Erziehungsirrtum befeuert „erschreckenden“ Trend an deutschen Grundschulen
Stand: 08.08.2026, 07:23 Uhr
Kommentare
Bereits vor der Kita kann sich der spätere Erfolg eines Kindes entscheiden. Eine Harvard-Professorin warnt Eltern vor einem gravierenden Fehler bei der Erziehung.
Mainz – Nach sechs Wochen Sommerferien geht in Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland die Schule für Hunderttausende Kinder und Jugendliche wieder los. Dazu werden rund 110.000 Kinder eingeschult. Für viele Familien ist die Einschulung ein Meilenstein. Kinder lernen einen neuen Schulweg, neue Freunde, Hausaufgaben und neue Klassenlehrerinnen kennen. Für einige Familien in Rheinland-Pfalz ändert sich schon vor dem ersten Schultag etwas.

Kinder mit großen Schwierigkeiten bekommen schon vor dem Start in die erste Klasse Unterstützung an ihrer neuen Grundschule. Gemeinsam mit Pädagogen verbessern sie ihre Sprache, lernen mathematische Grundkenntnisse und Silben zu erkennen oder feinmotorische Fähigkeiten wie das Stifthalten.
„Es ist erschreckend, wie viele Kinder und Jugendliche heute nicht die erforderlichen sprachlichen Kompetenzen haben“, findet Florian Dähne, bildungspolitischer Referent bei der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Diese Defizite ziehen sich oft bis weit in die Schullaufbahn hinein und haben mittlerweile Konsequenzen für die Landespolitik. Vor zwei Jahren startete das Bildungsministerium gemeinsam mit der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau das Unterstützungsprogramm. Zum neuen Schuljahr werden 91 Schulen teilnehmen.
Erziehungswissenschaftlerin: Vor dem Kindergarten entscheidet sich, wie leicht Kinder lernen
„Die Zahl der Kinder, die mit Eintritt in die Grundschule zwar schulpflichtig, aber nicht schulfähig sind, nimmt zu“, sagt Yade Lütz von der Deutschen Kinderhilfe der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Diese Entwicklung beobachten wir mit großer Sorge.“ Grund dafür seien sozial-emotionale Probleme und fehlende sprachliche Fähigkeiten. Einschulungsuntersuchungen (ESU) aus Baden-Württemberg zeigen, dass im Durchschnitt 30 Prozent der eingeschulten Kinder intensiven Sprachförderbedarf haben – je nach Region auch mehr. Das hänge mit der Zunahme von Migration zusammen – aber nicht nur, sagt uns der Sozialpädagoge Stefan Faas. Auch Kinder aus Familien mit „unzureichender sprachlicher Anregungsqualität“ hätten zusätzlichen Bedarf.
Vorlesen, Bilderbuch anschauen, wie viel Eltern auf ihr Handy starren: Nur drei Beispiele, die beeinflussen, mit welchen Fähigkeiten Kinder in die Schule kommen. Sich um die Sprachprobleme von Kindern erst in der Grundschule zu kümmern, ist zu spät, warnt die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. „Noch bevor ein Kind einen Kindergarten von innen sieht, hat sich oft bereits entschieden, wie leicht oder schwer sein Bildungsweg verlaufen wird“, betont Stamm. Sie spricht vom sogenannten „Matthäus-Effekt“: Wer früh einen großen Wortschatz hat, lernt immer schneller dazu – wer mit Defiziten startet, fällt immer weiter zurück.
Harvard-Professorin warnt vor schädlichem Irrtum beim Sprechen lernen
Wie wichtig die Rolle der Eltern beim Spracherwerb ist, weiß Catherine Snow. Sie ist Professorin für Kognition und Bildung an der Harvard-Universität und forscht seit Jahrzehnten zum Spracherwerb. Einen Fehler beobachtet sie dabei immer wieder: „Ich finde es schauderhaft, wenn ich höre, wie Eltern die Grammatik kleiner Kinder korrigieren, die darum kämpfen, eine komplexe Idee zu artikulieren“, sagt Snow. Dass die Form wichtiger ist als der Inhalt, sei ein Irrtum.
Kinder, deren Eltern auf effektive Kommunikation setzen statt auf perfekte Grammatik, würden bessere Sprachfähigkeiten entwickeln. Snows Erkenntnisse sind eindeutig: Kinder benötigen „reiche Sprachumgebungen“. Dazu gehören viele Gespräche mit Erwachsenen, Gelegenheiten für Fragen und das gemeinsame Lesen von Lieblingsbüchern. (Quellen: ESU, dpa, eigene Recherche)