„Euphorie war unbeschreiblich“: Zeitzeugin aus Niedersachsen erzählt vom Mauerfall

„Euphorie war unbeschreiblich“: So erlebte die heutige Reeßumerin Maria-Elisabet Naß-Schwedes den Mauerfall

Stand: 02.10.2026, 19:00 Uhr

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ARCHIV - 10.11.1989, NA, Berlin: Menschen auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1989.Die Mauer wird geöffnet? Das wollten sich viele Menschen direkt ansehen. (zu dpa: „Kein Vergessen: Umfrage zeigt Interesse an DDR-Geschichte“) Foto: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

In der Nacht fällt die Grenze, die Maria-Elisabet Naß-Schwedes ihr ganzes Leben lang gekannt hat. Am nächsten Morgen fährt sie nach West-Berlin. © Peter Kneffel/dpa

Als die Mauer fällt, ist Maria-Elisabet Naß-Schwedes 21 Jahre alt. Sie fährt nach West-Berlin, zu ihrem Bruder, den sie seit sieben Jahren nicht gesehen hat. Heute erzählt die Reeßumerin von Freiheit, Grenzen und Erinnerungen, die geblieben sind.

Reeßum/Berlin – Es ist der 10. November 1989. Morgens. Maria-Elisabet ist noch müde. Am 8. November hat sie ihren Geburtstag gefeiert. Weil die Party lang ging, ist sie am 9. November früh ins Bett gegangen. Ihre Mutter ist zu Besuch. Nun steht sie im Türrahmen und sagt einen Satz, dessen Inhalt Maria-Elisabet zunächst nicht glauben kann. „Dein Bruder und deine Schwägerin waren heute Nacht im Westen“, sagt die Mutter. Maria-Elisabet schaut sie an. Ungläubig. „Komm mal mit runter“, sagt die Mutter. Da läuft der Fernseher. Er zeigt Menschen auf den Straßen. Menschen an der Grenze. Menschen, die dorthin gehen, wohin sie bisher nicht einfach so gehen durften.

Maria-Elisabet ist gerade 21 geworden. Sie lebt in Ost-Berlin. Und was sie im Fernsehen sieht, verändert alles. Die Mauer ist gefallen. Sie zieht sich an und macht sich auf den Weg. Nach West-Berlin. Dorthin, wo einer ihrer Brüder in der vergangenen Nacht schon gewesen ist. Und wo der andere lebt. Zuletzt hat sie ihn 1982 gesehen, bei der Beerdigung ihres Vaters. Maria-Elisabet war damals 13 Jahre alt. Dann steht sie vor seiner Tür. Der Bruder öffnet. Er sieht sie an. Das Mädchen von damals ist inzwischen eine junge Frau.

Maria-Elisabet Naß-Schwedes lebt heute in Reeßum. Die Erinnerung an ihre Jugend in der DDR ist für sie bis heute vielschichtig.

Heute lebt Maria-Elisabet Naß-Schwedes in Reeßum. Die Erinnerung an ihre Jugend in der DDR ist für sie vielschichtig. © Ina Hagemann

„Der kam überhaupt nicht mehr klar mit seiner Welt“, erzählt Maria-Elisabet Naß-Schwedes heute amüsiert. Es ist ein besonderer Tag für sie. Für ihren Bruder. Für ganz Deutschland. „Die Euphorie in Berlin an diesem Tag, das war unbeschreiblich“, erzählt Naß-Schwedes. „Und im Laufe des Tages wurde West-Berlin immer voller.“ Abends ist sie wieder zurück in Ost-Berlin. „Es war wie leergefegt.“

Naß-Schwedes ist die Tochter eines Pfarrers. Sie geht zu Friedensgebeten, trägt als Jugendliche einen Parka mit einem Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ und verweigert die Mitgliedschaft bei den Pionieren und der FDJ. Für sie ist das keine große politische Geste. Es gehört einfach zu ihrem Leben. Die Folgen bekommt sie trotzdem zu spüren. Für das Abitur wechselt sie an eine kirchliche Schule. Ihre Möglichkeiten bei der Berufswahl sind eingeschränkt. Auf ihrem Zeugnis steht, sie nehme eine „kritische Haltung gegenüber dem Staat“ ein. Und dann ist da diese Vorsicht, die sie schon als junge Frau kennt. Was kann man sagen? Wem kann man etwas erzählen? Wer hört mit? „Man war immer auf der Hut“, sagt sie.

1989 geht sie regelmäßig zu Friedensgebeten. Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, ist sie wegen ihrer Arbeit nicht bei der großen Demonstration dabei. Am nächsten Morgen fehlen Kollegen. Sie sind verhaftet worden. Am Abend des 8. Oktober will sie sich nach ihrem Dienst mit einer Freundin treffen. Sie wollen zur Friedensandacht. Doch schon die S-Bahn-Station ist voller Polizei. Personenkontrollen. „Da durfte ich nur noch nach Hause gehen“, erinnert sich Naß-Schwedes.

Die Euphorie in Berlin an diesem Tag, das war unbeschreiblich. Da war richtig ein Flimmern in der Luft.

Dass sie wenige Jahre später selbst in West-Berlin arbeiten, heiraten und Kinder bekommen wird, hätte sie sich damals kaum vorstellen können. Als sie nach dem Mauerfall durch die Straßen läuft, ist sie überwältigt von den vielen Farben, den Leuchtreklamen, den vollen Geschäften. Aber bleiben will sie zunächst nicht: „Ich wollte wieder zurück.“

Naß-Schwedes verklärt die DDR nicht. „Nein, ich möchte die DDR nicht wiederhaben“, sagt sie. Die fehlende Meinungs- und Pressefreiheit, die Zensur, die eingeschränkte Reisefreiheit. All das hat sie erlebt. Ihre Stasi-Akte hat sie trotzdem nie gelesen. Sie habe entschieden, nicht wissen zu wollen, wer sie möglicherweise beobachtet hatte. Und doch ist ihre Erinnerung an diese Jahre nicht nur von dem geprägt, was ihr gefehlt hat. „Ich hatte ein sehr liebes Elternhaus“, erzählt sie. „Und auch sonst ein nettes Umfeld.“ Freunde, eine Schule, in der sie sich wohlfühlte, freie Nachmittage, wenn andere zu den Pionieren gingen. Sie erinnert sich an Dinge, die mit Politik nichts zu tun haben.

Maria-Elisabet Naß-Schwedes als 21-Jährige im Jahr 1989. Das Pali-Tuch trug sie damals mit Stolz.

Maria-Elisabet Naß-Schwedes als 21-Jährige im Jahr 1989. Das Pali-Tuch trug sie damals mit Stolz. © Ina Hagemann

Später besucht sie einmal das DDR-Museum in Berlin. Zwischen den Ausstellungsstücken entdeckt sie ein Kinderbuch. „Oh guck mal, habe ich dann gesagt, genau so eins hatten wir!“ Ostalgie? Für Naß-Schwedes ist die Sache komplizierter. Sie fragt lieber, was „besser“ überhaupt bedeute. Sie erinnert sich an günstige Mieten und Lebensmittel, an eine Grundversorgung, bei der bestimmte Dinge selbstverständlich waren. Aber ebenso daran, was ihr fehlte. Beides gehört für sie zur Erinnerung an dieses Land.

Und eines ist für sie ganz klar: Die Wiedervereinigung hätte sie niemals rückgängig machen wollen. „Nein, nie. Das kann ich ganz definitiv sagen.“ Sie selbst konnte nach 1990 reisen, ihre Kinder konnten später studieren und ins Ausland gehen. Ihr eigenes Leben wäre ohne die Wiedervereinigung ein anderes geworden. „Dann säße ich hier wahrscheinlich gar nicht“, sagt sie an ihrem Küchentisch in Reeßum. Aber sie sieht auch, was nach 1990 für viele Menschen im Osten verloren ging: Arbeit, Sicherheit, Anerkennung. Menschen, die jahrzehntelang qualifiziert gearbeitet hatten, waren plötzlich erwerbslos. Naß-Schwedes glaubt, dass daraus ein Gefühl entstanden ist, das bis heute weitergegeben wird: das Gefühl, im vereinten Deutschland nicht ganz gleich angekommen zu sein. Sie nennt es das Gefühl, der „dumme Ossi“ zu sein. Und sie sagt: „Solche Erfahrungen müssen noch aufgearbeitet werden.“

Am 10. November 1989 geht Maria-Elisabet Naß-Schwedes nach West-Berlin. Sie sieht eine Stadt, die sie bis dahin von der anderen Seite der Mauer kannte. Und sie erlebt einen Tag, von dem sie sagt: „Da war richtig ein Flimmern in der Luft.“ Heute, fast 37 Jahre später, lebt sie in Reeßum und erzählt davon. Sie erzählt von dem, was ihr die DDR untersagt hat. Und von dem, was trotzdem zu ihrer Kindheit gehört. Die Grenze ist verschwunden. Die Erinnerung ist geblieben.