„Er war auf Vernichtung aus“: Urteil gegen Attentäter aus der Seidlstraße steht bevor
Stand: 05.08.2026, 19:01 Uhr
Kommentare

Nach 33 Verhandlungstagen fällt am morgigen Donnerstag das Urteil gegen Farhad N. (25). Die Bundesanwaltschaft fordert lebenslang wegen zweifachen Mordes und 22-fachen versuchten Mordes.
München – Erst zwei Jahre alt war die kleine Hafsa, als sie ihr Leben ließ. Auch ihre Mutter Amel (37) starb am 13. Februar 2025. Totgerast in der Seidlstraße. Von Farhad N. (25), der mit seinem Mini-Cooper in eine Verdi-Demonstration gefahren war. Mehr als 40 Menschen wurden vor Ort verletzt, viele davon schwer.
Auto rast in Menschenmenge: zwei Tote und 44 Verletzte bei Terroranschlag in München
Es sind diese dunklen Tage, die sich ins kollektive Gedächtnis der Stadt einbrennen. An die sich München Jahrzehnte später noch erinnern wird. Wie das Oktoberfest-Attentat 1980 – oder der rechtsradikal motivierten Anschlag 2016 am Olympia-Einkaufszentrum.

Nach dem Terror bleiben die Bilder. Wie der demolierte Mini Cooper auf der Seidlstraße steht. Gebremst durch menschliche Körper – eine Anhäufung von Verletzten, die Motorhaube zeigt gen Himmel. Gellende Schreie hallen durch die Maxvorstadt. Wer unverletzt blieb, zieht die Opfer unter dem Auto raus. Der Mini Cooper wackelt, als Bürger an ihm rütteln. Sie wollen den Fahrer rausholen und zur Verantwortung ziehen. Voller Wut und Entsetzen. Von dieser Szene berichten später Zeugen beim Prozess am Oberlandesgericht.
Bislang 33 Verhandlungstage im Terrorprozess: Zeuge durchlebten tiefe Trauer
Seit Januar läuft das Terror-Verfahren gegen Farhad N.: 33 einzelne Tage hat Richter Michael Höhne verhandelt. Heute steht nun das Urteil bevor. Doch die Bilder werden nicht verblassen, diese Bilder vor dem inneren Auge der Zeugen. Wie der Kinderwagen platt auf dem Asphalt lag. Menschen, deren Beine sich im Radkasten verfingen. Tränen fließen vor Gericht, als Zeugen und Betroffene davon berichten. Vergessen: Das ist bei solchen Erlebnissen kaum möglich.

Dominik Krause, im Februar noch zweiter Bürgermeister, sprach den Familien der Opfer und den Verletzten Trost zu. Zur Gedenkfeier ein Jahr nach dem Attentat kamen Hunderte Münchner – damit nicht vergessen wird, welches Leid geschah. Eine lebenslange Haftstrafe fordert die Bundesanwaltschaft für Todesfahrer Farhad N.: wegen zweifachen Mordes und 22-fachen versuchten Mordes.
Attentäter Farhad N. war „auf die Vernichtung von Menschenleben“ aus gewesen
Er sei „auf die Vernichtung von Menschenleben“ aus gewesen, sagten die Ankläger. Sie gehen von islamistischem Terrorismus als Tatmotiv aus. Verteidiger Johann Bund und Ömer Sahinci forderten dagegen 15 Jahre Haft und die Unterbringung in einer psychiatrischen Fachklinik. Eine verminderte Schuldfähigkeit schließen sie aus. Denn auch für die Strafverteidiger gibt es keine Zweifel: „Er hat diese Tat begangen“, sagte Bund. Ein Unfall? Das komme nicht in Betracht. „Das war kein Versehen.“

Farhad N. droht jahrzehntelang Knast. Doch im Terror-Prozess blieb der gebürtige Afghane ein Rätsel. Er wirkte oft unbeteiligt – als ginge es nicht um ihn, der etlichen Familien großes Leid zugefügt hatte. Dazu stundenlange nervöse Ticks, gänzlich fehlende Emotionen. Auch die letzten Worte, die er vor Gericht sprechen durfte, irritierten: „Danke für alles, dankeschön“, sagte Farhad N.
Über sein Schicksal wird nun Michael Höhne richten. Jahrzehntelang führte er Prozesse gegen Mörder und zuletzt auch Terroristen. Für den Richter ist es der letzte große Fall. Er geht dann in Pension.