„Surplus Safety“: Problematischer Erziehungstrend macht Kinder zu unsicheren Erwachsenen
Stand: 23.08.2026, 20:01 Uhr
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„Mich hat das beschäftigt“: Ein Vater liest seinem Sohn ein Schild auf einem Spielplatz vor und hinterfragt, wie wir mit Kindern sprechen.
Frankfurt – „Papa, wo ist die Hängeschaukel?“ – Diese Frage hat Christopher Hartmann sein vierjähriger Sohn gestellt, als sie auf einem Spielplatz in Wiener Neustadt waren. Er las ihm ein Schild vor, das an der Schaukel hing: Darauf stand: „Liebe Kinder! Ich habe mich leider verletzt und muss zum Arzt. Deswegen bin ich derzeit gesperrt.“ Seinen Sohn verwirrte das. „Warum muss eine kaputte Schaukel zum Arzt?! Die gehört zu einem Schlosser“, soll er Hartmann gefragt haben. „Irgendwie hat mich das beschäftigt“, schreibt der Vollzeitpapa auf Linkedin.

Im ersten Moment fand er das Schild „nett und kindgerecht“ formuliert, sagt Hartmann der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Bis sein Sohn dann gefragt hat. „Da ist mir erst aufgefallen: Wir haben etwas vermeintlich ‚kindgerecht‘ erklärt, das für das Kind eigentlich komplizierter ist als die Wahrheit.“ Kinder könnten mit „Die Schaukel ist kaputt und muss repariert werden“ wunderbar umgehen. Dafür brauche es keine erfundene Geschichte.
„Trauen wir Kindern zu wenig zu?“: Schild an Spielplatz bringt Vater zum Nachdenken
„Die Verniedlichung war offenbar gar nicht für mein Kind notwendig. Sie war für uns Erwachsene angenehm“, sagt er. „Wir wollen Verbindung herstellen, etwas freundlich formulieren, Kinder zum Lachen bringen oder ihnen eine vermeintlich harte Realität ersparen. Dabei unterschätzen wir manchmal, wie gut Kinder mit klarer, ehrlicher und trotzdem liebevoller Sprache umgehen können.“ Er frage sich: „Trauen wir Kindern zu wenig zu?“ Früher seien sie viel selbstverständlicher Teil des Alltags gewesen, weil es schlicht viel mehr gegeben hätte. Heute liege die Geburtenrate auf einem historisch niedrigen Niveau. Das verändere unseren gesellschaftlichen Blick auf Kinder.
„Das einzelne Kind bekommt zwangsläufig mehr Aufmerksamkeit. Mehr Beobachtung. Mehr Begleitung. Und möglicherweise auch mehr Erwachsenenprojektion.“ Das sei zunächst überhaupt nichts Schlechtes – dass wir Kinder heute stärker als eigenständige Menschen mit Bedürfnissen, Gefühlen und Rechten wahrnehmen, halte er für eine enorme gesellschaftliche Errungenschaft. „Aber vielleicht schwingt das Pendel stellenweise etwas weit.“
Kindgerechte Sprache: „Eine kaputte Schaukel darf kaputt sein“
Joachim Bensel leitet die Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM) in Kandern. „Kinder verbringen heute mehr Zeit unter Erwachsenenaufsicht als jemals zuvor“, sagt er der Frankfurter Rundschau. Eine australische Forschungsgruppe habe dafür den Begriff „Surplus Safety“ geprägt – „überschüssige Sicherheit“. Die zeige sich an Verbotslisten in Kitas, am Messerverbot zu Hause, an stoßdämpfenden Untergründen auf Spielplätzen und solchen Schildern. „Das Kind hat recht – eine Schaukel gehört zum Schlosser. Bemerkenswert ist nicht das Schild, sondern der Reflex dahinter. Wir trauen Kindern inzwischen nicht einmal mehr die Information zu, dass etwas kaputt ist“, sagt er.
Oder dass sie beim Klettern wissen, wohin sie ihren Fuß setzen sollen. Kinder müssten nicht immer wieder die Worte „Pass auf!“ von ihren Begleitpersonen hören, sondern eher so etwas wie „Wo steht dein Fuß? Hast du guten Halt?“. Das eine erzeuge Unsicherheit, das andere Selbsteinschätzung, sagt der Autor von „Wildes und gewagtes Spiel“. Der Erwerb von Risikokompetenz sei nicht ohne Risikoerfahrung möglich. Das Verständnis der Welt nicht ohne harte Fakten. „Verniedlichung nimmt Kindern die Möglichkeit, eine Situation realistisch einzuschätzen. ‚Die Schaukel ist gebrochen und wird repariert‘ ist eine Information, mit der ein vierjähriges Kind gut umgehen kann“, sagt der Verhaltensbiologe.
„Kinder bauen sich ihre Vorstellung von der Welt über Sprache und Erfahrungen auf. Wenn wir Begriffe ständig vereinfachen, Dinge umschreiben oder ihnen eine niedlichere Realität präsentieren, nehmen wir ihnen auch Gelegenheiten, echte Zusammenhänge und neue Wörter kennenzulernen“, sagt Hartmann, der für den Elternblog Papammunity schreibt. Bedürfnisorientierte Erziehung bedeute für ihn nicht, die Welt zu verniedlichen. Auf Augenhöhe zu sprechen bedeute gerade, Kindern auch sprachlich und gedanklich etwas zuzutrauen. „Eine kaputte Schaukel darf kaputt sein. Der Techniker darf sie reparieren. Und wenn mein Vierjähriger wissen möchte, wie der das macht, wird es meistens ohnehin interessanter als jede erfundene Geschichte vom Schaukel-Doktor.“ (Quellen: eigene Recherche, Linkedin)