Entwicklungspsychologe: Was es über Kinder verrät, wenn sie Dinosaurier mögen

Stand: 24.09.2026, 20:50 Uhr

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Viele Kinder lieben Dinosaurier. Ein Entwicklungspsychologe erklärt, was hinter der Begeisterung stecken kann.

Frankfurt – Wer kennt sie nicht: die Fünfjährigen, die zum Geburtstag eine Dinosaurier-Torte bekommen und auf deren Kinderzimmerteppich sich ein Ankylosaurus, ein Triceratops und ein Tyrannosaurus rex Gute Nacht sagen. Die Erwachsenen fehlerfrei aufzählen können, welcher Dinosaurier Pflanzen frisst und welcher Federn hat. Die schon alle Naturkundemuseen im Umkreis von 50 Kilometern unsicher gemacht haben und gar nicht genug Schlüsselanhänger in Dinoform haben können. Rund die Hälfte der Kinder entwickelte zu einem bestimmten Zeitpunkt ein starkes konzeptuelles Interesse an Dinosauriern, Fahrzeugen oder einem anderen bestimmten Wissensgebiet, zeigt eine Längsschnittstudie der Indiana University und der University von Wisconsin aus dem Jahr 2007.

Junge spielt mit Dinos

Was hat es zu bedeuten, wenn sich ein Ankylosaurus, ein Triceratops und ein Tyrannosaurus rex im Kinderzimmer tummeln? (Symbolbild) © IMAGO/YAY Images

Was sagt solch ein Interesse über die Intelligenz der Kinder aus? „Gute kognitive Grundlagen wie eine längere Aufmerksamkeitsspanne oder die Fähigkeit, Begriffe einzuordnen und zu benennen, führen eher dazu, dass Kinder ein vertieftes Interesse an Dinosauriern entwickeln – nicht umgekehrt“, sagt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Man kann ein Kind nicht einfach vor Dinosaurier setzen und glauben, es wird dadurch zur nächsten Nobelpreisträgerin“, sagt er. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass intelligente Kinder eine Dino-Obsession entwickeln, sei höher.

Dinosaurier-Obsession bei Kindern: Sprachliche Fähigkeiten als Voraussetzung

Das liege daran, dass Spezialwissen unter anderem gute Sprachkenntnisse voraussetze. Präzise Sprache helfe, neue Dinge einzuordnen. „Sprachliche Fähigkeiten sind die Voraussetzung dafür, dass man sich gerne mit komplizierten Begriffen wie Triceratops oder Diplodocus auseinandersetzt“, sagt Daum, der sich in seiner Forschung mit der sozial-kognitiven Entwicklung von Kindern, insbesondere dem Spracherwerb, beschäftigt. „Wenn Kinder sich Fachbegriffe gut merken und in Kategorien abspeichern können, erleben sie sich als kompetent – und das macht es wahrscheinlicher, dass sie dranbleiben.“ Wenn einem Kind das Nachsprechen solcher Begriffe schwerfalle, fehle eher der Antrieb, sich damit zu beschäftigen.

20 Prozent der Kinder hielten ihr Spezialinteresse über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr aufrecht, so das Ergebnis der amerikanischen Studie. Über einen Zeitraum von zwei Jahren befragten die Forschenden Alexander, Johnson, Leibham und Kelley dafür alle zwei Monate die Eltern von 215 Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren. Sie stellten deutliche Geschlechterunterschiede fest: Während 69 Prozent der Jungen ein Fachinteresse entwickelten, lag der Anteil bei den Mädchen bei 26 Prozent – sie begeisterten sich dafür häufiger für Rollenspiele. „Auch da kann gute Sprachkompetenz enorm hilfreich sein“, sagt Daum.

Die Geschlechtsunterschiede würden natürlich durch die Art, wie wir als Gesellschaft Geschlechterrollen prägen, verstärkt. „Aber es gibt Hinweise darauf, dass auch biologische Faktoren eine Rolle spielen: Interessanterweise zeigen bei Rhesusaffen männliche Jungtiere eine klare Vorliebe für Spielzeug mit Rädern, während weibliche Tiere flexibler sind und sowohl mit Puppen als auch mit Fahrzeugen spielen.“

Entwicklungspsychologe erklärt, warum Kinder Dinos so spannend finden

Das Interesse an solchen konzeptuellen Themen wie Autos, Tieren, Schiffen, Gebäuden, Flugzeugen, Nahrungsmitteln, Filmcharakteren oder eben Dinosauriern entwickelt sich bei Kindern laut Daum sehr früh, schon ab etwa eineinhalb Jahren könnte es auftreten. Warum sind es so oft die Dinos? Weil sie so viele kleine Unterschiede bieten. „Der eine hat einen langen Hals, der andere hat einen kurzen, der hat große Zähne, der hat kleine Zähne, der ist grün, der ist grau, der ist bunt“, sagt der Entwicklungspsychologe der Frankfurter Rundschau. Hinzu kommt, dass sie nicht mehr lebten und Kinder sie nicht mehr im Zoo beobachten könnten. „Die gab es mal, aber das ist schon sehr, sehr lange her. Das ist für uns Erwachsene schon kaum zu verstehen – für Kinder erst recht.“ Außerdem würden sie aussehen „wie Zauberdrachen aus dem Märchen. Das ist ein spannender Bruch zwischen Realität und Fantasie.“

Ein weiterer Faktor sei die „Macht des Wissens“. Üblicherweise wüssten alle Erwachsenen mehr als Kinder. Bei einem Spezialthema kehrt sich das um. „Wenn Kinder plötzlich merken, dass sie mehr über Dinos oder das Weltall wissen als ihre Eltern oder ihre große Schwester, gibt ihnen das einen riesigen Schub für ihr Kompetenzerleben, und das fördert ihr Selbstbewusstsein.“ Fehlt ein Spezialinteresse, sollten sich Eltern keine Sorgen machen. Etwa zwei Drittel der Kinder entwickelten keine solch ausgeprägte Fixierung. „Wichtig ist: Man sollte Kindern keine Interessen aufzwingen, sondern sie nur begleiten und positiv auf die Interessen reagieren, die sie zeigen“, sagt Daum.

Das Interesse für Dinos, Planeten oder Tiefseefische nehme bei den meisten Kindern mit der Zeit ab – besonders, wenn sie in die Schule kommen. „Die Schule bringt andere Aspekte in den Vordergrund, wie Lesen und Schreiben, sowie viele weitere Themen. Dadurch bleibt zeitlich und kognitiv weniger Raum für solche intensiven Spezialinteressen. Es ist eine natürliche Verschiebung“, sagt Daum. Auch würden sie dort auf Gleichaltrige treffen, die das eigene Spezialinteresse oft nicht teilen. „Das dürfte zusätzlichen sozialen Druck erzeugen, sich anzupassen.“ (Quellen: eigene Recherche, Cognitive Development Studie)