Er will erster CDU-Landrat im Landkreis Kassel werden – „Trete an, um die Wahl zu gewinnen“

Stand: 21.10.2026, 08:00 Uhr

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Kreis Kassel, Landratswahl, Kandidat Michael Aufenanger (CDU) im Hinterzimmer des Kassel Marathon Büros an der Holländischen Straße in Kassel, Porträt, Porträtfoto

In seinem Büro in Kassel: Marathon-Chef Michael Aufenanger. Der 49-Jährige aus Ahnatal will Nachfolger von Andreas Siebert (SPD) werden. © Foto: Clemens Herwig

Michael Aufenanger tritt am 7. März gegen den SPD-Kandidaten an. Bei einer Niederlage will er seinen Parteivorsitz dennoch behalten – unter einer Bedingung nicht.

Kreis Kassel – Michael Aufenanger will am 7. März der erste CDU-Landrat des Landkreises Kassel werden. Zum Interview hat der Chef des Kassel-Marathons in sein Büro in der Kasseler Nordstadt geladen. Der 49-Jährige macht es sich zwischen Aktenordnern und Schubladen voller Marathon-Utensilien auf einer Couch bequem. Hinter ihm hängen Medaillen, auf der Lehne sitzt gleich zweimal Stoff-Maskottchen Winnie, ein Emu, wie er den Redakteuren erklärt, die beim Bestimmen australischer Laufvögel nicht gerade sattelfest sind. Hund Holly rennt aufgeregt von links nach rechts. Los geht’s.

Herr Aufenanger, Ihre Kandidatur läuft unter dem Motto „Neue Kraft für unseren Landkreis“. Zur Wahrheit gehört aber auch: Sie sind seit 1999 im politischen Geschäft, seit 2018 Parteichef. Was an Ihrer Kandidatur ist neu?

Ja, ich bin schon lange in der Politik, das stimmt. Neu ist, dass ich als Person für das Amt kandidiere. Jetzt ist die Zeit gekommen, Verantwortung zu übernehmen und selbst zu gestalten. Das hat die CDU in den letzten 25 Jahren, die ich jetzt dem Kreistag angehöre, nicht machen können.

Sie wollten 2021 und 2025 in den Bundestag, scheiterten erst an Timon Gremmels (SPD), dann parteiintern an Maik Behschad aus dem Kreisverband Kassel-Stadt. Bei der Kommunalwahl waren Sie Spitzenkandidat, haben dann auch den Fraktionssitz übernommen. Warum wollen Sie mehr?

Ich brenne einfach dafür, Politik zu machen. Mich reizt es, Verantwortung zu übernehmen. Das habe ich als Bürgermeister zwölf Jahre lang getan. Deshalb ist die Kandidatur als Landrat für mich die logische Konsequenz und für den Landkreis eine große Chance.

Birgt Ihre Kandidatur nicht auch die Gefahr, dass im Falle einer Niederlage Ihre Position in diesen beiden wichtigen Ämtern geschwächt wird?

Darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. Bei so einer Kandidatur gibt es grundsätzlich so viele Einflussfaktoren, die beim Ergebnis eine Rolle spielen, sodass ein Nicht-Gewinnen für mich kein Problem wäre. Es sei denn, es wird ein Ergebnis, bei dem man sagen würde: „Was hat er denn da gemacht?“

Wann wäre das der Fall?

Das definiert sich stark am Potenzial der politischen Ausrichtung.

Das hieße bei Ihnen was?

Ich habe den Anspruch, ein Ergebnis zu erzielen, das deutlich über dem bisherigen Wählerpotenzial der CDU liegt. Schließlich trete ich an, um diese Wahl zu gewinnen.

Würden Sie dann Parteivorsitzender bleiben?

Nein. Das ist für mich eine Frage der Unabhängigkeit und des Zeichens, das den Menschen und anderen Parteien signalisiert: Ich bin für Euch da und nicht für meine Partei. Bei der SPD erleben wir ja das Gegenbeispiel. Da sind der derzeitige Landrat und die derzeitige Erste Kreisbeigeordnete die Parteivorsitzenden.

Der Kassel-Marathon ist untrennbar mit dem Namen Aufenanger verbunden. Wer übernimmt die Aufgabe, wenn der neue Landrat Aufenanger heißt?

Im Fall der Fälle werden wir, mein sensationelles Team und ich, eine Lösung finden, ohne dass ich jetzt hier Namen nennen möchte. Was ich Ihnen aber garantieren kann: Mit dem Marathon wird’s weitergehen, egal was passiert.

Was können die Wähler von Ihnen erwarten?

Große Wahlversprechen, die Geld kosten, werden Sie von mir nicht hören. Das Geld haben wir nämlich nicht. Auch wenn das für den Bürger nicht immer ganz so wichtig ist, gehört zu meinen Kernthemen die Frage, wie wir finanziell handlungsfähig bleiben.

Was ist Ihnen noch wichtig?

Ich möchte als Landrat die Frage stellen: Wo können wir bei den Besten dabei sein? In den letzten Jahren haben wir oft die Feststellung gemacht, dass wir nicht an der Spitze der Bewegung stehen. Da wird es auch darum gehen, mal kreative Wege zu gehen, echte Pilotprojekte anzustoßen, und zwar praktisch in allen Bereichen, die einen Landkreis betreffen.

Könnten Sie uns ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Oder ich erinnere an die Bezahlkarte für Flüchtlinge.

CDU und AfD hatten 2024 im Kreistag auf eine zügige Einführung der Bezahlkarte gedrängt und dafür geworben, in Hessen eine Vorreiterrolle zu übernehmen, aber keine Mehrheit dafür bekommen.

Genau. Wir waren dann sogar die Letzten, die das umgesetzt haben. Machen wir uns nichts vor: Niemand, der gewählt wird, kann die strukturellen Rahmenprobleme unseres Landes lösen. Wir können aber im Einzelnen ansetzen, können schauen, wo wir Defizite haben, diese reduzieren, vielleicht sogar abbauen und dann den Landkreis so aufstellen, dass wir im Vergleich mit anderen ganz oben mit dabei sind. Das ist mein Anspruch.

Für solche Pilotprojekte werben müssten Sie in einem Kreistag ohne Hausmacht, ohne Koalition im Rücken.

Das stimmt. Mehrheiten hat aber momentan keiner. Ein Kernthema für mich als Landrat wäre deshalb neben der Führung der Verwaltung auch das Organisieren von Mehrheiten. Ich würde Gespräche führen und schauen, welche Wege es gibt, um zum Ziel zu kommen. Für mich gilt: Wenn es eine politische Entscheidung gibt, dann setzen wir die um.

Die CDU fordert eine effizientere Kreisverwaltung. Das ist leichter von der Oppositionsbank und schwerer, wenn man plötzlich selbst Chef von 1600 Menschen ist. Wie soll das klappen?

Ich kenne viele Problemstellungen, ich kenne aber nicht im Detail die Ursache für jedes Problem. Das ist von außen schwer zu beurteilen. Wenn ich aber sehe, dass permanent neue Stellen geschaffen und diese Stellen, nicht wieder reduziert werden, wenn es die Aufgaben nicht mehr gibt, dann weiß ich, dass es da ein Hebe-Potenzial gibt. Das gelingt aber nur mit vielen Gesprächen und vielen Verbündeten. Wer in einer so großen Behörde nicht die Menschen mitnimmt, hat verloren. Mit dem Dampfhammer draufhauen, ist nicht meine Art. Ich bin Teamplayer, auch über Parteigrenzen hinweg. Also müssen wir uns zusammensetzen, Dinge analysieren und an das rangehen, was falsch läuft.

Auch bei Kai Georg Bachmann war im HNA-Interview herauszulesen, dass die Verwaltung effizienter werden müsse. Ist der SPD-Kandidat („Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“) aus CDU-Sicht der denkbar ungünstigste Gegenkandidat? Angelt die SPD mit einem wohlschmeckenden Köder in konservativen Teichen?

Es gibt einen Kandidaten, der eine gewisse Expertise hat, auch in Bereichen, die für uns sehr interessant sind. Ich freue mich auch auf die Herausforderung. Nachher wird es aus meiner Sicht aber vor allem um die Frage gehen: Will man wirklich eine Veränderung? Und das auch in der Grundausrichtung?

Was erwarten Sie für einen Wahlkampf?

Einen fairen Wahlkampf. Ich konzentriere mich dabei auf mich selbst. Ich möchte viele Menschen erreichen und mobilisieren, mit ihnen Gespräche führen und neue Perspektiven einnehmen, in Baunatal genauso wie in Bad Karlshafen.

Kaum eine politische Metapher musste zuletzt so oft eine Feuerprobe bestehen wie die Brandmauer der CDU zur AfD. Wie fest steht diese Mauer noch?

Beschlusslage der CDU ist, dass es keine Kooperation geben soll, also weder detaillierte Absprachen, noch strukturiertes Handeln miteinander. Die Diskussion hatten wir ja in der letzten Kreistagssitzung…

.. als die Linken der Meinung waren, die Mauer sei nun endgültig eingestürzt, als ein CDU-Antrag mit Mehrheit der AfD angenommen wurde…

Ja, aber das hat nichts mit der Brandmauer zu tun. Wir können doch unsere Anträge nicht zurückziehen, nur weil es eine Mehrheit mit der AfD geben könnte. Das kann man in einer Demokratie nicht verhindern und wäre auch gar nicht machbar. Für mich ist klar, dass es keine Kooperation und keine Zusammenarbeit mit der AfD geben wird. Ich bin davon überzeugt, dass das auch die absolute Mehrheit in der CDU so sieht.

Ein Ziel der AfD besteht darin, Ihre Partei zu zerstören. Machen Sie sich angesichts der jüngsten Wahlerfolge im Osten Sorgen?

Natürlich. Sehr große sogar. Deshalb müssen wir schnellstmöglich die Menschen erreichen, die AfD wählen, und ihnen klarmachen, dass die AfD eben keine Alternative ist. Aufgabe der CDU ist es, diese Wähler wieder für demokratische Politik zu gewinnen. Das gelingt uns momentan nicht. Und deswegen mache ich mir um unsere Demokratie, um die CDU, aber auch um die anderen Parteien Sorgen. Wir müssen zusehen, dass jeder ein klares Profil hat, nicht die anderen persönlich beschädigt und sich im politischen Wettstreit auf sich konzentriert. Es geht nicht darum, was die AfD macht. Es geht darum, Politik für die Menschen zu machen.

Michael Aufenanger (49) ist organisatorischer Leiter des Kassel-Marathons. Er hat an der Verwaltungsfachhochschule studiert, beim Polizeipräsidium Nordhessen sowie beim Regierungspräsidium Kassel gearbeitet. Von 2009 bis 2021 war er Bürgermeister in Ahnatal. Der KSV-Hessen-Kassel-Fan ist CDU-Kreisvorsitzender und Chef der Kreistagsfraktion. Aufenanger ist verheiratet, hat drei Töchter, eine Hündin und lebt in Ahnatal.