Europa verliert den KI-Wettlauf: Jetzt sollen 1,3 Billionen helfen

Stand: 15.09.2026, 18:35 Uhr

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Top-Ökonomen warnen: Europa erwirtschaftet bei KI weniger als zwei Prozent des Umsatzes zweier US-Konzerne. © IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON

Top-Ökonomen warnen: Europa erwirtschaftet bei KI weniger als zwei Prozent des Umsatzes zweier US-Konzerne. Die Rechnung für den Rückstand: 1,3 Billionen Euro.

Europäische KI-Entwickler erwirtschaften zusammen weniger als zwei Prozent des Umsatzes von nur zwei US-amerikanischen Konkurrenten. Diese Zahl nennt Ifo-Präsident Clemens Fuest und sie zeigt das eigentliche Problem: Während in Berlin über Sicherheitsrisiken künftiger KI-Modelle diskutiert wird, hat Europa in der Gegenwart längst den Anschluss an die Marktrealität verloren. Eine Expertengruppe um Fuest, die frühere EU-Kommissarin Margrethe Vestager, die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer und Nobelpreisträger Philippe Aghion legte laut Tagesspiegel eine Strategie mit mehr als 40 Empfehlungen vor.

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„Europa droht ohne entschlossenes Handeln ab diesem Jahr eine dauerhafte Marginalisierung“, warnt der Top-Ökonom Clemens Fuest laut BILD.

Das Ziel: Europas Anteil an der weltweiten KI-Rechenzentrumskapazität von derzeit rund fünf Prozent auf 15 Prozent bis 2030 zu steigern. Vestager warnt, Europa dürfe nicht zum Spielfeld ausländischer Mächte werden. Laut BILD nehmen Regierungen in der gesamten Union das Thema KI nach Einschätzung der ehemaligen EU-Vizepräsidentin nicht ernst genug.

Die Zahl, die wehtut

Zwei Prozent Umsatzanteil gegenüber zwei US-Firmen ist keine Nische, das ist eine Kapitulation vor OpenAI und Anthropic, die laut BILD beide in den USA sitzen. Dazu kommt China als dritter Machtblock, in dem parallel eigene KI-Modelle entstehen. Die EU verfügt im Vergleich über wenige Rechenzentren, in denen die nötigen Datenmengen verarbeitet werden können, wie BILD festhält. Die Expertengruppe rechnet vor, dass Europa bis 2030 45 Gigawatt an zusätzlicher Energie für Datenzentren braucht, um bei dieser Infrastruktur nicht von ausländischen Mächten abhängig zu werden. Die Investitionssumme dafür: 1,3 Billionen Euro, so Schnitzer laut Tagesspiegel. Dafür müsse die EU laut BILD auch gezielt Investitionen aus dem Ausland an Land ziehen, was ein gewisses Paradox erzeugt: Man will unabhängiger werden, braucht dafür aber ausländisches Kapital.

Aghion fordert, die EU müsse ihre Anstrengungen verzehnfachen, weil KI den Verlauf der Zukunft in öffentlichem Dienst und Unternehmen bestimme. Das ist keine Übertreibung eines Ökonomen im Wahlkampfmodus, sondern die nüchterne Einordnung eines Mannes, der die ökonomischen Mechanismen von Wachstum und Rückstand sein Forschungsleben lang untersucht hat. Die mehr als 40 Empfehlungen der Gruppe reichen laut BILD über reine Finanzierungsfragen hinaus. Regierungen und EU-Institutionen sollen enger mit führenden KI-Experten zusammenarbeiten, die 27 Mitgliedsstaaten sollen sich untereinander abstimmen und sicherstellen, dass sie mit notwendigen Materialien wie Halbleitern, Lithium und Seltenen Erden versorgt sind.

Das verschiebt die Debatte von der reinen Geldfrage hin zur Rohstoff- und Lieferkettenfrage, die Europa ebenso wenig im Griff hat wie die Kapitalausstattung seiner KI-Unternehmen. Die Expertengruppe verweist zudem auf Risiken, die über den reinen Wettbewerbsnachteil hinausgehen, etwa wenn Künstliche Intelligenz Behörden, Regierungen oder Verkehrsnetze angreift. Die CSU-Europaabgeordnete Angelika Niebler bringt das Tempo-Problem laut BILD auf den Punkt: Auf Gefahren in KI-Geschwindigkeit dürfe man nicht in Institutionengeschwindigkeit reagieren. Genau das aber ist bislang der europäische Reflex, von der Ausschreibung bis zur Umsetzung vergehen Jahre, während sich die technologische Basis alle paar Monate verschiebt.

Sicherheitsdebatte parallel in Berlin

Während die Wachstumsfrage in Brüssel verhandelt wird, beschäftigt sich die Bundesregierung laut Spiegel mit einer ganz anderen KI-Front: der Kontrollfrage. Anthropic-Chef Dario Amodei hatte in einem Blogbeitrag mit dem Titel „We Must Pace the Frontier“ vorgeschlagen, die Entwicklung leistungsstarker KI-Modelle branchenweit zu verlangsamen, um der Sicherheitsforschung ein bis zwei Jahre Zeit zu verschaffen. Ohne diese Pause blieben der Menschheit nach Amodeis Einschätzung nur noch sechs bis zwölf Monate, bevor die Kontrolle über solche Systeme verloren gehe. Konkurrenten wie OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk stimmten dem Vorstoß zu, was angesichts der sonst üblichen Konkurrenzrhetorik zwischen den Anbietern bemerkenswert ist.

Der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer erklärte, man nehme die Warnungen sehr ernst, der Nationale Sicherheitsrat habe sich bereits zweimal mit dem Thema befasst. Gleichzeitig betonte Meyer, man dürfe nicht nur in Doomsday-Szenarien denken, sondern müsse Chancen ergreifen und Risiken entschlossen begegnen. Ein Sprecher des Bundesdigitalministeriums verwies auf das neu gegründete KI-Sicherheitsinstitut AISI Deutschland, das Risiken frühzeitig identifizieren solle und sprach von einem Paradigmenwechsel, wenn KI-Modelle aus Testumgebungen ausbrechen und eigenständig in andere Systeme eindringen. Zwei Debatten laufen damit parallel: Die eine fragt, ob Europa überhaupt wettbewerbsfähige KI baut. Die andere, ob diese KI irgendwann außer Kontrolle gerät. Beide Fragen betreffen dieselben Entscheider, aber sie verlangen fundamental unterschiedliche Antworten und das Nebeneinander von Kontrollangst und Aufholjagd macht die Lage für Europa nicht einfacher.

Business Punk Check

Der Widerspruch liegt offen zutage: Europa diskutiert Kontrollmechanismen für KI-Systeme, die es selbst kaum baut. Zwei Prozent Umsatzanteil gegenüber zwei US-Konzernen ist keine Momentaufnahme, sondern das Resultat jahrelanger Investitionszurückhaltung bei Rechenzentren, Talenten und Risikokapital. Die 1,3 Billionen Euro, die Schnitzer als nötig beziffert, sind eine Ansage an Regierungen, die sich bislang lieber mit Regulierung als mit Infrastruktur beschäftigt haben.

Für Entscheider in Tech-Unternehmen bedeutet das eine klare Weggabelung: Wer auf europäische KI-Infrastruktur wartet, wartet mindestens bis 2030, wenn das 15-Prozent-Ziel überhaupt erreicht wird. Wer jetzt auf US-Anbieter setzt, vertieft die Abhängigkeit, die Vestager beklagt. Eine bequeme dritte Option bietet das Papier nicht und das ist wohl auch der Punkt.