Der Filmklassiker "Fahrstuhl zum Schafott"
Jeanne Moreau hat geweint. Nass schimmert die Träne noch unter ihren Augen, als sie als Florence in der Telefonzelle dem Ingenieur Julien ihre Liebe beteuert. Der, gespielt von Maurice Ronet, sitzt in seinem Büro und erwidert ihre Schwüre. Verzweiflung hängt in diesem Telefonat. „Wir werden nicht glücklich sein, wenn der Weg nicht frei ist“, flüstert Florence. Und Julien pflichtet ihr bei. Die Kamera, die ihre Gesichter bisher in großen Detailaufnahmen eingefangen hat, zieht sich nun zurück. Wir sehen Moreau weiter in den Telefonhörer sprechen, ihre Worte aber verstehen wir nicht mehr. Stattdessen schwingt Miles Davis’ Trompete sich in verzweifelte Höhen, die die Endgültigkeit des Plans der beiden Liebenden bereits vorwegnehmen.
Nichts weniger als das perfekte Verbrechen plant Ingenieur Julien, nämlich den Mord an seinem Chef. Der alte Rüstungsunternehmer ist der Ehemann von Florence, steht dem Glück der beiden Liebenden im Weg. An einem Samstag überredet Julien also seine Sekretärin, Überstunden zu machen, während er in seinem Büro nicht gestört werden möchte. Sie sitzt vor der geschlossenen Tür, garantiert ihm ein Alibi. Er hangelt sich derweil an der Fassade ins obere Stockwerk und überrascht seinen Chef mit einer Pistole. Die Waffe hat zuvor Florence aus ihrem Haus geschmuggelt – der Ehemann soll mit einer Kugel aus der eigenen Pistole im Leib gefunden werden. Ein cleverer Versuch des Mörders, die ganze Sache nach Selbstmord aussehen zu lassen.

Als er den Chef erschossen hat, drückt Julien ihm die Waffe in die Hand, verschließt die Türen zum Chefbüro von innen und hangelt sich über die Balkone zurück. Schon hier zeigt Regisseur Louis Malle durch Bildaufbau den kritischen Blick auf die Gesellschaft. Julien tut all das am helllichten Tag, vor aller Augen. Bevor er sich an der Außenwand nach oben hangelt, blickt er vom Bürobalkon hinab. Unten rauscht der Verkehr. Die Kamera fängt während des Kletterns die Stadt im Hintergrund ein. Eine Wand aus Fenstern blickt auf Julien, aber niemand sieht hin, niemand beachtet, was er tut. In der Großstadt sind alle in ihren eigenen Leben gefangen.
Zweifelnd läuft sie durchs nächtliche Paris
Der Plan scheint zu gelingen. Julien verlässt sein Büro gemeinsam mit der Sekretärin. Das Alibi sitzt perfekt. Erst als der Ingenieur sein Auto startet, sieht er das Kletterseil noch immer am Balkon baumeln. Er rennt zurück ins Gebäude, springt in den Fahrstuhl, da schließt der Pförtner gerade ab und legt den Schalter für die Hauptsicherung fürs restliche Wochenende um. Julien sitzt fest, und seinen bereits laufenden Wagen schnappt sich ein kleinkrimineller Jugendlicher, der ein Floristenmädchen mit der illegalen spontanen Spritztour beeindrucken möchte.
Von hier an wechselt die Handlung zwischen dem jugendlichen Draufgängerpärchen, Julien im Fahrstuhl und Florence, die in immer größerer Verzweiflung durch die Pariser Nacht treibt. Julien ist nicht zum verabredeten Zeitpunkt im Café aufgetaucht. Hat er im letzten Moment gekniffen? Ist er gar mit einer anderen ins Wochenende gefahren? Florence sieht seinen Wagen auf dem Boulevard vorbeizischen, ihr Blick bleibt am Floristenmädchen hängen. Das Bild schürt ihre Eifersucht. Wir hören ihre Gedanken, ihre Vermutungen, ihre Zweifel am Geliebten und beginnen uns selbst zu fragen, wie fest diese Liebe, für die der Ingenieur gemordet hat, eigentlich ist.
Dass Zuschauer Zeit für solche Gedanken haben, liegt auch an der Filmmusik. Der jazzaffine Malle hatte erfahren, dass Miles Davis ein paar Wochen in Paris verbrachte. Malle nahm Kontakt auf, führte Davis den Film zweimal vor, danach sagte der Musiker zu. In einer einzigen nächtlichen Sitzung nahm er den Soundtrack in einem Studio in Paris auf. Davis improvisierte direkt zu den Bildern, schuf Rhythmus und Melodie spontan. Malle war begeistert. Als „losgelöst“ von der Handlung, ja zum Teil gar „elegisch“ beschrieb er Davis’ Musik später. Und genau deshalb habe sie seinen Film in etwas Brillantes verwandelt.
Einer, der mindestens genauso dazu beiträgt, ist Lino Ventura, den wir nach etwa einer Stunde zum ersten Mal sehen. Als Kommissar Cherier tritt er auf, im leicht zerdrückten Trenchcoat überm Anzug befragt er Florence, die bei einer Razzia in der Nacht festgenommen wurde. Sie lässt beiläufig fallen, dass ihr Gatte oft beim Innenminister speist. Er zeigt sich davon unbeeindruckt: „Ich weiß, Madame, ich weiß.“ Lächelnd nimmt der Kommissar die Aussagen der reichen Frau entgegen. Gibt sich hilfsbereit, ja fast harmlos, nur kurz flackert fuchshafte Schläue durch seinen Blick – Peter Falk wird diesen Ansatz später für seinen Columbo ausbauen.
Ventura ist eine heimliche Hauptfigur des Films. Derjenige, dem es obliegt, die Ordnung des Systems wiederherzustellen, obwohl nicht ganz klar ist, ob er selbst überhaupt daran glaubt – Katzbuckelei gegenüber den bürgerlichen Eliten lehnt er ab, ebenso das Einschmeicheln bei der Presse. Seinen Intellekt setzt er vielmehr ganz bescheiden ein, um die Grundregeln, ohne die eine Gesellschaft in tödliches Chaos verfällt, zu festigen.