Ex-Terroristin aus Kassel: „Wir langweilten uns zu Tode und erfanden die RAF"
Stand: 16.09.2026, 14:00 Uhr
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Mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin gründete Astrid Proll die RAF. Nun hat die aus Kassel stammende Ex-Terroristin ihre Autobiografie veröffentlicht. Ein Wort der Reue findet man darin nicht.
Kassel – Das Leben einer Revolutionärin, wie Astrid Proll es führte, muss ziemlich langweilig gewesen sein. In ihrer gerade erschienenen Autobiografie erzählt die aus Kassel stammende RAF-Mitgründerin, wie sie 1969 mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin mehrere Wochen in der Nähe von Neapel verbrachte. Die drei späteren Terroristen waren noch nicht im Untergrund, aber schon auf der Flucht vor der Polizei.
Der Alltag in Italien sah dann so aus, wie Proll schreibt: „Ensslin las Gramschi, ich ging einkaufen, Baader hielt Monologe, Ensslin und er vögelten, wir hockten in der Kälte vor einem Heizstrahler, ich hatte Zahnschmerzen. Wir langweilten uns zu Tode und erfanden die RAF.“
Offizielle Geburtsstunde der RAF war der 14. Mai 1970, als Ensslin und Ulrike Meinhof den inhaftierten Baader in Berlin befreiten. Heute wird die Terrorvereinigung für 34 Tote und mindestens 230 zum Teil schwer verletzte Menschen verantwortlich gemacht. Proll aber erzählt in „Zwischen Sturm und Stille. Wie ich der RAF entkam“ so nebenbei von der Gründung, als ginge es um einen Gesangsverein. Auch auf die RAF trifft offensichtlich der Satz der Philosophin Hannah Arendt zu, die während des Prozesses gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann von der „Banalität des Bösen“ schrieb.
RAF-Mitgründerin aus Kassel: Kein Wort der Reue in ihrer Autobiografie

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Dritten Reichs kämpfte die Baader-Meinhof-Gruppe gegen Faschismus und Kapitalismus und für eine aus ihrer Sicht bessere Welt. Heraus kam das blutigste Kapitel in der bundesrepublikanischen Geschichte. Wer von Proll ein Wort der Reue oder Entschuldigung erwartet, wird in dem Buch enttäuscht, das sie mit dem Kurator und Autor Boris von Brauchitsch schrieb. Die 79-Jährige, die in Berlin lebt, gibt sich selbstgerecht und zeigt sich außerstande, ihr Verhalten zu reflektieren. Bezeichnend ist ihre Feststellung, Selbstkritik sei keine Selbstkritik, wenn man dazu aufgefordert werde.
Eine Interviewanfrage unserer Zeitung lehnte Proll ab. Man hätte sie beispielsweise gern gefragt, warum sie den heroischen Untertitel „Wie ich der RAF entkam“ wählte. Oder wieso sie sich auch noch nach der Teilnahme an einem Trainingscamp der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO 1970 in Jordanien inklusive Schießtraining für den bewaffneten Kampf entschied. Im Buch klingt es dagegen immer so, als sei die da irgendwie hineingeraten.
Über ihren Bruder Thorwald Proll hatte sie Ende der 1960er-Jahre in Berlin Baader und Ensslin kennengelernt. Am 2. April 1968 steckten Thorwald Proll, Baader und Ensslin zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand. Der Kasseler hörte mit dem bewaffneten Kampf jedoch auf, bevor der dann wirklich begann. 1969 besuchte Astrid Proll die Brandstifter im Gefängnis in Wehlheiden. Im Buch notiert sie: „Baader hielt sich recht gut hinter Gittern. Im Gegensatz zu ihm war mein Bruder überhaupt nicht knastfähig. Er bemühte sich mir gegenüber nicht einmal, die Fassade aufrechtzuerhalten.“
Weggefährten charakterisieren Astrid Proll als Mitläuferin. Sie selbst sagt über sich, dass sie anders als ihr Bruder Auto fahren konnte. Und einer musste ja das Fluchtauto fahren – etwa nach den Banküberfällen am 15. Januar 1971 in Kassel. Ob Proll bei den Überfällen auf die Sparkassenfilialen in Wehlheiden und der Südstadt dabei war, ist bis heute unklar. Sie lässt auch die Frage offen, ob sie den Alfa Romeo steuerte, als Baader aus einer Bibliothek in Berlin-Dahlem befreit wurde. Man kann es jedoch erahnen, denn sie schreibt, die Fahrerin habe gespürt, wie ihr „warm Erbrochenes den Rücken runterlief“. Die ebenfalls beteiligte Irene Goergens, die hinter ihr gesessen habe, sei so aufgeregt gewesen, dass sie sich habe übergeben müssen. Das Leben der Astrid Proll war eben kein Film.
Ihr Glück war wohl, dass sie verhaftet wurde, bevor die RAF mit dem Morden begann. 1971 wurde sie in Hamburg festgenommen und später verurteilt. Als sie wieder auf freiem Fuß war, tauchte sie ein weiteres Mal unter, diesmal in London. Nach der erneuten Festnahme wurde sie unter anderem wegen Banküberfällen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, die sie nicht mehr antreten musste, weil ihr die Untersuchungshaft angerechnet und die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde. Später arbeitete die ausgebildete Fotografin als Bildredakteurin unter anderem für den „Spiegel“.
Ex-Terroristin Astrid Proll aus Kassel: „Außerdem hat mein Leben mich sehr gut entertained.“

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Offen berichtet Proll in ihrem Buch, das sich anders als so manches Theorie-Geschwurbel der RAF ganz gut lesen lässt, über ihre Kindheit in Kassel. Als Tochter des Architekten Konrad Proll, der unter anderem das AOK-Gebäude an der Schönen Aussicht gebaut hat, wuchs sie im Stadtteil Brasselsberg auf. Nachdem die Mutter die Familie verlassen hatte, kam sie ins Internat der Ursulinenschule in Fritzlar. Dies sei das „erste Gefängnis meines Lebens“ gewesen: „Dort waren die in eisigen Schlafsälen und zwischen Kirchenbänken gefangenen Kinder der Menschenfeindlichkeit der Nonnen ausgeliefert.“ Später besuchte sie ein Internat im Schwarzwald, wo sie ihre Homosexualität entdeckte. Auch das machte sie im queerfeindlichen Nachkriegsdeutschland zur Außenseiterin.
Als Erwachsene kehrte sie mit Baader und Ensslin nach Nordhessen zurück. Mit der Heimkampagne versuchten die Revolutionäre etwa im ehemaligen Kloster Breitenau in Guxhagen, das damals ein Mädchenerziehungsheim war, Jugendliche für ihre Sache zu gewinnen. Die jungen Menschen, schreibt Proll, seien die perfekte Zielgruppe – anders als die Arbeiterschaft, die durch Konsum schon korrumpiert sei. Blöd, wenn das Proletariat, für das man die Weltrevolution plant, nichts von einem wissen will.
Heute gibt es wieder Menschen, die Gewalt als legitimes Mittel gegen den Faschismus ansehen. Im „taz“-Interview sagt Proll auf die Frage, ob sie Solidarität gegenüber jemandem wie der Linksextremistin Lina E. empfinde, die in Kassel aufwuchs und wegen schwerer Gewalttaten im Gefängnis sitzt: „Ich verfolge das nicht. Aber ich finde schon, dass zum Teil sehr hart mit ihnen umgegangen wird.“ Außerdem sagt sie dort etwas Bemerkenswertes auf die Frage, ob sie manchmal darüber nachdenke, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie Baader und Ensslin nicht getroffen hätte. Nein, sagt sie: „Außerdem hat mein Leben mich sehr gut entertained.“ Ihr Bruder Thorwald Proll, der als Lyriker in Hamburg lebt, hat das Buch noch nicht gelesen. Zu seiner Schwester hat der 85-Jährige nicht das beste Verhältnis. Der HNA sagte er: „Eine Autobiografie ist immer der Kampf gegen das eigene Herz.“ (Matthias Lohr)
Termin: Astrid Proll stellt ihr Buch am 11. Februar (19.30 Uhr) bei einer Lesung im Kasseler Literaturhaus vor.