Erich Kästner in Ortenberg: Schauspieler führt durch Kosmos des Dichters

Stand: 26.09.2026, 18:00 Uhr

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Satirisch, melancholisch, pazifistisch – Edgar M. Böhlke nimmt die Zuhörer quer durch den Kästner-Kosmos mit.

Satirisch, melancholisch, pazifistisch – Edgar M. Böhlke nimmt die Zuhörer quer durch den Kästner-Kosmos mit. © Elfriede Maresch

Edgar M. Böhlke las im Karo-Keller Texte von Erich Kästner – von bissiger Satire bis zur leisen Tragödie. Klarinettist Roman Kuperschmidt begleitete ihn mit Eigenkompositionen und Klezmer-Klängen.

Ortenberg – Erich Kästner konnte witzig, bissig und zugleich melancholisch sein. Beim Abend „Der Mensch ist gut“ im Karo-Keller in Ortenberg nahm Schauspieler Edgar M. Böhlke das Publikum mit durch den Kästner-Kosmos, musikalisch begleitet von Klarinettist Roman Kuperschmidt.

Wieder hatten die Kulturfreunde Galerie am Alten Markt Ortenberg zu einer literarisch-musikalischen Begegnung eingeladen. Die Vorsitzende Dörte Herrler konnte im gut besetzten Karo-Keller den Schauspieler und Literaturkenner Edgar M. Böhlke und den Klarinettisten Roman Kuperschmidt begrüßen.

Die Kulturfreunde verbindet schon eine längere gute Zusammenarbeit mit Böhlke, der zu den Mittelhessen-Botschaftern gehört. So stellte er auf ihre Einladung zu früheren Terminen Klabund, Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler vor, dazu unter dem Titel „Vorhang auf“ seine Erfahrungen aus 50 Jahren Schauspieltätigkeit auf deutschen Bühnen. International tätig ist der in Russland geborene Kuperschmidt. Als Zwölfjähriger spielte er sein erstes Solokonzert mit der russischen Staatsphilharmonie in Kasan. Als Solist und Kammermusiker jetzt viel gefragt, brachte er im Karo-Keller Eigenkompositionen und Improvisationen zu Gehör, oft ein wenig von Klezmermusik inspiriert. Zur musikalischen Vertiefung der gelesenen Texte trafen Kuperschmidts Melodien die Kästnersche Balance zwischen Illusionslosigkeit, Lust an Pointen und Melancholie.

Schwarzer Humor und leise Tragödien

Mit der Einleitung des Buches „Pünktchen und Anton“ schilderte Kästner selbstironisch seine Arbeitsweise: Aus einem „Kästchen gesammelter Merkwürdigkeiten“ entwickle sich – hokuspokus – ein Buch. Es sei nicht wichtig, dass Geschichten wirklich passiert seien, sondern dass sie „wahr“, das heißt stimmig, seien. Böhlke las eine Episode desselben Kinderbuches: Direktor Pogge, wohlhabend, aber kaum zu Hause, findet seine kleine Tochter Pünktchen in der Pose eines armen Mädchens, das jämmerlich darum bettelt, Streichhölzer abzukaufen, und übertrifft an Elend noch Andersens „Kleines Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Im Lauf der Handlung wird deutlich, dass nur Pünktchens Mut, Gewitztheit und die Freundschaft mit Anton sie davon abhalten, ein wohlstandsverwahrlostes Kind zu sein.

Böhlke unterstrich den bitterbösen schwarzen Humor von Kästners Satire „Hunger ist heilbar“. Ein geschwächter Mann kommt ins Krankenhaus. Die Ärzte rätseln herum, nehmen das eine oder andere Organ heraus. Der Patient wird immer elender, bis dem Chefarzt der Groschen fällt: „Der Mann hat Hunger!“ Dem ließe sich ja abhelfen, aber leider ist der Patient inzwischen tot! Ein ähnliches, scheinbar alltägliches Gedicht „Statt einer Ballade, Kurt Schmidt“ entpuppte sich als leise Tragödie, von Böhlke eindringlich vorgetragen und von Kuperschmidt mit dem resignativen Song „Der Mensch lebt durch den Kopf …“ aus Brechts „Dreigroschenoper“ vertieft.

Geschickt verband der Sprecher Biografieabschnitte des 1899 geborenen Autors mit dessen Texten. So zeigte ein Abschnitt aus „Als ich noch ein kleiner Junge war“ die Einkaufsrunde des Kindes vor der Schule. Beide Eltern mussten arbeiten, um über die Runden zu kommen. Dass der Junge nach Kräften mithalf, war selbstverständlich. Kindern gilt Kästners Sympathie, es hatte Grund, dass seine Kinderbücher so erfolgreich waren. Böhlke las einen Abschnitt aus „Emil und die Detektive“, in dem der Junge, der im Zug bestohlen wurde, sich ohne Geld in Berlin zurechtfinden muss – „… und die Stadt war so groß und Emil war so klein …“

Sozialkritiker mit scharfem Blick

Blutjung wurde Kästner in den Ersten Weltkrieg geschickt, diese Erfahrung machte ihn zum leidenschaftlichen Kriegsgegner. Erschütternd ist sein Gedicht „Verdun, viele Jahre später“, das Böhlke verhalten-eindringlich sprach: „… Zwischen Ähren, gelben Blumen, zwischen Unterholz und Farnen/ greifen Hände aus dem Boden, um die Lebenden zu warnen …“ Die Notzeiten der 1920er Jahre, die Kästner als Journalist und Publizist in Berlin erlebte, machten ihn zum Sozialkritiker mit scharfem Blick. Über den aufkommenden Nationalsozialismus machte er sich keine Illusionen: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine wird.“

Melancholisch im Gedicht „Eine Mutter zieht Bilanz“, mit nostalgischem Wunsch nach Jugend („Die Existenz im Wiederholungsfalle“), mit böser Satire gegen versnobte Neureiche („Maskenball im Hochgebirge“) oder abstrus („Die Staubsaugerballade“) – Böhlke nahm durch den Kästner-Kosmos mit, in dem er sich bestens auskennt. Er bekannte sich zu Lampenfieber vor dem Programm und Bedauern am Ende und fragte lächelnd: „Vielleicht noch eine kleine Zugabe?“ Mit „Ja!“-Rufen und Applaus stimmte das Publikum zu.