförderung?

Oswald: In unserem Unterricht beobachten wir mehr Schüler, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, die einen reduzierten Wortschatz aufweisen, was sich auch in den Screenings bestätigt. Auch die deutliche Aussprache hat sich stark verändert. Corona hat dazu beigetragen, dass sich mehr Kinder teilweise ohne Aufsicht mit weniger kindgerechten Inhalten in der digitalen Welt aufgehalten haben und aus diesem Grund weniger miteinander gesprochen wurde. Persönliche Kontakte waren stark eingeschränkt.

In der Debatte über die Pisa-Ergebnisse werden die Ursachen häufig im Bildungssystem gesucht. Stichworte Föderalismus, Lehrkräftemangel und die frühe Aufteilung auf verschiedene Schulformen. Welche Faktoren erschweren in Bayern im Alltag eine erfolgreiche sprachliche Förderung?

Zuleger: An erster Stelle steht definitiv die Ausstattung mit Lehrkräften. Für erste Klassen mit drei bis fünf nicht deutschsprachigen Schülern und ohne die Möglichkeit einer individuellen Schulbegleitung bräuchte es mindestens zwei Lehrkräfte, um einen zielführenden Unterricht auf einem vernünftigen Niveau zu gewährleisten. Die Aushöhlung der individuellen Schulbegleitung bringt Schüler und Lehrer an ihre Grenzen.

Welche Rolle spielen veränderte Lebenswelten wie der Medienkonsum oder veränderte Vorlesegewohnheiten in den Familien, die Sie beobachten?

Oswald: Das Vorleseverhalten innerhalb der Familien hat sich sehr gewandelt. Auch ältere Kinder lesen weniger als früher, weil oft die Vorbildfunktion der Eltern wegfällt. Sowohl die Tageszeitung als auch Bücher werden mittlerweile nur noch fast ausschließlich digital gelesen.

Die Studie zeigt eine starke Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Wie stark ist diese Schere bei den Kindern, mit denen Sie arbeiten, spürbar?

Zuleger: Das können wir bestätigen, weil wir in verschiedenen Stadtteilen arbeiten, die sich klar in ihrer Demografie unterscheiden. Unsere Aufgabe ist es, uns individuell an die Eltern und an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen. Hierzu nutzen wir unsere langjährige Kooperation mit dem Zentrum für kindliche Mehrsprachigkeit. Dort wurde von Dr. Edgardis Garlin die sogenannte Kikus-Methode ins Leben gerufen, ein Konzept zur spielerischen Vermittlung und Förderung von Zweit- und Fremdsprachen für Kinder. Sie basiert auf einer tief verankerten Partnerschaft mit der Ludwig-Maximilians-Universität. Dadurch sind externe und qualifizierte Pädagogen für Kindergärten und Grundschulen verfügbar, die im Bedarfsfall zusätzlich eingesetzt werden können.

Sprachförderpädagogin Sonny Oswald aus Unterhaching

Sprachförderpädagogin Sonny Oswald spricht sich für die Rückkehr zum System der Vorschulklassen aus. © Privat

Frühförderung lebt von individueller Betreuung. Wie gut ist die sprachliche Frühförderung hier vor Ort personell und finanziell aufgestellt?

Oswald: In Bayern wird der Vorkurs Deutsch 240 finanziell vom Staat bezuschusst. Der Lehrkräftemangel macht sich jedoch auch hier in allen Einrichtungen bemerkbar. Das Konzept mit externen Sprachförderpädagogen hat sich bewährt, weil eine Fachkraft mindestens zwei Kindergärten am Tag abdecken kann. Diese Pädagogen dürfen nicht fachfremd eingesetzt werden, und die Anzahl wird durch uns als Ausbilder kontinuierlich ausgebaut.

Was muss sich Ihrer Ansicht nach in der Bildungspolitik und den Förderstrukturen ändern, damit wir in einigen Jahren bessere Pisa-Ergebnisse erzielen?

Zuleger: Das bayerische System hat sich in jahrzehntelanger Praxis erfolgreich bewährt. Die Rückmeldungen aus Grundschulen bestätigen den Erfolg unseres Konzeptes. Die Bereitschaft anderer Bundesländer, dieses Konzept zu übernehmen, werten wir als positives Signal. Eine Einheitlichkeit im ganzen Bundesgebiet würde die Sprachförderung stärken.

Wenn Sie die Ressourcen im Bildungs- und Förderbereich umschichten könnten: Wo müsste Ihrer Meinung nach als Erstes investiert werden?

Oswald: Das frühere Konzept von altershomogenen Vorschulgruppen mit einem eigenen pädagogischen Ansatz ist vor Jahren leider dem Rotstift zum Opfer gefallen. Ganz besonders für die Sprachförderung wäre es sinnvoll, dieses System zu reaktivieren, um alle Kinder optimal bundesweit auf die Grundschule vorzubereiten. Ideal wäre es, wenn in den ersten Klassen zwei Lehrkräfte und eine pädagogische Fachkraft die Schüler unterstützen könnten.

Und welchen Rat oder Appell möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben, um die Sprachkompetenz ihrer Kinder im Alltag abseits von institutioneller Förderung zu stärken?

Zuleger: Insgesamt sollte die Familiensprache bzw. Muttersprache gestärkt werden. Es ist nicht notwendig, dass sich Eltern mit Migrationshintergrund verpflichtet fühlen, in Deutsch zu kommunizieren oder vorzulesen, denn eine sichere grammatikalische Basis in der eigenen Sprache schafft die Grundlage für den Erwerb der Zweitsprache. Da auch nicht wenige deutschsprachige Schüler unsere Kurse besuchen, empfehlen wir insgesamt Materialien wie Brettspiele, Puzzles und die Tonie-Box in Kombination mit dem jeweiligen Buch. Hierfür macht ein kostenloser Bücherei-Ausweis Sinn. Des Weiteren erachten wir die kostenfreie Kikus-App als äußerst hilfreich, da sie Wortschatz, Artikelarbeit und Satzbau altersgerecht unterstützt.