EZB: Warum die Personalsuche so brisant ist
Die Suche nach Spitzenpersonal für die Europäische Zentralbank (EZB) ist oftmals eine seltsame Mischung aus einem Blick auf die fachliche Eignung, einem machtpolitischen Ringen der beteiligten Staaten und etwas diffusen Versuchen, eine bestimmte geldpolitische Linie durchzusetzen. Derzeit geht es darum, wer Nachfolger für Philip Lane wird, den Chefvolkswirt der Notenbank. Lane ist 57 Jahre alt, seine Amtszeit endet im Mai nächsten Jahres. Die Commerzbank nennt ihn in ihrem „Hawkometer“, das „Falken“ (Befürworter einer straffen Geldpolitik) und „Tauben“ (Befürworter einer lockeren Geldpolitik) unterscheidet, „eine moderate Taube“.
Die Entscheidung, wer es wird, ist nach allem, was man hört, noch nicht gefallen. Es sei aber davon auszugehen, dass die Besetzung Teil eines Gesamtpakets werde, bei dem von der Politik neben der Eignung der Kandidaten viele Faktoren abzuwägen seien.
Die Abwägung geht so: EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat sich zwar noch nicht präzise geäußert, wie lange sie ihr Amt ausüben will. Offiziell geht ihre Amtszeit bis Oktober nächsten Jahres. Spekuliert wird, sie könnte nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar, aber vor den Frankreichwahlen im April aufhören. Vor zwei Wochen wurde zudem bekannt, dass EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sich um einen Posten beim Internationalen Währungsfonds (IWF) bewirbt, die Leitung der Abteilung Märkte. Ihr Wechsel könnte in eine ähnliche Zeit fallen wie die beiden anderen Personalentscheidungen. Das könnte also für ein Paket sprechen, in das die Politik noch weitere Personalentscheidungen aufnehmen könnte, wenn eine Kompensation der nicht zum Zuge kommenden Länder dadurch einfacher werden sollte.
Die Trostpreis-Theorie
In welchem Verhältnis die Entscheidung über EZB-Präsidenten und EZB-Chefvolkswirt zueinander stehen, dazu gibt es unterschiedliche Narrative. So war mal zu hören, wenn Deutschland keine Aussichten habe, den EZB-Präsidenten zu stellen, weil mit Ursula von der Leyen schon eine Deutsche die EU-Kommissionspräsidentin sei, dann wäre der Chefvolkswirt ja vielleicht ein schöner Trostpreis. Oder aber: Vielleicht könnte es Deutschland mit einem starken EZB-Chefvolkswirt wie im Fall Philip Lane ja sogar gelingen, die Geldpolitik unauffälliger zu beeinflussen, als wenn man den Präsidenten stelle und damit Angst vor einer deutschen Dominanz in Europa schüre?
Eine andere, weniger in Deutschland verbreitete, Theorie ist, dass man bei der Besetzung der Posten Präsident und Chefvolkswirt gleichsam einen Proporz zwischen Ländern mit hohen Schulden und solchen mit weniger hohen Schulden hinbekommen müsse, weil deren geldpolitische Interessen in einer möglichen Staatsschuldenkrise entgegengesetzt sein könnten.
Kandidat Tobias Adrian vom IWF
Mehrfach wurden in Medien konkrete Namen genannt. Besonders interessant vielleicht: Die britische Zeitung „Financial Times“ nannte Anfang der Woche den IWF-Ökonomen Tobias Adrian, geboren 1971 in Kronberg im Taunus, als einen der Namen, die in Berlin für den Posten kursierten. Beobachter sagen über ihn, er sei „in der akademischen Welt sehr angesehen“, ein „stark amerikanisierter Deutscher“. Wie viel politische Unterstützung er habe, sei aber nicht so klar. Adrian hat sich unter anderem mit Finanzmarktstabilität und Systemrisiken befasst, sodass er nicht so ganz ins übliche Schema der Geldpolitiker von Falken und Tauben passt. Er hat auch mal zusammen mit Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier geforscht, der auch schon als möglicher Kandidat für den EZB-Chefvolkswirtposten gehandelt wurde und nächste Woche in Deutschland ist. Zudem ist Adrian ausgerechnet derjenige, dessen Nachfolgerin beim IWF jetzt offenbar EZB-Direktorin Schnabel werden will. Das klingt als Teil eines Pakets jedenfalls nicht vollkommen unplausibel: Schnabel geht zum IWF, der IWF-Mann zur EZB. Und EZB-Präsident wird dann jemand, der jedenfalls nicht aus Deutschland kommen kann, zum Beispiel der frühere spanische Notenbank-Gouverneur Pablo Hernández de Cos. Der ist derzeit Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel.
Die französischen Ökonomie-Professorinnen
Im Laufe der Woche kam dann aber eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters zu dem Thema, die sich fast wie eine Antwort aus Frankreich auf diesen Vorschlag las. Fast so, als ob Frankreichs Präsident Emmanuel Macron durchblicken lassen wollte: Also Freunde, so ganz ohne Machteinfluss für Frankreich geht das ja nun nicht. In der Meldung hieß es, Frankreich könnte den Niederländer Klaas Knot als EZB-Präsidenten unterstützen. Und zwar, wenn im Gegenzug jemand aus Frankreich EZB-Chefvolkswirt werde. Genannt wurden als mögliche Kandidatinnen die Vize-Chefin der französischen Zentralbank, Agnès Bénassy-Quéré, die frühere OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boone sowie die Ökonomin Helene Rey. Knot galt in seiner Zeit im EZB-Rat anfangs als entschiedener Falke, der öfters mal mit dem damaligen Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann für die harte Linie stimmte. Im Laufe der Zeit rückte er geldpolitisch dann mehr in die Mitte, wie der Mannheimer Ökonom Friedrich Heinemann in einer KI-gestützten Analyse der möglichen Lagarde-Nachfolger herausgearbeitet hat. Heinemann meint, das könnte schon Wahlkampf um das Präsidentenamt gewesen sein. Lagarde selbst hatte sich mal vorsichtig für ihn ausgesprochen. Das Angebot der Franzosen, Knot mitzutragen, könnte den Niederländer also gleichsam richtungsmäßig der Deutschen Bundesbank zuordnen, und dadurch eine Forderung nach Kompensation für Frankreich beim Chefvolkswirtposten begründen.
Die Deutung, mit der die beiden gegensätzlichen Paketvorschläge erklärt wurden, lautete dabei: Frankreichs wachsende Schuldenprobleme hätten dazu geführt, dass Paris mehr denn je darauf bedacht sei, die Zügel der Geldpolitik der Eurozone möglichst fest in der Hand zu behalten. Das weniger verschuldete und wirtschaftspolitisch orthodoxere Deutschland sehe hingegen eine mögliche Aufweichung des Bekenntnisses der EZB zur Preisstabilität weiter skeptisch.
Wenn man sich gar nicht einigen kann
Wenn die Deutschen und die Franzosen, von allen anderen mal abgesehen, sich nicht auf einen EZB-Präsidenten einigen könnten, dann könnte es noch einen Notnagel geben. Dann könnte man womöglich François Villeroy de Galhau aus dem Ruhestand zurückholen, so wird spekuliert. Der französische Notenbankchef hatte sein Amt im Juni vorzeitig aufgegeben. David Marsh von der Denkfabrik OMFIF, durchaus ein profunder Kenner der Notenbankszene, hatte den Gedanken zuletzt vorgetragen. Villeroy de Galhau gilt unter Notenbankern allgemein als beliebt, er war im EZB-Rat oft ein Mann der Mitte. In dieser Woche erhielt er zusammen mit Bundesbankpräsident Joachim Nagel in Paris einen deutsch-französischen Medienpreis. Allerdings: Villeroy de Galhau ist 67 Jahre alt und hatte bei seinem vorzeitigen Rückzug sehr nachdrücklich erklärt, seine „Aufgabe erfüllt“ zu haben und sich jetzt privat um eine Kinder- und Jugendstiftung kümmern zu wollen. Zudem hat Frankreich schon zweimal den EZB-Präsidenten gestellt. Da wären andere vorher mal dran.