Jugend unplugged: Echte Gefühle und erste Liebe auf der Bühne
Erste Liebe unplugged: Was die Jungen wirklich denken
Am Theaterspektakel kommen Jugendliche aus Reykjavik und Zürich zu Wort und singen über ihre Gefühle. Schonungslos offen und dabei so eingängig, dass man mitsummen muss.
02.08.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Ist das nicht seltsam? Unzählige Songs besingen die erste Liebe, ebenso viele Romane beschreiben sie, um nicht zu sprechen von all den Theaterstücken und Filmen. Doch dabei sind es nie die zum ersten Mal Verliebten, die zu Wort kommen. Sondern Sängerinnen, Autoren oder Regisseure, die auch einmal jung waren und nun zurückblicken auf eine vergangene Zeit. Doch die Vergangenheit hat es so an sich, dass man sie gern durch einen Weichzeichner sieht.
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Damit ist jetzt Schluss. Denn bei «Teenage Songbook of Love and Sex» gibt es die erste Liebe unplugged – und besungen von denen, die sie gerade selber durchleben. In bunten Strassenkleidern stehen die zwanzig jungen Menschen auf der Bühne. Die einen in Baggy-Jeans und Fussballshirt, andere mit Crop-Tops und Glitzerhosen, die Haare von Platinblond über Knallorange bis hin zu Naturbraun. Eine bunte Schar im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Sie kommen aus Reykjavik und aus Zürich. Und sie besingen ihr eigenes Leben.
Oft ist dieses – noch – ein kleines Leben: «Another shitty day in my shitty life», schmettert es von der Bühne. Weil wieder einmal gar nichts passiert. Niemand zum Fenster hereinschaut und der Mensch, für den man schwärmt, sich nur im Tagtraum beim Busfahren plötzlich auf den Sitz nebenan setzt.
Die Zeit zwischen 15 und 25 Jahren ist die Zeit des «noch nicht», wo die Selbstwirksamkeit irgendwo zwischen Schulbank, Lehrbetrieb und Hörsaal stecken bleibt. Es ist die Zeit, wo man als Teenager weder Stimmrecht noch ein eigenes Gehalt hat und sich in seinem Handeln eingeschränkt fühlt, während gleichzeitig gerade heute die Welt um einen herum zunehmend bedrohlich erscheint.
Tatsächlich haben 30 Prozent der jungen Schweizerinnen und Schweizer Sorgen, wie eine repräsentative Studie von Pro Juventute 2026 ergab. Wegen herrschender Kriege, der Zukunft und des Klimawandels. Doch die Sorgen, Gedanken, aber auch Gefühle der Jungen finden in der Gesellschaft wenig Gehör. Noch weniger, seit es um die Klimajugend zunehmend still geworden ist.
Diesen blinden Fleck wollte die isländische Choreografin Ásrún Magnúsdóttir beheben. Also spannte sie 2019 mit Teenagern aus Reykjavik zusammen und fragte sie nach ihren Gefühlen und Gedanken. Mithilfe des Regisseurs Alexander Roberts und des Komponisten Teitur Magnússon entstanden aus den ganz unterschiedlichen Gedanken ebenso unterschiedliche Songs.
Mal sind sie heiter und unbeschwert, mal schreien sie die Zumutung, jung zu sein und von den Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden, einfach heraus («Grow up! Grow up!»). Der Komponist hat dabei die Texte der jungen Menschen teilweise über bestehende Melodien gelegt, teilweise auch eigene, neue Songs komponiert, welche die Darstellerinnen und Darsteller begleitet von einem Keyboard, einer Gitarre oder einem E-Bass singen.
Das Projekt wurde so erfolgreich, dass es seit mehreren Jahren international auf Tour geht. Dabei lädt die isländische Crew jeweils Jugendliche aus der Region ein, Teil des Stücks zu werden und ihre eigene Perspektive auf Liebe, Leben, Sex und Gender in die Performance einzubringen. So entstehen an jedem Ort ganz neue Songs, die man noch nie gehört hat.
Die Choreografin Magnúsdóttir bringt seit Jahren Stimmen auf die Theaterbühnen, welche man dort selten hört: jene von Kindern, von Jugendlichen oder sogar die ihrer Nachbarn in Reykjavik. Als Choreografin arbeitet sie dabei vorwiegend mit Menschen zusammen, die nicht als Tänzerin oder Tänzer ausgebildet sind.
Das ist auch bei «Teenage Songbook of Love and Sex» so: Die Jugendlichen zwängen sich an diesem Abend nicht in artistische Tanzposen. Sondern es ist vielmehr die organische Bewegung als Gruppe, die das Stück rhythmisiert: mal als einfacher Kreis, mal als Knospe, gebildet aus einer Menge, oder als riesige, menschliche Raupe, über die Bühne krabbelnd: Rücken an Rücken an Rücken.
Ob die Träume, Sehnsüchte und Lebensentwürfe der Elterngeneration auch die Träume der Heranwachsenden sind? Natürlich nicht. Und doch, wenn die jungen Menschen davon singen, dass sie in einer Beziehung die eigene Homosexualität verdrängt haben, weil sie so sehr dem Idealbild von Frau, Mann, Haus und Hund entsprechen wollten, wird deutlich, wie stark die traditionellen Beziehungsideale noch heute greifen.
Und mit einem Mal erinnert man sich als Zuschauerin daran, dass die vermeintlich unbeschwerte Jugendzeit auch schwer sein kann. Es braucht Mut, vor Publikum solche Erfahrungen zu besingen. Dieser Mut entsteht in der Gemeinschaft junger Menschen, die einander ermuntern, anfeuern und als Gruppe tragen. Und natürlich wird die Schwere immer wieder aufgewogen von Momenten voll überbordender Lebenslust. Ein musikalischer Abend, der zum Mitsummen und zum Mitwippen einlädt. Aber vor allem: zum Zuhören.
«Teenage Songbook of Love and Sex». Am 13., 14. und 15. 8. theaterspektakel.ch
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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