Historikerin: EU-Kanada-Erklärung ist «Neugründung des Westens»

EU-Kanada-Allianz Historikerin: Kanada und EU begründen einen «neuen Westen»

Das Bündnis zwischen Kanada und der EU stellt laut der Historikerin Nicole Gnesotto die Gründung eines neuen Westens dar, der auf Demokratie und dem Vorrang des Rechts vor der Gewalt basiert.

19.09.2026, 07:01

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Die EU und Kanada haben am Donnerstag eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, um angesichts der protektionistischen Politik der USA ihre Verbundenheit mit den Werten des liberalen Westens zu bekräftigen.

Für Nicole Gnesotto bedeuten die jüngsten Gespräche zwischen der Europäischen Union und Kanada jedoch weit mehr als eine bilaterale Annäherung: «Was derzeit geschieht, ist die Neugründung eines neuen Westens», sagt die Historikerin und Vizepräsidentin des Instituts Jacques Delors, eines europapolitischen Thinktanks, im Westschweizer Fernsehen RTS.

«Diese Allianz beruht auf historischen Grundlagen wie wirtschaftlichem Liberalismus, politischer Demokratie und dem Vorrang des Rechts vor der Gewalt.» Demgegenüber beschreibt Nicole Gnesotto die Vision von Donald Trump, der «Protektionismus in der Wirtschaft, Autoritarismus in der Politik und den Vorrang der Gewalt vor dem Recht» vertrete.

Wenn Trump auf den Handel mit Kanada und der EU verzichten würde, würde er auf eine halbe Milliarde Kunden verzichten.

Ihrer Ansicht nach veranschaulicht diese gemeinsame Erklärung den Willen der Europäer und Kanadier, den Prinzipien des liberalen Westens treu zu bleiben, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg definiert wurden.

Unklarheit als Vorteil

Die Unklarheit rund um den Status Kanadas als «assoziiertes Mitglied» der EU hält Gnesotto für einen Vorteil: «Es wird umso besser funktionieren, je unklarer es bleibt. Die historisch stark auf das Recht ausgerichtete EU musste sich angesichts der neuen Realitäten anpassen, die durch den Krieg in der Ukraine und die Wahl Donald Trumps entstanden sind», sagt sie. «Flexibilität ist zu einer Art Verpflichtung geworden, zu einem Fahrplan für die Europäer.»

Ein Mann und eine Frau schütteln sich vor Flaggen die Hand.
Legende:

Der kanadische Premierminister Mark Carney zeigt sich offen gegenüber dem Vorschlag der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Kanada als erstes assoziiertes Mitglied enger an die EU zu binden.

Justin Tang/The Canadian Press via AP

Auch relativiert Gnesotto die Sorgen, dass nun wirtschaftliche Vergeltungsmassnahmen der USA drohen: «Die USA machen nur 16 Prozent des Welthandels aus. Wenn Trump auf den Handel mit Kanada und der EU verzichten würde, würde er auf nahezu eine halbe Milliarde Kunden verzichten, was kontraproduktiv wäre.»

Wirtschaftliche Integration bereits weit fortgeschritten

Die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Kanada und der EU sind bereits eng. Seit dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens CETA im Jahr 2017 werden 90 Prozent des Handels zwischen den beiden Blöcken von der Europäischen Kommission geregelt, ohne dass die Zustimmung der Mitgliedstaaten erforderlich ist.

Darüber hinaus hat Kanada, das reich an kritischen Rohstoffen ist, die für die europäische Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind, strategische Abkommen mit der EU unterzeichnet.

Es ist keine Allianz gegen jemanden.

«Kanada ist bereits praktisch in den europäischen Markt integriert», betont Gnesotto. «Nun muss der politische Teil noch aufgebaut werden.»

Diese Allianz zeige deshalb den gemeinsamen Willen Europas und Kanadas, die grundlegenden Werte des liberalen Westens angesichts der aktuellen Herausforderungen zu verteidigen: «Es ist keine Allianz gegen jemanden, sondern eine Allianz für uns, damit wir in dieser ausserordentlich gefährlichen Welt stärker sind», schliesst Gnesotto.

Diskutieren Sie mit:

Nicole Gnesotto im Gespräch mit RTS (mit dt. Untertiteln):

RTS Forum, 17.09.26, 18 Uhr; noes