TikTok als Stadtführer: Was taugen die Tipps für Bars und Clubs an fremden Orten?

Aufzüge haben eigentlich nur eine Aufgabe: einen möglichst schnell von unten nach oben zu bringen – oder umgekehrt. Ich steige in einen dieser Aufzüge, mit dem es nach oben gehen soll. Es ist Samstagabend in einem Parkhaus an der Freßgass'.

Drinnen ist es warm, eng – und es riecht so, wie es riecht, wenn Menschen zu viel von einer Nacht wollen. Deo, Parfum, irgendwer lutscht ein Minzbonbon. Die Türen öffnen sich. Nichts lädt hier zum Verweilen ein. Mich umgibt trister Parkhaus-Charme. Links aber geht ein schmaler Gang ab. Große Pflanzen in grauen Töpfen, eine rot beleuchtete Wand. Fünf Euro Eintritt gezahlt, schon stehe ich im Außenbereich einer Rooftop-Bar: in der Mitte ein Wasserbecken, groß genug, um es auf Fotos wie eine Einladung, baden gehen zu können, aussehen zu lassen. Zu klein, um es tatsächlich zu tun. Über allem Lichterketten. Es sieht ein bisschen nach Urlaub aus.

Eine Gruppe Frauen mittleren Alters steht an einem Tisch. Daneben feiern solche, die noch Taschengeld statt Lohn zu bekommen scheinen. Alle haben sich schick gemacht.

Tiktok ersetzt den Stadtführer und zeigt neue Trends

Vor mir wird ein Tisch frei. Ich setze mich. Ich blicke mich zum ersten Mal, seit ich an diesem Ort bin, wirklich um. Der Pool ist nicht zum Schwimmen da, die Schirme braucht nachts niemand, um sich vor Sonnenstrahlen zu schützen. Vieles hier dient nur dem Zweck, anderen zu helfen, sich in Szene zu setzen. Zwei junge Frauen fragen, ob sie sich setzen dürfen. Natürlich dürfen sie. Ich bilde mir nicht ein, dass sie wegen mir an den Tisch gekommen sind. Der Laden ist voll, die zwei Plätze sind die einzig freien.

Kaum sitzen sie, beginnen sie, sich gegenseitig zu fotografieren. Sie haben Übung darin, wie es scheint. In dem Moment, in dem die eine die Handykamera zückt, verändert sich etwas an der Körperhaltung der anderen: Der Rücken wird durchgestreckt, das Kinn leicht nach unten gerichtet, das Gesicht sortiert sich.

Menschen posieren, seit es Fotografie gibt. Neu ist, dass die Fotos in Echtzeit geteilt werden. Die Fotos zeigen auch immer die Umgebung, in der sich die Menschen aufhalten. Gastronomen haben das schon lange erkannt. Längst werden Locations bewusst so gestaltet, dass sie sich als möglichst spektakuläre Fotomotive und somit als Werbung eignen.

Batuhan Ergün schreibt für die Kolumne „Durch die Nacht“.
Batuhan Ergün schreibt für die Kolumne „Durch die Nacht“.Ben Kilb

Ich komme mit den beiden Frauen ins Gespräch. Sie seien Anfang zwanzig, angereist aus Köln. Bleiben wollen sie für zwei Tage, erzählen sie.

Wie sie ausgerechnet diesen Ort, versteckt auf einem Parkhausdach, gefunden haben, will ich wissen.

„Tiktok.“

Google zeige ihnen nicht die Informationen an, die sie brauchten. Öffnungszeiten, Preisniveau, der genaue Standort, Bewertungen – alles schön und gut. Auf Tiktok sei es hingegen möglich, unmittelbare Eindrücke aus der Location zu bekommen. Durch Videos – von Menschen, die tatsächlich dort gewesen seien.

Und in der Tat: Tiktok zeigt an, was andere an diesem Ort aus ihrem Abend gemacht haben oder sogar gerade machen. Dabei können die Videos, die so authentisch wirken, auch eine geschönte Realität vorgaukeln. Geschickt fotografiert, kann auch eine fast leere Bar gut besucht aussehen, ein trostloser Ort glamourös wirken. Gelogen ist daran nichts. Gezeigt wird trotzdem nur ein Ausschnitt. Aber der kann Begehrlichkeiten wecken. Auch andere wollen ein Foto an diesem Ort, wollen zeigen, dass sie da waren.

Wie weit das gehen kann, kann man ein paar Straßen weiter beobachten. Rund um das Café Bar Celona am Holzgraben drängen sich hier am Wochenende Autos, oft frisch poliert und teuer, Stoßstange an Stoßstange.  Auf Tiktok wird diese Ecke als Hauptquartier der „Sabr GmbH“ bezeichnet, und wer dort auftaucht, der sucht – dem viralen Trend zufolge – nach seinem „Nasip“.

Für alle, die diese Wörter noch nie gehört haben: „Sabr“ stammt aus dem Arabischen und bedeutet Geduld, unter „Nasip“ versteht man das, was einem vom Schicksal zugedacht ist. Die Person, die hier auftaucht, sucht also, frei interpretiert, nach der Person, die für sie bestimmt sein könnte. Die fiktive „Sabr GmbH“ ist der passende Name für einen Ort, an dem viele hoffen, ihre große Liebe zu treffen – oder zumindest einen Flirt. Ein Foto, aufgenommen an diesem Trendort, reicht zur größten Not auch, um den Abend als Erfolg zu verbuchen.

Das Internet hat aus einer normalen Straßenecke einen deutschlandweit bekannten Dating-Ort gemacht. Ein Tiktok-Trend, dessen Ursprung sich nicht mehr nachvollziehen lässt.

Hier zeigt sich, ähnlich wie auf der Bar auf dem Parkhausdach: Social Media hat die Macht, Trends im Netz zu setzen, eine Stadt zu prägen und zu verändern. Gleich geblieben ist eines: Wer Trends auf ihre Tauglichkeit überprüfen will, der soll sich selbst ein Bild machen – und ausgehen.

Batuhan Ergün schreibt in der Kolumne „Durch die Nacht“ regelmäßig über Beobachtungen und Besonderheiten aus dem Frankfurter Nachtleben. Auf seinem Instagram-Account „nightlifeinfrankfurt“ spricht er mit Vertretern der Szene und der Politik über Themen, die Frankfurt nachts bewegen.