Experte über Dürre: „Das Ausmaß der Schäden wird sich im Frühjahr zeigen“

Süddeutschland ist von extremer Dürre betroffen, die zunehmend den Wäldern zusetzt. Fortwissenschaftler Ulrich Schraml warnt vor häufigeren Waldbränden.

Ein von Trockenstress und Dürreschäden gezeichneter Ahorn - ein Blatt ist zur Hälfte schon vertrocknet.
Trockene Wälder? Man sieht es schon an den Blättern

Foto: David Ebener/dpa

Bernward Janzing

taz: Herr Schraml, wie dramatisch ist die Situation der Wälder?

Ulrich Schraml: Für uns galt schon der trockene Sommer 2018 als Ausreißer, doch der Sommer 2026 ist noch extremer. Dieses Jahr sind wir im Juni schon mit Hitzerekorden und einer Dürre gestartet, die sich immer weiter zuspitzt. Jetzt werfen einige Laubbäume bereits ihre Blätter ab – die Wälder leiden erheblich.

taz: Sind die Bäume damit dauerhaft geschädigt, oder werden sie sich regenerieren können?

Porträt von Ulrich Schraml

Bild: Nikki Wagner

Im Interview: Ulrich Schraml

ist Direktor der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg

Schraml: Das werden wir erst im kommenden Frühjahr wissen. Die Laubbäume versuchen sich zu schützen, indem sie ihre Blätter abwerfen, weil sie auf diese Weise ihre Verdunstung reduzieren. Deswegen sind auch nicht alle Bäume, deren Blätter jetzt braun werden, verloren. Ob ein Baum überlebt, hängt vor allem auch von anderen Organismen ab. Zumeist sterben die Bäume ja nicht unmittelbar aufgrund des Wassermangels, sondern weil der Trockenstress ihre Abwehr schwächt. Dann haben Borkenkäfer, die durchaus auch die Buche angreifen können, oder Pilze – wie die Weißfäule – leichtes Spiel. Es ist immer eine Kette von Ereignissen, die einem Baum zum Verhängnis wird. Von daher ist derzeit schwer zu prognostizieren, welche Schäden in den Wäldern mittelfristig entstehen.

taz: Hat dieser Sommer der Forstwirtschaft neue Erkenntnisse gebracht, oder allein die Bestätigung geliefert, dass der Wald trocken- und hitzeresistenter werden muss?

Schraml: Grundsätzlich wissen wir, in welche Richtung der Wald sich verändern muss, entsprechend läuft der Umbau seit Jahrzehnten. Wir kennen die Eignung verschiedener Baumarten bei Hitze und Trockenheit heute recht gut. Die Fichte leidet oft zuerst, aber auch hochgewachsene Tannen schaffen es bei Dürre nicht mehr, genug Wasser bis an ihre Spitze zu bringen. Unter den Nadelbäumen hat die Schwarzkiefer als Art mit südeuropäischer Herkunft eine gute Prognose.

Bei der Buche haben wir gelernt, dass sie mit der Trockenheit doch mehr Probleme hat als lange angenommen. Sie ist an regenreiche Sommer angepasst und verliert viel Wasser über ihre Blätter. Die Eiche ist da effizienter. Bei Buchen kann es dann passieren, dass bei Trockenheit der Wasserfaden in einem Trieb abreißt. Wenn dann Luft in die Leitbahnen kommt, ist das wie eine Embolie. Der Krone stirbt dann von oben nach unten ab.

taz: Aber irgendwelche Schlüsse werden Sie aus diesem Sommer ziehen?

Schraml: Die wichtigsten Antworten auf diesen Sommer liegen zunächst abseits der Forstwirtschaft. Wir müssen an erster Stelle den Klimaschutz verbessern. Auch andere Fragen, die sich stellen, betreffen die Gesellschaft in ihrer Breite; zum Beispiel, wie gut wir aufgestellt sind, um Waldbrände zu vermeiden. Dieser Sommer zeigt uns, dass die Bedrohung durch Waldbrände auch bei uns zunimmt.

taz: Die Zusammensetzung der Baumarten in den Wäldern muss man nach diesem Extremsommer also nicht neu bewerten?

Schraml: Die Suche nach dem vermeintlichen „Superbaum“ sollten wir nicht in den Mittelpunkt stellen – zumal neun von zehn jungen Bäumen in den Wäldern aus Naturverjüngung kommen, also gar nicht gepflanzt werden. Idealerweise unterstützt der Forstbetrieb dann den Aufwuchs der Mischbaumarten, die vielleicht in der Jugend wenig konkurrenzkräftig sind, aber eine gute Prognose haben.

taz: Die öffentliche Debatte dreht sich oft um die richtige Baumart.

Schraml: Genau, zugleich geht unter, dass es noch ganz andere Aspekte gibt, die die Resilienz der Wälder unterstützen. Die Art des Wegebaus im Forstbetrieb ist zum Beispiel ein wichtiger Faktor. Die Anlage der Infrastruktur entscheidet nämlich darüber, ob Wasser schnell in die Bäche abfließt, oder aber dem Waldboden zugeführt wird. Da der Waldboden nur zu wenigen Zeiten mit Wasser gesättigt ist, sollten wir alles tun, um möglichst viel Regenwasser im Wald zu halten. Da können Versickerungsgruben oder kleine Tümpel helfen. Ähnliches gilt für Stadtbäume: Wir brauchen mehr Flächen, auf denen Regenwasser versickern kann. Die gute Durchfeuchtung der Böden ist das Beste, was wir den Bäumen bieten können.

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