Expertin: "Einer von vier Alkoholikern hat ADHS. Das wird aber komplett übersehen"

ADHS und Sucht

Expertin: "Einer von vier Alkoholikern hat ADHS. Das wird aber komplett übersehen"

Jede zweite Person mit ADHS entwickelt im Lauf des Lebens eine Suchterkrankung – doch noch wird das in der Behandlung viel zu wenig berücksichtigt

Interview

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Pia Kruckenhauser

Zwei lachende Männer stoßen in einer fröhlichen Runde mit Bierkrügen in einer Bar an, während sie feiern.
Alkohol stößt, ebenso wie andere Drogen, einen Dopaminkick an. Menschen mit ADHS nutzen Suchtmittel deshalb oft unbewusst als eine Art "Selbstmedikation".

"Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit jemandem im Café. Im Hintergrund läuft Musik, Besteck klappert, Menschen reden. Sind diese Hintergrundgeräusche für Sie genauso präsent wie das Gespräch?" Diese "Killer"-Frage hilft Gaby Guzek in ihrem Coaching herauszufinden, ob eine Person womöglich ein unbehandeltes ADHS haben könnte. Man geht davon aus, dass fünf bis sechs Prozent aller Menschen von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung betroffen sind, auch wenn die offiziellen Diagnosezahlen noch deutlich darunter liegen.

Das Problem dabei: Jede zweite Person mit ADHS entwickelt im Laufe des Lebens eine Suchterkrankung. Dieser Zusammenhang ist aber sowohl unter ADHS-Betroffenen als auch bei Ärztinnen und Suchtberatern noch viel zu wenig präsent. Deshalb haben Gaby und Lisa Guzek ein Buch darüber geschrieben. Mutter Gaby ist Wissenschaftsjournalistin und coacht Suchtkranke auf dem Weg aus der Sucht. Sie weiß genau, woran sie oft scheitern, weil sie selbst 20 Jahre lang alkoholabhängig war. Tochter Lisa wurde als Erwachsene mit ADHS diagnostiziert.

Im STANDARD-Gespräch berichten sie, wie es sich anfühlt, mit ADHS durchs Leben zu gehen, warum die Netzwerkstörung und Suchtmittel so ein funktionales Duo sind und wie es gelingen kann, aus dieser Spirale auszusteigen.

STANDARD: Lisa Guzek, wann haben Sie erfahren, dass Sie ADHS haben?

Lisa Guzek: Ich habe die Diagnose mit 26 Jahren bekommen. Seitdem nehme ich Medikamente und fühle mich sehr wohl damit. Die Diagnose kam dabei nicht ganz unerwartet, eine erste Vermutung wurde bereits in der Volksschule geäußert. Ich war dieses klassische ADHS-Kind, das nicht stillsitzen konnte und den Unterricht gestört hat. Meine Eltern haben das damals aber nicht weiter verfolgt, auch weil ADHS-Medikamente noch ganz anders dosiert wurden.

STANDARD: Wie kam es dazu, dass Sie das Thema als junge Erwachsene wieder aufgegriffen haben?

Lisa Guzek: Mit Anfang 20 habe ich mehrere Bücher von Russell Barkley gelesen, das ist DER US-Experte für ADHS. Bei vielen Beschreibungen dachte ich: Das bin doch ich. Trotzdem habe ich mich nicht sofort um eine Diagnose bemüht. Der Weg dorthin ist leider alles andere als ADHS-freundlich. Man muss Termine organisieren, Wartezeiten aushalten, immer wieder dranbleiben. Also genau das, was Menschen mit ADHS besonders schwerfällt.

STANDARD: Dann wurde aber rasch diagnostiziert?

Lisa Guzek: Leider nein. Der erste Psychiater, bei dem ich war, hat mir geraten, mit Videospielen aufzuhören und Antidepressiva zu nehmen, dann würden auch die Konzentrationsprobleme verschwinden. Das war natürlich ein ziemlicher Rückschlag. Insgesamt hat es vom ersten Verdacht bis zur Diagnose fast drei Jahre gedauert.

STANDARD: Ihre Geschichte ist etwas anders, Gaby Guzek. Wie kommen Sie zum Thema ADHS und Sucht?

Gaby Guzek: Das liegt in meiner eigenen Geschichte begründet. Ich war 20 Jahre lang alkoholabhängig. Ich selbst habe kein ADHS, ich bin über das sogenannte Entspannungstrinken in die Sucht hineingerutscht. Beruf, Familie, Kinder, alles gleichzeitig, am Abend habe ich mich dann mit Alkohol belohnt. Mittlerweile bin ich seit vielen Jahren abstinent, zudem begleite ich Menschen mit Alkoholproblemen beim Ausstieg.

ADHS und Sucht waren dabei für mich zunächst zwei völlig getrennte Themen. Lisas Geschichte hat mich aber für ADHS sensibilisiert. Dadurch fiel mir in der Arbeit mit meinen Klientinnen und Klienten auf, dass erstaunlich viele typische ADHS-Symptome zeigten. Daraus entstand irgendwann eine einfache "Killer"-Frage, die ich Menschen in der Beratung gestellt habe. Wenn dann als Reaktion kam: "Woher wissen Sie das?", habe ich geraten, ADHS abklären zu lassen.

STANDARD: Von wie vielen Betroffenen sprechen wir da?

Gaby Guzek: Eine enorme Zahl. Als ich begonnen habe zu recherchieren, war ich wirklich schockiert. Etwa jeder vierte Alkoholabhängige hat ein zugrundeliegendes ADHS, bei manchen Substanzen wie Koks ist es sogar jede dritte Person. Und obwohl es so viele betrifft, wird dieser Zusammenhang häufig übersehen.

STANDARD: Aber warum entwickeln Menschen mit ADHS so häufig eine Suchterkrankung?

Gaby Guzek: Ganz vereinfacht gesagt ist ADHS ein Dopaminproblem. Der Botenstoff ist entscheidend für Motivation, Konzentration, das Belohnungssystem. Bei ADHS funktioniert dieses System nicht so, wie es sollte, das Dopamin gelangt unter normalen Umständen nicht in ausreichendem Ausmaß dorthin, wo es seine Wirkung entfalten kann. Das passiert oft erst, wenn großer Druck entsteht.

Suchtmittel haben den Effekt, dass sie den Dopaminpegel stark ansteigen lassen, das Belohnungssystem wird geflutet und bekommt einen Kick. Der sorgt dafür, dass bei Menschen mit ADHS auf einmal das Dopamin dorthin gelangt, wo es seine Wirkung tun kann. Irgendwann kommt hierzulande praktisch jeder mit Alkohol in Kontakt, ADHS-Betroffene spüren dann: Ah, mir geht es auf einmal besser, ich kann mich konzentrieren, die innere Unruhe wird weniger.

Dazu kommt, dass viele Menschen mit ADHS permanent mit Reizen überflutet werden, weil das Gehirn die unzähligen Eindrücke, die auf einen einprasseln, nicht ausreichend filtern kann. Auch daran ist ja das Dopamin beteiligt. Am Abend ist das Gehirn erschöpft, Alkohol sorgt dann scheinbar für Ruhe, das Gedankenchaos wird leiser, die Reize treten in den Hintergrund, man empfindet plötzlich Entspannung.

STANDARD: Das Suchtmittel ist also eine unbewusste Form der Selbstmedikation?

Gaby Guzek: Genau. Alkohol oder Drogen behandeln natürlich ADHS nicht. Aber sie wirken in gewisser Weise ähnlich wie ein Medikament, weil sie eben das Dopaminsystem beeinflussen. Die Menschen merken, mit der Substanz funktioniert es besser. Sie wissen nicht, warum, aber es lässt sie wieder dazu greifen.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander vor einem beigen Hintergrund und lächeln in die Kamera. Beide tragen einen bunten, regenbogenfarbenen Schal. Sie halten zusammen ein Buch mit dem Titel „Suchtrisiko ADHS – Wenn das Gehirn nicht anders kann“ in den Händen.
Lisa Guzek (Jahrgang 1996) ist ausgebildete Schauspielerin, derzeit studiert sie Psychologie an der Universität Klagenfurt. Mit 26 Jahren wurde bei ihr ADHS diagnostiziert, sie hat sich intensiv mit diesem neurodiversen Phänomen beschäftigt und engagiert sich in der ADHS-Selbsthilfe in Wien. Gaby Guzek (Jahrgang 1967) ist Fachjournalistin für Wissenschaft und Medizin. Sie war jahrelang selbst von schwerer Alkoholsucht betroffen und mit den Therapiemöglichkeiten unzufrieden. Deshalb begann sie, sich zusammen mit ihrem Mann, Dr. med. Bernd Guzek, mit dem Phänomen Sucht auseinanderzusetzen. Heute steht sie als Coach Alkoholsüchtigen zur Seite und hilft ihnen dabei, ihre Sucht nachhaltig zu besiegen.

STANDARD: Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Lisa Guzek: Ja, ganz typisch hat sich das im Zuge meiner Führerscheinprüfung gezeigt. Für die Theorieprüfung musste ich rund 1400 Fragen mehr oder weniger auswendig lernen. Ich habe acht Stunden gebraucht, um ungefähr 30 Fragen wirklich zu können. Und am nächsten Tag war alles wieder weg. Irgendwann dachte ich, vielleicht bin ich einfach nicht für den Führerschein gemacht.

Dann war ich eines Abends mit Freunden unterwegs. Ich kam gegen drei Uhr morgens leicht angetrunken nach Hause und hatte den Impuls, die Führerscheinfragen noch einmal durchzugehen. Und auf einmal funktionierte es. Ich konnte lernen, ich konnte mir alles merken und am nächsten Morgen war das Wissen immer noch da. Das war ein zweischneidiges Erlebnis. Ich hatte mir endlich alles gemerkt. Gleichzeitig habe ich mich von Alkohol meist ferngehalten. Ich bin mit einer alkoholabhängigen Mutter aufgewachsen und wusste genau, welche Gefahr darin liegt. Aber es hat meinen Verdacht auf ADHS massiv verstärkt.

STANDARD: Und warum wirkt der Alkohol so konzentrationsfördernd? Ist das immer so?

Gaby Guzek: Weil eben das Dopaminsystem kurzfristig angekurbelt worden ist. Bei Lisa führte das dazu, dass sie sich plötzlich konzentrieren konnte. Aber das ist nicht bei allen Menschen so. ADHS ist ein Spektrum. Es gibt nicht das eine typische Muster. Ich hatte beispielsweise einen Klienten, der mit Freunden auf ein Feierwochenende gefahren ist. Alle nahmen Kokain und Ecstasy, um die Nacht durchzutanzen. Seine Freunde gingen feiern, während er eingeschlafen ist. Das klingt paradox, ist aber typisch. Denn diese Stimulanzien können ein ADHS-Gehirn beruhigen, statt es anzutreiben.

STANDARD: Welche Substanzen sind für Menschen mit ADHS besonders reizvoll?

Gaby Guzek: Im Grunde jede Form von Suchtmittel. Alkohol ist einfach eine sehr gängige Droge in unserer Kultur. Viele greifen auch zu Cannabis, weil es sie zur Ruhe bringt. Ein ADHS-Gehirn ist ja ständig beschäftigt. Da schießen Gedanken und Reize kreuz und quer, Steuererklärung, ein Vogel fliegt draußen vorbei, die zu beantwortende E-Mail, ein Geräusch im Hintergrund, alles prasselt gleich intensiv auf das Gehirn ein. Cannabis dämpft dieses Gedankenfeuerwerk. Dazu kommen Nikotin, Kokain und andere Stimulanzien. Und die nicht stoffgebundenen Süchte sind ein ebenso großes Thema, also Glücksspiel, exzessives Gaming, Shopping oder Pornografie. Oft kommt es auch zu mehreren Süchten parallel, das ist nicht unüblich.

STANDARD: Und woran erkennt man, dass hinter einer Suchterkrankung möglicherweise ein unbehandeltes ADHS steckt?

Gaby Guzek: Dafür muss man klar und ehrlich hinterfragen, wofür man die Droge eigentlich benutzt. Was verändert sie im Kopf? Wird der Blick plötzlich klar? Kann man sich besser konzentrieren? Werden störende Reize leiser? Dann lohnt es sich, über eine ADHS-Abklärung nachzudenken. Das versuche ich eben mit meiner "Killer"-Frage herauszufinden. Denn die zielt genau auf diesen fehlenden Reizfilter ab, der für viele Menschen mit ADHS typisch ist.

STANDARD: Wie fühlt sich dieser fehlende Reizfilter im Alltag an?

Lisa Guzek: Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner Schulzeit. Ich konnte gut schreiben, aber Diktate waren für mich die Hölle. Eigentlich sollte man der Lehrerin zuhören und mitschreiben. Gleichzeitig hat aber mein Sitznachbar geschnupft, draußen war eine Baustelle, im Klassenraum drunter probte der Chor, irgendwo turnten andere Kinder. Alles war gleich laut, gleich wichtig und gleich präsent. Da kann man sich einfach nicht mehr ausreichend darauf konzentrieren, was die Lehrerin im Diktat ansagt.

STANDARD: Ein anderes typisches Symptom ist, dass man, salopp gesagt, nicht in die Gänge kommt. Also eine Art Motivationsblockade. Wie fühlt sich das an?

Lisa Guzek: Man weiß genau, was zu tun ist, Wäsche waschen, einen Anruf tätigen, die Hausaufgaben erledigen. Während man auf der Couch sitzt, drehen sich die Gedanken an diese Aufgaben im Kopf permanent im Kreis. Dazu kommt die innere Aufforderung: Mach das jetzt endlich! Gib Gas! Aber zwischen dem Gedanken und der Handlung fehlt gewissermaßen der Zündschlüssel. Man schafft den Schritt vom Gedanken in die Umsetzung nicht oder erst in allerletzter Minute.

STANDARD: Und mit Medikamenten funktioniert das besser?

Lisa Guzek: Ja. Es verschwindet nicht komplett, aber es wird deutlich besser. Sie helfen unter anderem, genau diese Mechanismen anzustoßen. Ich schaffe es damit, die Dinge nicht erst auf den letzten Drücker zu erledigen, sondern eben dann, wenn sie anstehen. Die Reizüberflutung verschwindet dadurch aber nicht komplett. Ich habe deshalb für mich Strategien entwickelt, damit ich am Abend nicht komplett erschöpft bin. Ich verwende zum Beispiel oft Noise-Cancelling-Kopfhörer, um Umgebungsreize weitgehend auszublenden.

STANDARD: Noch einmal zurück zur Sucht. ADHS-Medikamente basieren auf Amphetamin-Verbindungen. Sie wirken also durchaus ähnlich wie Suchtmittel. Was ist dann der Unterschied?

Gaby Guzek: Tatsächlich sind das zwei unterschiedliche Welten. Ja, sowohl Kokain und Alkohol als auch ADHS-Medikamente wirken ähnlich auf das Botenstoffsystem. Aber bei Drogen hat man keine Kontrolle über die Dosierung oder was der Substanz sonst noch beigemengt ist. Man weiß es einfach nicht. Alkohol ist zudem ein Zellgift, das massive gesundheitliche Nebenwirkungen hat.

Medikamente sind dagegen niedrig dosiert und werden kontrolliert eingesetzt. Es geht eben genau nicht um diesen Kick, den ein Suchtmittel auslöst, sondern um eine langsame, kontrollierte Stabilisation des Dopaminhaushalts. Dann besteht auch keine Suchtgefahr. Es gibt dabei unterschiedliche Präparate. Ärztinnen und Ärzte sollten gerade bei Menschen mit Suchterkrankungen darauf achten, Präparate mit retardierter, also etwas verzögerter, Freisetzung zu verschreiben. Dann flutet der Wirkstoff langsam an.

STANDARD: Trotzdem wollen viele Eltern ihren Kindern keine ADHS-Medikamente geben.

Gaby Guzek: Das kann ich nachvollziehen. Diese Angst stammt aber aus einer Zeit, in der der Wirkstoff viel zu hoch dosiert wurde. Die haben die Kinder ruhiggestellt, manche wurden zu regelrechten "Ritalin-Zombies". Heute wird aber ganz anders behandelt. Die Medikamente werden individuell eingestellt und deutlich niedriger dosiert.

Ich empfehle wirklich allen Eltern, es zumindest zu versuchen. Denn unbehandeltes ADHS hat ebenfalls massive Folgen. Lisa hatte keine schöne Kindheit. Die Kinder werden oft gemobbt, viele scheitern trotz guter Begabung in der Schule, oft entwickeln sie das Gefühl, mit ihnen stimme grundsätzlich etwas nicht. All das ebnet wiederum den Weg in die Sucht. Wer sich mit Alkohol oder Cannabis zum ersten Mal ruhig, konzentriert oder angenommen fühlt, will diesen Zustand immer wieder.

Buchcover des Titels „Suchtrisiko ADHS: Wenn das Gehirn nicht anders kann“ von Gaby Guzek und Lisa Guzek. Der Text ist in größeren, bunten und blauen Buchstaben gestaltet. Unten der Untertitel: „Warum Betroffene besonders suchtgefährdet sind und wie sie sich schützen können“. Ein Kreis weist auf einen Extraratgeberteil zu Kindern mit ADHS hin.
Gaby Guzek, Lisa Guzek. Suchtrisiko ADHS – Wenn das Gehirn nicht anders kann. Warum Betroffene besonders suchtgefährdet sind und wie sie sich schützen können. Heyne Taschenbuch, 256 Seiten, € 14,95.

STANDARD: Daraus entstehen dann ja auch Langzeitfolgen...

Gaby Guzek: Genau, Menschen mit unbehandeltem ADHS leben im Schnitt rund zehn Jahre kürzer. Das liegt nicht am ADHS selbst, sondern an den Folgen, die es auslöst. Die Suchterkrankungen eben, dazu kommen vermehrt Unfälle durch risikofreudiges Verhalten und auch Suizide. Bei nicht wenigen Betroffenen entwickelt sich aus dem permanenten Gefühl der Unzulänglichkeit eine Depression. All das muss man endlich ernst nehmen. Ich wünsche mir vor allem, dass Fachleute in Medizin und Suchthilfe häufiger an ADHS denken. Diese beiden Bereiche arbeiten viel zu oft nebeneinander her. Dabei könnte genau diese Diagnose für viele Betroffene der Schlüssel sein.

STANDARD: Was raten Sie Menschen, die den Verdacht haben, selbst betroffen zu sein?

Lisa Guzek: Zunächst würde ich den Austausch mit anderen Betroffenen suchen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen. Dort merkt man schnell, dass man mit seinen Erfahrungen nicht allein ist. Man bekommt zudem wertvolle Tipps, welche Ärztinnen oder Psychologen sich wirklich mit ADHS auskennen. Außerdem würde ich keine Angst vor einer medikamentösen Behandlung haben. Man kann sie ausprobieren und gemeinsam mit Fachleuten entscheiden, ob sie hilft.

Mindestens genauso wichtig ist aber, das eigene Gehirn kennenzulernen und aufzuhören, permanent gegen sich selbst zu arbeiten. Dabei können kleine Tricks helfen. Ich hatte beispielsweise in meiner Wohnung am Ende in jedem Zimmer einen Wäschekorb und einen Mistkübel. Für andere wirkt das vielleicht seltsam, aber mir hat es geholfen, Wäsche und Müll sofort an einen dafür bestimmten Ort zu geben. Mit dieser Struktur konnte sich das Chaos nicht mehr in meiner Wohnung breitmachen, der Alltag funktioniert einfach viel besser.

Gaby Guzek: Medikamente allein lösen das Problem nicht. Aber sie schaffen womöglich die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt Strategien entwickeln und Routinen aufbauen kann. Auch Verhaltenstherapie kann hier einen wertvollen Beitrag leisten. Man lernt, mit dem eigenen Gehirn zu arbeiten, statt dagegen.

Lisa Guzek: Ich habe noch einen Appell an alle, die sich in einigen dieser Erzählungen wiedererkennen: Bleiben Sie hartnäckig. Ja, es ist oft mühsam, eine Diagnose zu bekommen. Aber sie kann erklären, warum man sich sein Leben lang anders gefühlt hat. Und sie eröffnet die Möglichkeit, endlich die Unterstützung zu bekommen, die man braucht. (Interview: Pia Kruckenhauser, 3.8.2026)

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