„Exzessiv antidemokratisch“ – warum eine Verhaftung in Bolivien eine Warnung für Deutschland ist
Stand: 26.09.2026, 07:34 Uhr
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Wie kann eine Verhaftung den Online-Auftritt des argentinischen Präsidenten wanken lassen? Dahinter stecken Desinformations-Tricks, die auch Europa gefährden.
Buenos Aires – Die Berlin-Wahl und die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben gezeigt: Die Wähler sind zunehmend gespalten. Es ist, als würden sie in verschiedenen Welten leben. Womöglich auch, weil wir immer seltener Meinungen begegnen, die unseren widersprechen. Die Algorithmen in den sozialen Netzwerken sorgen dafür, dass wir Inhalte sehen, die wir gut finden – unabhängig davon, ob sie wahr sind. „Die Algorithmen funktionieren nach Marktlogik“, sagt der bolivianische Digitalexperte Cristian Leon der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media und warnt vor einer massiven Gefahr für alle Demokratien. Ein Blick nach Südamerika zeigt, was Europa drohen könnte.

In Deutschland nutzen vor allem rechte und konservative Parteien Desinformation als Wahlkampfstrategie, wie eine Studie der Humboldt-Universität belegt. Darin heißt es: „Unter den Parteiaccounts teilte die AfD am meisten Desinformation. Ihr folgten CDU, CSU und BSW, während SPD, Grüne, Linke und FDP kaum Desinformation verbreiteten.“ Falschbehauptungen der AfD richten sich demnach häufig gegen demokratische Institutionen, während die Union bevorzugt falsche Nachrichten über politische Gegner verbreitet. In Bolivien haben im August die Folgen der Festnahme eines Politikberaters das Ausmaß gezielter Desinformation offenbart.
Kriminelles Netz überzieht Lateinamerika mit Desinformation – peinlicher Moment für Milei
Es geht um den Fall von Fernando Cerimedo, einem argentinischen Politikberater und Digitalstrategen. Seine Spezialität war der Einsatz von Social-Media-Kampagnen, Trolls und Bot-Netzwerken, er verhalf Rechtspopulisten in mehreren Ländern zum Wahlsieg. Darunter Jair Bolsonaro in Brasilien, Javier Milei in Argentinien und zuletzt Rodrigo Paz in Bolivien. „Cerimedo hat das Rad nicht neu erfunden, aber das Neue daran ist, dass diese Botfarmen für mehrere Länder funktionieren“, erklärt Leon, Direktor der zivilgesellschaftlichen Organisation Internet.Bolivia.org, die sich für digitale Rechte, Datenschutz und einen freien, sicheren Internetzugang einsetzt.
Im August wurde Cerimode in Bolivien festgenommen – wegen Verdachts auf Beteiligung an einem Schusswaffen-Attentat auf seine schwangere Ex-Partnerin. Außerdem werden ihm Drogenhandel, Geldwäsche und Beteiligung am Umsturzversuch in Brasilien vorgeworfen. Seine Festnahme machte aber vor allem einen Teil seiner Desinformationskampagnen sichtbar. Bei Razzien in mit ihm in Verbindung stehenden Immobilien entdeckte die bolivianische Staatsanwaltschaft eine Art „Mini-Bot-Farm“ mit technischer Ausrüstung zur Automatisierung und Verbreitung von Inhalten in sozialen Medien. Cerimedos Verhaftung ließ seine Onlinestrategie Lücken bekommen und sichtbar werden – was unter anderem der argentinische Präsident zu spüren bekam.
X-Accounts und Kommentare von Javier Mileis Abonnenten und Kommentatoren erschienen plötzlich mit serienmäßigen Namen, und Automatisierungscodes in den Antworten. Die durchschnittliche Reichweite seiner Tweets ging laut der Informationsplattform Somoscorta bis zu 62 Prozent zurück. Plötzlich zeigten fehlende Profilfotos, dass knapp die Hälfte der Accounts, die dem Präsidenten folgten, gefälscht waren, wie ein Bericht des Analyseunternehmens Binary Data zeigte. Der rechtslibertäre Kreis um Milei betrachtete der Vorfall erstaunlich nüchtern. „Früher wäre das ein Skandal gewesen“, sagt Leon, „aber heute verstecken sie diese Strategie nicht mehr. Sie stellen sie zur Schau.“ Die Grenze des Mach- und Sagbaren in Bezug auf Desinformation in Demokratien werde langsam verschoben. Fernando Cerimedo sprach in Interviews vor seiner Verhaftung stets offen und stolz über diese Strategien zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung.
„Schlimm ist vor allem die Operationalisierung der Angst und der Polarisierung, der Desinformation und des Hasses“, sagt Leon. Cambridge Analytica habe damals gezeigt, wie man anhand persönlicher Daten Ängste schüren kann. Cerimedo habe das aber auf ein neues Niveau gehoben. Der demokratische Dialog wird durch Hetze einer Masse von Bots als Gegenöffentlichkeit überdeckt, oppositionelle Meinungen werden im digitalen Raum einfach ausgelöscht. „Das ist exzessiv antidemokratisch“, sagt Leon. Er warnt vor massiven Auswirkungen auf Wahlergebnisse und die öffentliche Meinung.
Bots haben großen Einfluss, weil sie den Usern das Gefühl geben, die Meinung der Mehrheit zu teilen, was dazu führen kann, Inhalte weniger zu hinterfragen. In Bolivien sind bei der vergangenen Wahl gleich zwei Kandidatinnen nach massiven Hasskampagnen zurückgetreten. „Diese Dynamiken untergraben die Demokratie”, sagt Leon.
Trump sieht Lateinamerika in seiner Machtsphäre, deshalb will Putin Einfluss
Desinformationsstrategien ähneln sich indes über Ländergrenzen hinweg. Egal, woher sie kommen und wo sie angewendet werden. So nimmt etwa Russland sowohl in Deutschland und ganz Europa Einfluss, da flächendeckende Desinformation ein Werkzeug der hybriden Kriegsführung des Kremls gegen den Westen ist. Vor den Wahlen in Deutschland im September 2026 wurde (wieder einmal) die russische „Operation Matrjoschka“ aufgedeckt, die Schmutzkampagnen gegen Politiker:innen aller Parteien außer AfD und BSW in den Umlauf brachte.
In Lateinamerika wolle Moskau in der traditionellen Einflusszone der USA einen digitalen und politischen Unruheherd bilden, wie es die USA aus russischer Sicht in Osteuropa tun, sagt etwa der Politikwissenschaftler Vladimir Rouvinski, der die globalen Propagandastrukturen des Kremls analysiert. Dabei sind links und rechts nicht die richtigen Unterscheidungskategorien. Während Russland in Europa eher Rechtspopulisten unterstützt, dient die Desinformation in Lateinamerika den linkspopulistischen und USA-feindlichen Kräften.
Facebook hat schon vor Jahren eine Information herausgebracht, in der sie zeigen, wie Bots und Fake-Accounts in Russland, Iran oder Venezuela funktionieren.
Wirkt alles unkontrollierbar und dystopisch? Das sei es nicht, sagt Digitalexperte Leon. Seit Langem hätten Tech-Konzerne und Staaten Werkzeuge, um der Desinformation entgegenzutreten. „Facebook hat schon vor Jahren eine Information herausgebracht, in der sie zeigen, wie Bots und Fake-Accounts in Russland, Iran oder Venezuela funktionieren.“ Allein in Bolivien wurden damals 1400 Accounts gesperrt. Genau so, müssen die Plattformen heute rechtsextreme Netzwerke aufdecken und den Fall Cerimedo transparent machen, fordert Leon.
Auch Gesetze können die Desinformation bremsen. In Brasilien etwa wurden in den vergangenen Jahren einige der weltweit weitreichendsten regulatorischen und gerichtlichen Maßnahmen gegen Desinformation ergriffen. Nach der Neuregelung haften Tech-Konzerne etwa direkt und verschärft bei Untätigkeit, sobald sie Kenntnis über schwere Straftaten – wie Angriffe auf den demokratischen Rechtsstaat, Hassrede oder Deepfakes – besitzen und diese nicht unverzüglich entfernen. Auch die EU hat mit dem 2022 verabschiedeten Digital Services Act (DSA) ein Werkzeug geschaffen, das Plattformen bei systemischen Risiken in die Pflicht nimmt, etwa wenn sie die Verbreitung von Desinformation fahrlässig ermöglichen. (lm)