Es lohnt nachzudenken, ob wir ohne Social Media nicht besser dastehen
Die Sozialen Medien galten anfangs als Forum der freien Meinungsäußerung, als digitaler Ort der Demokratisierung. Das hat sich als Irrtum entpuppt. Immer mehr Regierungen – und nun auch die EU – ziehen nun eine erste Notbremse und bringen Nutzungsverbote für Kinder auf den Weg. Gut so. Aber das eigentliche gesellschaftliche Problem anzugreifen, das diese Apps hervorgerufen haben, ist ungleich schwieriger.
Social-Media-Plattformen sind auf Nutzung getrimmt: Je länger man scrollt, desto mehr Werbung können sie verkaufen. Das Ziel ist, endlos zu scrollen. Das allein ist schon schlecht: Wer sich beim Social-Media-Konsum zuweilen denkt, wenn ich nur aufhören könnte, ist mittendrin im ausgeklügelten Hormon-Belohnungssystem, mit dem Apps die Nutzer an sich binden. Es lebt von Zuspitzung: Nur noch einmal wischen, vielleicht ist das nächste Video ja noch lustiger, schöner oder hasserfüllter.
Die Folge: Viele, viele Menschen kommen für viele, viele Stunden nicht vom Schirm los. Auch sehr junge Menschen. Hier setzen die Verbote an – aber hier verharren sie auch argumentativ. Denn die Experten, die die Verbote empfehlen, müssen sich dabei auf objektivierbare Effekte übermäßiger Social-Media-Nutzung bei Kindern – Schlaflosigkeit, Depressionen – berufen.
Dabei passiert aber noch etwas Anderes, schwieriger zu Fassendes in den Sozialen Medien – und das ist die eigentliche gesellschaftliche Herausforderung: eine Vereinfachung, Verkürzung und vor allem Durchemotionalisierung der Weltwahrnehmung. Das ständige Zerstückeln der Welt in kleine Text- und Videohappen, an deren Ende zur Belohnung eine Emotion wartet: Dieser Rhythmus hat die Gesellschaft verändert.
Man merkt es überall. Und in dieser Taktung funktionieren einige Dinge sehr viel besser als früher – Populismus jeder Art, etwa – und manche Dinge sehr viel schlechter. Wozu einen Roman lesen, wenn das nächste Video wartet? Wozu unterschiedliche Positionen wohlwollend und nuanciert diskutieren, wenn eine schnelle Meinung auch viele Likes bekommt?
Diese Polarisierung und Diskursverrohung, dieser Kulturverlust sind der Schaden, den Social Media bei uns Erwachsenen anrichtet. Und obwohl Alkohol und Drogen sehr wohl auch für Über-18-Jährige reglementiert sind: Bei den süchtig machenden Apps zögern die Gesetzgeber.
Denn zu viele, auch kluge Menschen haben sich einreden lassen – von US-Milliardären und von populistischen Parteien –, dass Meinungsfreiheit und Social-Media-Nutzung ident sind. Das ist Unsinn. Ob es nicht für uns als Gesellschaft bei Weitem besser wäre, wenn wir diese Apps gemeinsam abdrehen, darüber nachzudenken würde sich lohnen. Bevor wir zum nächsten Video weiterwischen.
kurier.at | 13.07.2026, 18:00