Epsteins Insel lag nur eine Stunde entfernt vom Geldwäschezentrum – kein Zufall

Das vergangene Jahrzehnt hat den Amerikanerinnen und Amerikanern einen ungewöhnlich klaren Blick auf lange verborgene Netzwerke der Reichen und Mächtigen verschafft. Von Verschwörungstheoretikern und Boulevardblättern gleichermaßen geliebt, ähnelten die verschwiegenen Systeme, über die Reiche und Berühmte ihre Kontakte pflegen, Gefälligkeiten austauschen und Geld und Einfluss horten, lange einer Art Bigfoot: nur selten gesichtet, kaum je analysiert – und von vielen für reine Fantasie gehalten. Doch in den letzten zehn Jahren ist es, als wäre dieser Bigfoot immer wieder aus dem Wald spaziert und hätte für ein Titelfoto posiert.

Öffentlich über geheime Elitenetzwerke zu sprechen – von den Illuminati bis zur Bilderberg-Gruppe – war früher vor allem eine Sache für Spinner und Antisemiten. Das machte es leicht, alles halbwegs Verschwörerische in denselben Topf zu werfen. Als Hillary Clinton 1998 behauptete, eine „weitreichende rechte Verschwörung“ aus konservativen Medien, Spendern und politischen Strategen sei darauf aus, die Präsidentschaft ihres Mannes Bill Clinton zu beenden, wurde sie dafür belächelt. Der Vorwurf wurde zum Synonym für eine verrückte Idee, mit der kein seriöser Mensch etwas zu tun haben wollte.

Und dann kam Trump

Dann betrat Donald Trump die politische Bühne. Sein Wahlkampf 2016 – in dem er ausgerechnet gegen Hillary Clinton antrat – lenkte den Blick darauf, wie internationale Netzwerke tatsächlich Wahlausgänge zu ihren Gunsten beeinflussen. Während des Wahlkampfs scherzte Trump ungeniert darüber, dass Russland zu seinen Gunsten eingriff („Russland, falls du zuhörst“). In seiner späteren Untersuchung dieser Wahl kam Sonderermittler Robert Mueller zu dem Ergebnis, dass sich die „russische Regierung … in umfassender und systematischer Weise“ eingemischt habe.

Trumps politischer Aufstieg legte auch offen, wie koordiniert „Broligarchen“ – Tech- und Finanzmilliardäre – die Politik in ihrem Sinne formen. Im Wahlkampfzyklus von 2024, der Trumps zweite Präsidentschaft und republikanische Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses brachte, gaben gerade einmal 100 extrem reiche Familien 2,6 Milliarden Dollar aus.

Wie sehr das die Demokratie verzerrt, zeigte sich unübersehbar bei Trumps Amtseinführung: Broligarchen wie Jeff Bezos, Elon Musk und Mark Zuckerberg saßen in der ersten Reihe, während gewählte Abgeordnete in den Hintergrund gedrängt wurden. Sie feierten gemeinsam die zeremonielle Einsetzung der Figur, die sie sich für ein paar hundert Millionen Dollar – eigentlich ein Schnäppchen – gekauft hatten.

Peter Thiel kauft sich einen Vizepräsidenten

Und es geht nicht nur um Trump. Vizepräsident JD Vance wurde von Peter Thiel handverlesen, dem apokalypseversessenen Silicon-Valley-Milliardär und Chef-Broligarchen. Thiel ist außerdem Mitbegründer von „Dialog“, einer seit 20 Jahren bestehenden Gruppierung, die ihre frühere Geschäftsführerin Simone Collins als „exklusive Geheimgesellschaft“ beschreibt.

Die im Juni 2026 durchgesickerte Teilnehmerliste von „Dialog“ enthält amtierende Mitglieder von Trumps Kabinett und des US-Senats – darunter sowohl den Demokraten Cory Booker als auch den Republikaner Ted Cruz – sowie ehemalige Staatschefs, Medienfiguren und Wirtschaftsbosse aus aller Welt. Die Philosophie hinter dieser Liste brachte der Ehemann von Collins auf den Punkt: Es gehe um die „vielleicht 100 bis 500 Familien weltweit“, denen „die Zukunft unserer Spezies“ gehöre.

Während sich das alles abspielte, bekam die Welt auch einen Einblick in das geheime Offshore-System, mit dem diese Eliten ihr riesiges Vermögen vor dem Fiskus – und vor der Rechtsstaatlichkeit im Allgemeinen – verstecken. Im April 2016 deckten die sogenannten Panama Papers mehr als 11,5 Millionen Finanz- und Rechtsdokumente der Superreichen weltweit auf. Danach gab es weitere Leaks: die Paradise Papers 2017 und die Pandora Papers 2021.

Doch auf all diese Enthüllungen folgte keine echte Aufarbeitung, geschweige denn eine grundlegende Reform des Systems. Es gab kaum Anklagen, erst recht keine Verurteilungen der Beteiligten, die das Offshore-System missbraucht hatten.

Regeln? Die gelten nur für die anderen

Das bestärkt das Gefühl der Straflosigkeit, das diese Elitenetzwerke ausmacht. Die Superreichen sind sich ihrer Immunität gegenüber rechtlichen oder sozialen Konsequenzen inzwischen so sicher, dass sie die frühere Diskretion zunehmend über Bord werfen. Diese hochprivilegierten Personen – Trump als Paradebeispiel – gewinnen bei ihren Standesgenossen an Ansehen, wenn sie öffentlich prahlen: „Ätsch, mich kriegt ihr nicht.“

Das Musterbeispiel dafür ist der verstorbene Jeffrey Epstein, langjähriger Freund von Trump und Architekt eines der wohl verachtenswertesten Elitenetzwerke der Geschichte. Zu Epsteins Netzwerk zählten europäische und arabische Königshäuser, amerikanische Größen aus Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft (ja, auch du, Noam Chomsky) und eine lange Liste von Vorstandschefs, nicht zuletzt aus der Tech-Branche.

Über Epstein tauschten diese Personen Gefälligkeiten, Geld, Ratschläge und sogar Staatsgeheimnisse aus. Um den Wert seines Netzwerks weiter zu steigern, knüpfte Epstein zudem Beziehungen zu Institutionen, auf die die Gesellschaft angewiesen ist – von Banken über Krankenhäuser bis zu Universitäten und Buchverlagen.

Für Jahrzehnte operierte Epstein im Schatten

2008 entging Epstein einer Bundesanklage wegen sexuellen Menschenhandels, die ihn für Jahrzehnte ins Gefängnis hätte bringen können. Stattdessen wurde er zu nur 13 Monaten im Gefängnis von Palm Beach County verurteilt – wegen der Anwerbung einer Minderjährigen zur Prostitution. Keine vier Monate nach Haftbeginn erhielt er die Erlaubnis, im Rahmen eines „Arbeitsfreigang“-Programms bis zu 16 Stunden täglich, sechs Tage die Woche, die Zelle zu verlassen. Dazu zählten bis zu zwei Stunden pro Tag in genau jener Villa in Palm Beach, in der er die ihm vorgeworfenen Verbrechen begangen haben soll. Wenn er im Gefängnis war, blieb seine Zellentür unverschlossen.

Nach dieser Farce einer Strafe kehrte Epstein mehr oder weniger in sein altes Leben zurück – sein Netzwerk blieb weitgehend intakt. Tatsächlich wuchs es sogar: Broligarchen wie Musk und Bill Gates freundeten sich erst nach Epsteins Verurteilung mit ihm an. Musk bat wiederholt um Einladungen zu den „wildesten“ Partys auf Epsteins Privatinsel.

Jahrzehntelang operierte Epstein im Schatten. Doch als er schließlich ins Rampenlicht rückte – nicht zuletzt wegen seiner Verbindung zu Trump –, erfuhr er eine Straflosigkeit, die die Elite ebenso beeindruckte, wie sie den Rest von uns schockierte. UN-Sonderberichterstatter beschrieben das von ihm aufgebaute System als ein „globales kriminelles Unternehmen“, das Gräueltaten begangen habe, die „vernünftigerweise die rechtliche Schwelle für Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ erreichen könnten. Für Epsteins Netzwerk war seine Fähigkeit, damit durchzukommen, offenbar der ultimative Beweis für Macht.

Die Männer um Epstein herum blieben in der Mehrheit unbeschadet

Wenig überraschend blieben die meisten, die nach Epsteins Verurteilung 2008 weiterhin mit ihm verkehrten, weitgehend unbeschadet. Ein paar mächtige Männer, wie der emiratische Geschäftsmann Sultan Ahmed bin Sulayem, mussten ihren Job aufgeben. Dem Briten Andrew Mountbatten-Windsor – früher als Prinz Andrew bekannt – wurde sein königlicher Titel entzogen. Der Harvard-Ökonom und frühere US-Finanzminister Larry Summers, dessen umfangreicher Briefwechsel mit Epstein einen Tag vor dessen erneuter Verhaftung durch Bundesbehörden endete, trat von seinen Lehrtätigkeiten und seiner Universitätsprofessur zurück.

Doch die meisten der Verstrickten behielten ihr Vermögen, ihre Positionen und ihre Ehrenämter. Der ehemalige Victoria’s-Secret-Chef Les Wexner ist weiterhin Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, und seine Stiftung The Wexner Foundation – mit ihrer scheinbar unironischen Initiative für „Gender Safety, Respect and Equity“ – arbeitet unbeirrt weiter. Jes Staley wurde von Barclays als Vorstandschef entlassen, musste aber keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. Musk wiederum wurde zum ersten Billionär der Welt.

Viele dürften überrascht sein zu erfahren, dass Epstein, der keinen Universitätsabschluss besaß, sich als „Finanzarzt“ für Milliardäre bezeichnete und sie in sogenannten „Steueroptimierungsstrategien“ beriet. Doch als Soziologin, die seit knapp 20 Jahren genau solche Strategien und die Menschen, die sie entwickeln, erforscht, überrascht mich das nicht im Geringsten. Die meisten Vermögensverwalter sind zwar hochintelligente, gebildete Menschen – doch viele von ihnen teilen mit Epstein einen ziemlich lockeren Umgang mit sozialen Normen und dem Rechtsstaat.

Die Epstein-Geschichte ist zugleich eine Geschichte des Offshore-Finanzwesens

Die Epstein-Geschichte ist in vielerlei Hinsicht auch eine Geschichte des Offshore-Finanzwesens. Es geht nicht nur darum, dass Epstein mit den Einnahmen aus seinem Steuervermeidungsgeschäft eine Karibikinsel mitten im Offshore-Finanzgebiet kaufte. (Little Saint James liegt 13,6 Seemeilen – rund eine Stunde mit dem Boot – von den Britischen Jungferninseln entfernt, einem globalen Zentrum für schmutziges Geld und Finanzkriminalität.) Es geht auch nicht nur darum, dass Epstein örtliche Behörden dafür bezahlte, bei Hinweisen auf kriminelle Machenschaften wegzuschauen – ein klassischer Offshore-Trick.

Das Offshore-Finanzsystem steht für den selektiven Rückzug einer privilegierten Minderheit aus der Rechtsstaatlichkeit – ohne dass diese dabei auf deren Vorteile verzichten müsste, etwa den Schutz ihrer Eigentumsrechte und Verträge. Etwas für nichts bekommen, das ist der Name des Spiels. Wie ich es einmal in einem Essay über Trumps jahrzehntelange Steuerhinterziehung formulierte: Es ist wie ein „Dine and Dash“ – sie schlagen sich den Bauch voll und lassen den Rest von uns die Rechnung für den Erhalt jener Gesellschaft zahlen, die sie überhaupt erst reich gemacht hat.

Epstein und die Ansammlung von Vorstandschefs, Prominenten und Staatsoberhäuptern, die in den Panama Papers und anderen Offshore-Leaks auftauchen, stehen für eine dramatische und endgültige Aufkündigung des jahrhundertealten Gesellschaftsvertrags: Eliten wurden geduldet im Austausch für noblesse oblige – die Verpflichtung, Reichtum und Macht für das Gemeinwohl einzusetzen und als Sicherheitsnetz für Staaten in der Krise zu dienen. So war es bei den Medici, der italienischen Bank- und Politikdynastie des 15. Jahrhunderts, und bei J. P. Morgan, dem Titanen des Gilded Age, der 1895 die fast bankrotte US-Regierung rettete und seine Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Statt „Adel verpflichtet“ gibt es nur noch „Jeder für sich“

Diese Zeiten sind vorbei. Heute versuchen Eliten weltweit, sich gegenseitig mit protzigen Akten „sezessionistischen Wohlstands“ zu überbieten. Sie verlagern ihr Vermögen offshore, außer Reichweite des Gesetzes (wie es sanktionierte russische Oligarchen mit ihren Konten und Superjachten tun), und sie entfernen sich zunehmend von einem sterbenden Planeten – sei es durch den Kauf von Privatinseln, die Gründung eigener Länder oder die Besiedlung des Weltraums.

Nicht zufrieden damit, die demokratische Ordnung zu zerstören, die ihnen erst zu ihrem beispiellosen Reichtum und ihrer Macht verholfen hat, scheinen sie entschlossen, auch alles andere mit sich zu reißen – Universitäten, Kunst, Wissenschaft, öffentliche Gesundheit, Medien, den Wohnungsmarkt, den Arbeitsmarkt und die Luft, das Wasser und die Nahrungsmittel, die uns alle am Leben halten. Sie nehmen sich, was sie wollen, gegen unseren Willen, und werfen den Rest weg – genau wie Epstein es mit seinen Opfern tat.

Das ist die Folge, wenn beispielloser Reichtumsaufbau auf zügellose Vermögenskonzentration trifft. Und es ist einer der Gründe, warum die Institutionen, die für die Besteuerung zuständig sind, in demokratischen Gesellschaften gut finanziert und geschützt werden sollten – statt verteufelt zu werden. Der viel gescholtene „Fiskus“ ist ein Bollwerk gegen genau jene Art von Staatskapitalisierung und gesellschaftlichem Kollaps, wie wir sie derzeit in den USA erleben.