Ist alles, was ein Flachdach hat, schon Bauhaus?
Der Begriff „Bauhaus“ hat eine atemberaubende Karriere hingelegt. Einmal mit der Baumarktkette, die, 1960 von dem Schreiner Heinz Georg Baus in Mannheim gegründet, sich 1974 die Rechte an dem Markennamen erstritt. Dann in der Immobilienbranche, die jedem Neubau, der eine kubische Form, weißen Putz und ein Flachdach aufweist, das Etikett „Bauhausstil“ aufdrückt. Vor allem aber mit der Kunstschule selbst, die von 1919 bis 1933 bestand und zum Synonym für die Epoche verallgemeinert wird.
Wie auf dem Häuser-, so auf dem Buchmarkt: Bauhaus sells! „Die architektonische Moderne“, erklärt Kaija Voss im „Prolog“ ihres Bildbands, werde in Deutschland „als Bauhausarchitektur, Bauhausmoderne, Neues Bauen, Neue Sachlichkeit oder Klassische Moderne bezeichnet“. Entsprechend austauschbar werden die Begriffe dann auch verwendet.

Vom Cover grüßt das Doppelbockfördergerüst der Zeche Zollverein in Essen, seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe, Wahrzeichen des Ruhrgebiets. Architekten der Schachtanlage, die 1932 in Betrieb ging, sind Fritz Schupp und Martin Kremmer. Kennengelernt haben sie sich 1916 an der TH Karlsruhe, am Bauhaus haben sie weder studiert noch unterrichtet. Ihre monumentale, zweckrationale Architektur ist im Auftrag der Schwerindustrie entstanden und hat mit den „sozialen und humanen Ideen der Bauhaus-Schule“ nichts zu tun.
Auch Hans Schumacher, der vier der sechs „Bauhausvillen“ in Köln-Rodenkirchen, oder Theodor Hennemann, der die „Bauhaussiedlung Schlieper“ in Iserlohn entworfen hat, waren keine Bauhäusler. Ebenso wenig wie andere Architekten, die darunter gefasst werden: Bruno Taut und Erich Mendelsohn etwa, die bereits mit viel beachteten Werken hervorgetreten waren, als 1927 in Dessau die Bauabteilung eingerichtet wurde. Ausgebildet wurden sie bei Theodor Fischer in Stuttgart und München, zu dessen zahlreichen Schülern auch, um nur drei prominent vertretene Architekten zu nennen, Dominikus Böhm, Alfred Fischer oder Wilhelm Riphahn gehörten. Sogar der Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz wird für das Bauhaus reklamiert. Dass er ihm 1929 Verluste an Tradition und Gestaltungsreichtum vorwarf, wird nicht erwähnt, dass er es 1953 eine „fehlgeleitete Entwicklung“ nannte, dagegen schon – und mit der Bemerkung abgetan, dass er dafür „große Kritik, die bis zum Spott reichte“, erfahren habe.
Der Rheinpavillon wird fälschlich nach Köln verlegt
Die Leichtfertigkeit, mit der der Kreis der Bauhäusler um Konkurrenten, Kontrahenten und Randfiguren erweitert wird, ist Ausdruck einer Verlegenheit, die schon zum hundertjährigen Jubiläum 2019 sichtbar wurde. In Nordrhein-Westfalen hat das Bauhaus kaum „originale“ Spuren hinterlassen – bis auf Haus Lange, Haus Esters und ein Fabrikgebäude von Ludwig Mies van der Rohe in Krefeld. Dass sich Krefeld, wie zweimal betont wird, als „Bauhaus-Stadt“ bezeichnet, hat indes nicht so sehr mit Architektur wie mit dem Bauhaus-Meister Johannes Itten zu tun, der von 1932 bis 1938 die Fachschule für textile Flächenkunst leitete. Hier aber kommt er so wenig vor wie das Haus Heusgen, als dessen Architekten zwei Mitarbeiter von Mies zeichnen.

Lücken und Auslassungen, Wiederholungen, Redundanzen, Ungenauigkeiten, Fragwürdigkeiten verhindern eine stringente Darstellung, Fehler kommen dazu (darunter der Klassiker: „Mühlheim“ statt „Mülheim“). Der Rheinpavillon wird kurzerhand von Bonn nach Köln verschoben und sein Gastronom als Architekt ausgegeben. „Bei der Auswahl“, so Voss, „ging es sowohl um die Präsentation von Überraschendem und von Funden am Wegesrand … als auch um bekannte Ikonen“: Ein Bekenntnis zur Beliebigkeit, das die vorgestellten Nachkriegsbauten, die bis ins Jahr 2010 (!) reichen, bestätigen. Die sachlich-unaufgeregten Schwarz-Weiß-Fotos von Jean Molitor hätten eine kenntnisreichere Begleitung verdient.
Den Begriff „Bauhaus“ nicht der Kunstschule vorzubehalten, läuft darauf hinaus, ihre Besonderheit und ihre Konturen zu verwischen sowie Parallelinstitute, die es auch im Westen gab, zu marginalisieren oder ganz zu unterschlagen. Dabei ist Nordrhein-Westfalen nicht die erste (und auch nicht die letzte) Etappe dieser „fotografischen Reise durch die Klassische Moderne“. Bereits 2023 war „Bauhaus in Berlin“ an der Reihe, auch hier besetzt das Gebäude eines Großkonzerns den Umschlag, das Shell-Haus von Emil Fahrenkamp.
Die Verklärung des Bauhauses scheint unaufhaltsam. Wie Fritz Kuhr, ein Schüler von Klee und Kandinsky, schon 1928 schrieb: „Die welt hat nur dann einen Sinn, wenn sie ein ‚bauhaus’ ist ... Die ganze welt ein bauhaus.“
Kaija Voss: „Bauhaus in Nordrhein-Westfalen“. Eine fotografische Reise durch die Klassische Moderne. Mit Fotografien von Jean Molitor. BeBra Verlag, Berlin 2026. 176 S., Abb., geb., 38,– €.