Erst Gewitter, dann Gold! Springreiter sind nach Nervenschlacht Weltmeister

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Die letzten Blitze am Himmel hatten schon lange vorher ihre Kraft entladen, da kam der Donner zurück in die Soers. Die letzte Galoppade von Otello, Daniel Deußer hat den WM-Titel vor den Augen. Der 15. Sprung – genommen. Erstes siegessicheres Raunen im Publikum. Der 16. – auch geglückt. Die Vorstufe der Ekstase, es kommt noch ein Oxer. Aber Gold ist den deutschen Springreitern damit nicht mehr zu nehmen. Etwas abseits liegen sich Sophie Hinners, Marcus Ehning, Richard Vogel und Bundestrainer Otto Becker nach der Nervenschlacht bereits in den Armen. 40.000 Zuschauer in Aachen sind nach dem finalen Sprung ins Glück aus dem Häuschen. Das Flutlicht scheint für alle an diesem Freitagabend – für das deutsche Reiter-Quartett und seine Erfolgspferde aber in diesem Augenblick umso heller. Ovationen für die Champions.

Ehnings Versöhnung mit Aachen

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Besonders für Marcus Ehning ist das Team-Gold eine Versöhnung mit der Soers. Bei der WM vor 20 Jahren galoppierte er mit Küchengirl als Weltranglistenerster durch den Parcours. Auf die Briefmarke genau saß jeder Absprung – doch eine Mauer aus Kunststoffblöcken, designt wie ein Postwertzeichen, war der erst neun Jahre alten Stute plötzlich suspekt. Küchengirl verweigerte. Es blieb Bronze fürs Reiter-Quartett, doch Ehning nahm trotz der Reizüberflutung für sein Pferd in der imposanten Aachener Atmosphäre alle Schuld auf sich: „Mein Pferd war so was von in Form, aber ich war total übermotiviert.“ Immerhin: Vier Jahre später ritt das Duo zum bislang letzten WM-Gold mit der Equipe.

Reit-WM Aachen

Jedes Hindernis genommen: WM-Debütantin Sophie Hinners auf Singclair.© Rolf Vennenbernd/dpa | Rolf Vennenbernd

„Ich glaube, diese Erfahrung damals hat Marcus nur stärker gemacht“, sagt Bundestrainer Otto Becker, der die Gelassenheit und Übersicht des 52-Jährigen schätzt. Eben Coolio. So heißt Ehnings Hollsteiner Wallach, und bis auf einmal, als ein Balken bedenklich wackelt, aber nicht fällt, macht Coolio seinem Namen alle Ehre. „Ich bin fasziniert von meinem Pferd“, ringt Ehning um Worte. Eine erstaunliche Leistung von beiden – bedenkt man, dass sich Ehning am letzten Heiligabend beim Skifahren das Kreuzband riss und die WM in weite Ferne zu rücken schien. Die angedrohte halbjährige Pause „war ein Riesenschock“, doch nach der Operation in der Schweiz „bin ich am Tag danach nach Hause gefahren und konnte am zweiten Tag wieder laufen“. Im Frühjahr stieg er wieder in den Sattel, nun bescherte ihm sein Wallach das zweite WM-Gold. Ehning: „Es fühlt sich mega an. Aber ohne Glück kann man nichts abkriegen.“

Jubel im Aachener Stadion: Isabell Werth und ihre Rappstute Wendy sichern sich bei den Weltmeisterschaften Bronze. Die Rekord-Dressurreiterin begeistert das Publikum mit ihrem Auftritt.© FEI World Championschips 2026 Aachen

Traum-Debüt, Traum-Comeback

Das dachte sich auch Ehnings 24 Jahre jüngere Kollegin. Was für ein WM-Debüt von Sophie Hinners. Jederzeit die Kontrolle, lediglich ein sorgenvolles „Ohhh“ der Reiterin während der 14 Hindernisse – am Ende Streicheleinheiten auf dem bronzefarbenen Hals der Wallach-Schönheit Singclair. Sophie Hinners ist erst die dritte deutsche Mannschaftsweltmeisterin. 2010 bei den Weltreiterspielen in Lexington holten Meredith Michaels-Beerbaum (auf Checkmate) und Janne Friederike Meyer (auf Lambrasco) mit Marcus Ehning und Carsten-Otto Nagel WM-Gold. 1994 in Den Haag und 1998 in Rom saßen bei den vorangegangenen Equipe-Triumphen ausschließlich Männer in den Sätteln der Erfolgspferde. „Ein Phänomen“ nennt US-Olympiasiegerin Laura Kraut ihre äußerst talentierte Kollegin.

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Damit war klar: Richard Vogel liefert das Streichergebnis in diesem Nationenpreis. Auch der Edeljoker, dessen abschließender Umlauf durch die drei vorangegangenen Traumritte zur Makulatur wurde, lobt die Hessin in höchsten Tönen: „Das ist abnormal. Sophie ist eine Ausnahmereiterin. Wie sie hier alles auf den Punkt bringt, ist gewaltig.“ Wenige Wochen vor der WM beendeten Hinners und Vogel ihre private Beziehung – als Geschäftspartner (sie betreiben mit David Will in Pfungstadt einen Sport- und Ausbildungsstall) und Teamkollegen funktionieren sie einwandfrei. „Ich habe das Gefühl, dass wir uns super verstehen, super respektvoll miteinander umgehen“, sagte Hinners vor der WM. „Ich würde vielleicht sogar sagen, dass wir aktuell noch besser zusammenarbeiten können.“ Auch Vogel betont: „Wir sind immer noch sehr gut befreundet und haben ein sehr, sehr gutes Arbeitsverhältnis.“ Man sieht es in Aachen.

Sonntag noch eine Medaille?

Marcus Ehning reißt beide Arme hoch für die beiden Nullrunden, die da noch kommen: Deutschlands Springreiter sind Weltmeister.

Marcus Ehning reißt beide Arme hoch für die beiden Nullrunden, die da noch kommen: Deutschlands Springreiter sind Weltmeister.© Imago | Lundahl

Somit war es Daniel Deußer vorbehalten, das Gold bereits durchs Ziel zu reiten, ehe die letzten zehn Paare sich aufs Geläuf begaben. Der völligen Erleichterung ging sehr wohl ein Gefühl des Drucks voraus. „Aber wenn man über den letzten Sprung kommt, ist es ein absolut fantastisches Gefühl“, sagt der 45-Jährige, der mit seiner Familie nahe Mechelen in Belgien lebt. Diesmal galt es nicht, die Gesamtführung über Nacht in den nächsten Tag zu retten – sondern den WM-Titel im Schmuddelwetter der Soers wasserfest zu machen. Und Otello lieferte dafür einen prächtigen Umlauf, Gold mit 4,48 Strafpunkten vor Belgien (11,69) und Großbritannien (12,98). „Es ist lustig: Otello zeigt keine Emotionen, wenn er in einen Parcours kommt“, so Deußer. „Aber wenn es dann losgeht, gibt er immer alles.“

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Beim eigenen Championatsdebüt trug das belgische Warmblut seinen Reiter zu einem großartigen Comeback. Seit Tokio 2021 war Daniel Deußer nicht mehr Teil der deutschen Equipe bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. „Gerade dann hier in Deutschland dabei zu sein, macht mich stolz“, sagt der Team-Olympia-Dritte von Rio 2016. Und die Motivation bleibt groß, schließlich winken in der Soers auch in der Einzelwertung noch Medaillen: Die Top 25 reiten das Finale am Sonntag (14.20 Uhr/ZDF), auch Richard Vogel ist als 14. dabei. Aber: Daniel Deußer liegt gleichauf mit dem Schweizer Steve Guerdat (je 0,86 Punkte), in Medaillenweite sind Marcus Ehning als Vierter (1,78) und Sophie Hinners als Fünfte (1,84). Und wie Nullerrunden gelingen, wissen sie alle.