Als moralische Instanz ist die BWL überfordert
Die Wirtschaftswissenschaftler Thomas Beschorner und Blagoy Blagoev haben die Frage angesprochen, wie die Betriebswirtschaftslehre mit Fragen sozialer und ökologischer Verantwortung umgehen soll (F.A.Z. vom 13. Juni 2025). Sie werfen der BWL vor, auf ökonomische Kalküle verengt zu sein. Zudem fehle Unternehmen Orientierung jenseits bloßer Opportunität. Gefordert wird eine Wende hin zu einer an ethischen Werten orientierten BWL. Diese Forderung braucht eine Ergänzung und verdient an einer Stelle sogar deutlichen Widerspruch.
Der gesellschaftliche Beitrag der BWL besteht schlicht darin, Unternehmen besser zu machen. Wie schafft sie das? Hier lohnt ein Blick in die Organisationstheorie von James G. March (1928 bis 2018), jenem Klassiker des Faches, den auch Beschorner und Blagoev zitieren.
Wenn aber die von March aufgestellte Logik der Angemessenheit als Orientierungsrahmen für eine wertebasierte BWL empfohlen wird, entsteht ein Problem. Denn March selbst stellte fest, dass die Idee der normativen Angemessenheit zwar moralische Obertöne hat, aber neben Heldentaten ebenso dem Befolgen von Moralkodizes krimineller Vereinigungen zugrunde liegen kann. Das ist kein Argument gegen Wertorientierung schlechthin, aber eine Erinnerung daran, dass das Konzept seine Inhalte nicht selbst mitbringt.
Wie funktioniert nachhaltiger Interessenausgleich?
March sah Unternehmen als Koalitionen unterschiedlicher Interessengruppen. Dazu zählen Investoren, Mitarbeiter, Kunden, aber auch die Allgemeinheit. Diese Gruppen sind zur Verwirklichung ihrer Ziele aufeinander angewiesen. Die Herausforderung besteht darin, den Interessenausgleich, der nie machtfrei verläuft, so zu organisieren, dass er nachhaltig funktioniert.
Unternehmen funktionieren, wenn sie widerstreitende Interessen dauerhaft in tragfähige und produktive Lösungen übersetzen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man als Unternehmen angesichts heterogener Erwartungen Entscheidungen trifft. Genau das ist der Gegenstand der BWL.
Die geforderte Multirationalität, also die Anerkennung, dass neben ökonomischer Rationalität auch andere Rationalitäten in unternehmerische Entscheidungen einfließen müssen, ist nichts anderes als die Anerkennung des Koalitionscharakters von Unternehmen. Soweit besteht Einigkeit.
Die BWL an moralische Werte zu binden, ist eine heikle Sache
Wo ich widerspreche, ist die zweite, normativ stärkere Lesart: Unternehmen sollten sich nicht bloß danach richten, was von ihnen gefordert wird, sondern danach, was ethisch geboten sei. Das ist ein verständliches Unbehagen am bloßen Opportunismus, doch Unternehmen und auch die BWL als Disziplin an moralische Werte zu binden, ist eine heikle Sache.
Einige große Unternehmen in den USA haben ihre Diversitätsziele gestrichen. Kritiker sehen darin einen Mangel an moralischer Standfestigkeit. Doch müssen Unternehmen freiwillig zu Werten stehen, auch wenn sich wesentliche Erwartungen an sie verändern? Wohl nur dann, wenn die Koalition der beteiligten Interessen eine solche Wertorientierung auch mitträgt.
Doch wenn stets der lauteste oder mächtigste Stakeholder gewinnt, wäre das gerade jener Opportunismus, der abzulehnen ist. Produktiver Ausgleich heißt stattdessen, schwächere und mittelbar betroffene Interessen, nicht zuletzt die der Allgemeinheit, institutionell einzubeziehen und nicht bloß Mehrheiten abzubilden. Das ist anspruchsvoll genug. Von Unternehmen darüber hinaus zu verlangen, dauerhaft gegen zentrale Erwartungskoalitionen zu handeln, stellt eine Überforderung dar.
Vielleicht lässt sich die Idee des Ausgleichs selbst als Wert lesen, den es hochzuhalten gilt – und der viel zu wenig als Grundtugend der BWL erkannt wird. Denn die eigentliche Stärke der Disziplin liegt nicht darin, moralische Orientierungen vorzugeben, sondern Instrumente bereitzustellen, mit denen unterschiedliche Interessen in tragfähige Arrangements überführt werden können. Genau diese Kompetenz prägt eine gute betriebswirtschaftliche Ausbildung. Es geht nicht darum, moralische Bekenntnisse einzuüben, sondern eine Urteilskraft zu entwickeln, die mit konkurrierenden Rationalitäten produktiv umgehen kann.
Stephan Leixnering lehrt BWL an der Wirtschaftsuniversität Wien.